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[MarktWirtschaft] Das Schwarz-Weiß-Weltbild des William R. White

3. September 2012

Es macht immer etwas misstrauisch, wenn jemand alles, wirklich alles, was so schief läuft, mit den angeblich zu niedrigen Zinsen erklären will. Die Fed von Dallas hat ein Paper von William White, dem ehemaligen Chefvolkswirten der BIZ, veröffentlicht. Doch so richtig überzeugt es nicht.

William R. White – Ultra Easy Monetary Policy and the Law of Unintended Consequences

dallasfed.org/assets/documents/institute/wpapers/2012/0126.pdf



Okay, die globalen Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen mit der Verkettung von Niedrigzinsperioden zu erklären, ist vielleicht gerade noch so nachvollziehbar. Aber vielleicht sollte White auch mal erwähnen, wie viele Milliarden aus China und von den Ölexporteuren in dem halben Jahrzehnt bis zum Ausbruch der Finanzkrise 2007 in die USA geflossen sind (es waren rund 5000 Mrd. $).

Diese Zahlungsströme haben weltweit das Zinsniveau so lange und stark gedrückt, dass selbst die Fed irgendwann machtlos war, als sie die Marktzinsen wieder steigen lassen wollte. Und die Milliarden haben erst den riesigen Kreditboom angefacht, an dem sich die Banken dumm und dusslig verdient haben.

Aus Whites Sicht dürften diese Ungleichgewichte aber eben mit den erwähnten Niedrigzinsen in den 1980er und 1990er Jahren zu tun haben, die zur Asienkrise und dem folgenden Wechselkursregime in China und eben auch zum Ölpreisboom geführt haben sollen.

Meint White also, dass höhere Zinsen alleine geholfen hätten, die Asienkrise, die Techblase und die Immobilienblasen in den USA, Irland, Großbritannien und Spanien zu verhindern? Meint er etwa auch, dass höhere Zinsen verhindert hätten, dass die Einkommen in den hochentwickelten Ländern so stark auseinanderdriften? Zweifel sind angebracht.

Wenn jemand die Rolle von Liberalisierung und Deregulierung im globalen Finanzsystem der vergangenen 30 Jahre mit keinem Wort erwähnt und wenn jemand völlig außer Acht lässt, dass eine löchrige Finanzaufsicht eben die andere Seite der Medaille ist und zu den Übertreibungen auf dem US-Immobilienmarkt beigetragen hat, dann kann man Whites Niedrigzinsthese nicht wirklich ernst nehmen.

Fraglich ist auch, ob man, wie White, heute noch ruhigen Gewissens Schumpeters These von der „schöpferischer Zerstörung“ anhängen und meinen kann, dass sie durch niedrige Zinsen unterbunden wird und somit die Triebkräfte der Kapitalismus bremst. Eine These übrigens, die selbst so manche (auch klügere) marxistische Konjunkturforscher bis zum Untergang der Staatssozialismus vertreten haben. Sie meinten nämlich, dass der Kapitalismus seinen Untergang nur immer wieder hinausschiebt und durch keynesianische Konjunkturpolitik den großen Knall nur hinauszögert.

Viel eher dürfte es jedoch so sein, dass die kapitalistische Wirtschaftswelt schon viel zu lange viel zu komplex für liberale Experimente geworden ist. Die Pleiten von Lehman und Griechenland sollten uns ein warnendes Beispiel sein. Deswegen spricht viel dafür, dass das, was Bernanke und Draghi gerade vorhaben, eben immer noch das Beste ist, was diesen Kapitalismus noch retten kann. Doch sehr viel mehr ist nötig.

Natürlich kann es sein, dass die Notenbanken den großen Knall tatsächlich nur hinauszögern – wie die alten Marxisten so gerne orakelten. Wir wissen es einfach (noch) nicht. Aber spricht das dann dafür, jetzt Millionen Menschen in den USA und Europa in Not und Elend zu stürzen? Vielleicht hilft es ja, wenn wir das simple Schwarz-Weiß-Weltbild des William White einfach mal hinter uns lassen.

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  1. Norbert80
    5. September 2012 um 16:50

    Niedrige Zinsen haben definitiv die Spekulation angetrieben – u.a. in Spanien und in de Staaten. White hat sicherlich auch Recht damit, dass niedrige Zinsen zur Milderung eines Schocks den Grundstein für die nächste Blase legen – sofern keine ausreichende Regulierung vorgenommen wird. (Dauerhaft) niedrige Zinsen erleichtern auch die exzessive Verschuldung die eine Spekulationsblase weiter befeuern kann – aber die Zinsen waren dennoch nicht das Kernproblem wie Herr Fricke sehr schön ausführt.

    Es gibt übrigens durchaus auch Handlungsoptionen einen langfristig ungesunden Immobilienboom nicht ausufern zu lassen, u.a. höhere Eigenkapitalanforderungen, Beschränkungen bei den Verbriefungsmöglichkeiten um moral hazard abzumildern usw.:

    http://www.welt.de/finanzen/immobilien/article13899305/China-erzwingt-Sondersteuer-fuer-Luxus-Villen.html

    Es ist sehr erstaunlich wie beschränkt die bisherigen Regulierungen gewesen sind um in die angebliche „optimale Allokation von Ressourcen der effizienten Finanzmärkte“ einzugreifen – und das seit über zwei Jahrzehnten.

    Es ist schier unglaublich mit welchen Hebeln und Klumpenrisiken Hedge-Fonds, aber auch Banken operieren konnten um die EK-Rendite auf Teufel komm raus zu steigern.

    Das Kernproblem liegt nach wie vor in der zunehmenden Dominanz der Finanzmärkte die es dank personeller Verflechtungen mit der Aufsicht/Politik (USA) und großzügigen Spenden geschafft haben Regulierungen zu minimieren sowie Gewinne/Risiken auf Kosten der Realwirtschaft und der Steuerzahler zu maximieren. Sobald die Exzesse die Empörungsschwelle überschreiten (Bsp. Saving and Loans Krise, Enron, Madoff usw.) werden einige Exempel statuiert und die Regeln leicht verändert aber keine nachhaltige Kurskorrektur vorgenommen.

    Nach den Erfahrungen der letzten beiden Jahrzehnte ist es zu befürchten, dass eine grundlegende Neuordnung erst nach einer ähnlich schweren Krise wie 1929-1933 erfolgen wird.
    Wenn man sowohl pessimistisch als auch zynisch ist, kann man daher durchaus die These vertreten dass „zu niedrige“ Zinsen den „notwendigen?“ ganz großen Knall und Kollaps lediglich hinauszögern und daher „falsch“ sind. Die kurz- und mittelfristigen Folgen dieser „schöpferischen Zerstörung“ werden aber verheerender sein als manche sich das vorstellen können.

  2. Peter Noack
    4. September 2012 um 09:22

    Der Hinweis ist richtig:“Wir wissen es einfach (noch) nicht.“ Bald, 5 bis 6 Jahre, werden wir es jedoch wissen. Bis dahin können ja eigene Überlegungen nicht schaden. Nehmen wir einmal an, dass die EZB sämtliche Staatsanleihen der Krisenstaaten, GIIPS, aufkauft. Das sind weniger als 3.000 Mrd. Euro. Wer erhält das Geld für die aufgekauften Staatsdanleihen? Die jetzigen Inhaber,zumeist Banken sowie Versicherungen und Pensionsfonds aus diesen Staaten. Geben diese nun das Geld in die Wirtschaft für Investitionen und Konsum? Gibt es dafür Absatzmärkte? Wenn ja, wo? Was machen die ehemaligen Staatsanleiheinhaber mit dem Geld? Kaufen diese dann Rohstoffe oder Immobilien, z. B. in Deutschland? Das könnte dann eine Rohstoff- oder Immobilienblase nachsichziehen. Woran sind diese erkennbar? Hier liegt die Inflationsangst der Bundesbank begründet. Wie zeigt sich dieser Zusammenhang für die USA?
    Werden die Bilanzen von Geschäftsbanken und Versicherungen bis zu den Sozialversicherungen stabiler, wenn die EZB die Staatsanleihen aufkauft? Auch das werden wir in einigen Jahren wissen. Die Stresstests sollten das ja schon gezeigt haben. Was sind die Erfahrungen der vergangenen 80 Jahre vor diesem Hintergrund noch Wert? Bisher konnte die Fiskalpolitik in den USA und die Geldpolitik durch die Zentralbanken, Fed bzw. EZB, die Wirtschaft noch nicht auf den Trendpfad vor der Finanzmarktkrise zurück führen. Wird das durch Anleihekäufe besser gelingen? Zweifel sind angebracht. Wie auch immer, die Bereinigung der Bilanzen wird viele Steuermilliarden kosten. Banken, Versicherungen usw. werden dann keine Steuerzahler sein. Was raten Sie der Realwirtschaft, die für die Verluste der Finanzwirtschaft bluten muss?

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