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[MarktWirtschaft] Was Fondsgebühren mit Stromtarifen zu tun haben

15. Oktober 2012

Stellen Sie sich vor, Ihre Stromrechnung hinge nicht nur davon ab, wie viel sie verbrauchen, sondern davon, wie oft Ihre Nachbarn das Licht an- und ausschalten. Und davon, ob in Ihr Versorger gerade einen guten Kundenzulauf hat (dann wird’s teurer) oder ob ihm gerade viele Kunden verloren gehen (dann wird’s auch teurer). Ein Irrsinn? Mitnichten. Es ist der ganz normale Alltag in der deutschen Fondsbranche – und ab 2014 wird sich das Problem nochmals deutlich verschärfen.

In Grundzügen steht nun die Finanztransaktionssteuer in elf EU-Ländern ab 2014, darunter auch Deutschland: Beim Kauf und Verkauf von Aktien und Anleihen sollen je 0,1 Prozent des Transaktionsvolumens als Steuer anfallen. Zwar sind jetzt erst einmal die Bürokraten am Zug, das ganze umzusetzen (und die Umgehungsexperten in den Banken natürlich auch). Doch eine rechnerische Übersicht kann man sich schon jetzt verschaffen: Kauft also ein Privatanleger dann für 5.000 Euro Aktien, muss er fünf Euro entrichten. Beim späteren Verkauf dann nochmal.

Das klingt zunächst nicht viel. bedenkt man jedoch, dass ja bereits eine Abgeltungsteuer auf Zinsen, Dividenden und Kursgewinne anfällt und zudem noch die üblichen Gebühren bei Banken und Brokern, macht das Wertpapiersparen nicht attraktiver.

Eine Branche, die aber besonders aggressiv gegen die Finanztransaktionssteuer schoss, ist die Fondsbranche über ihren Verband BVI. Eine fragwürdige Rechnung kam am Ende zu dem Schluss, dass ein typischer Riester-Sparer über 40 Jahre am Ende 14.000 Euro zahlen müsse.

Diese Überlegung ist gleich in mehrerer Hinsicht interessant. Denn bemerkenswerterweise setzen die Fondslobbyisten von Anfang an voraus, dass die Finanztransaktionssteuer auch eins zu eins den Fondsanlegern aufgebürdet wird. Was denn auch sonst, mag man argumentieren, die Fondsanbieter sind ja nicht die Wohlfahrt. EEG-Umlagen für die Energiewende landen ja auch beim Endverbraucher von Strom und nicht bei den Stromanbietern.

Bleibt man bei diesem Vergleich, stellt sich die Welt ab 2014 wie folgt dar: Stellen Sie sich vor, wie viel Sie für Strom bei Ihrem Versorger ausgeben, hängt nicht von Ihrem Stromverbrauch
ab, sondern auch davon, wie viel Ihre Nachbarn in der Wohnung unter Ihnen oder nebenan verbrauchen. Oder ob Sie in einem reinen Wohngebiet wohnen, oder aber in einer Straße, an deren Ende ein Industriebetrieb sitzt, der einen besonders stark schwankenden Strombedarf hat. Fährt der seine Anlagen mal volle Pulle hoch und wieder runter, kommen die Versorger zu Ihnen und ziehen Ihnen dafür ein paar Euro mehr ab. Oder hat ihr Stromanbieter gerade besonders regen Zulauf, wird es teurer. Verlassen ihn gerade viele Kunden, wird es auch teuerer. Ideal wäre eine gleichbleibende Kundenzahl und ein gleichbleibender Verbrauch aller Stromkunden.

Ein Aufschrei wäre sicher. Nicht aber in der Fondsbranche. Nach genau diesem anachronistischen System werden nämlich seit Jahren in Deutschland Transaktionskosten von vielen Investmentfonds „sozialisiert“ unter allen Anlegern. Und künftig entsprechend auch Steuern auf Transaktionen.

Das Spiel läuft so: Für einen Investmentfonds fallen fixe Managementgebühren an und ggf. fixe Performancegebühren oder Vertriebsvergütungen. Die können Sie nachlesen. Nicht nachlesen können Sie ex ante indes Transaktionskosten. Die werden Ihnen ebenfalls vom Fondsvermögen abgezogen. Das heißt: Je nervöser der Fondsmanager herumdaddelt, desto höher auch die Transaktionskosten. Doch es muss auch nicht zwingend der Fondsmanager sein, der oft die Pferde wechselt.

Auch Mittelzuflüsse und Mittelabflüsse sorgen naturgemäß für Transaktionen: Verwaltet Ihr Aktienfondsmanager im Fonds XYZ 100 Mio. Euro, hat davon 90 Prozent investiert und hält 10 Prozent „Kasse“ und fließen ihm von einem Investor – nennen wir ihn Müller – 20 Mio. Euro zu, so wird der Manager – wenn er seine Kassenquote beibehalten will – etwa 18 Mio. Euro in Wertpapiere investieren müssen. Sie, der Sie den Fonds XYZ schon vor Jahren gekauft hat, müssen nun die Transaktionskosten für die 18 Mio. Euro an Ankäufen mitfinanzieren – obwohl Sie sie als geduldiger Investor gar nicht verursacht haben. Überlegt es sich Investor Müller in drei Monaten anders und zieht seine 20 Mio. Euro wieder ab, wird der Fondsmanager wieder Aktien über 18 Mio. Euro liquidieren. Und die Gebühren zahlen natürlich Sie wieder mit. Und nicht (nur) der Verursacher. Obwohl Sie für diese Gebühren gar nichts „können“.

Und genau hier liegt die Crux, die die Fondsanalysten von Morningstar hier schön herausarbeiten und auch eine Musterrechnung präsentieren: Künftig werden dann nicht nur die Gebühren bei den (meisten) Fonds sozialisiert, sondern das Problem mit der Finanztransaktionssteuer verschärft: Schlägt ein Fondsmanager das Vermögen besonders häufig um und/oder fließen dem Fonds besonders viele Gelder zu …. oder ab …. oder beides nacheinander, dann schlägt das künftig noch stärker durch, nämlich im Paket aus Transaktionskosten und der darauf fälligen Transaktionststeuer.

Ein zu vernachlässigendes Problem? Mitnichten. Zitat der Morningstar-Analyse: „Laut unserer Datenbank Morningstar Direct haben beispielsweise Aktienfonds mit Vertriebszulassung in Deutschland in den vergangenen 3 Jahren im Durchschnitt eine Umschlaghäufigkeit von zwischen 100 und 130% aufgewiesen. Für die „aktivsten“ dieser Fonds waren in der Vergangenheit Werte von 500% und mehr keine Seltenheit.“

In vielen anderen Ländern ist das Problem unbekannt. Transaktionskosten werden etwa in angelsächischen Ländern und auch bei Indexfonds meist nach dem Verursacherprinzip demjenigen belastet, wegen dessen Transaktionen sie anfallen, etwa über verschiedene Fondstranchen. Oder aber man arbeitet mit einem Disagio.

Dass stärkere Regulierung auch zu immensen sozialen Kosten außerhalb der Zockerstuben von Hedgefonds und Banken führen wird, kann zwar niemanden ernsthaft überraschen. Wie man es auch dreht und wendet: Das Problem „sozialisierter“ Transaktionskosten bei Investmentfonds wird ab 2014 mit der Transaktionssteuer nochmals verschlimmert. In der aktuellen Ausgabe von Capital rechnet etwa der IVA-Chef Andreas Beck vor, dass schon heute ein aktiver Aktienfonds 4,7 Prozent Rendite p.a. vor Kosten erwirtschaften muss, damit Anlegern nach Gebühren, Inflation und Steuer überhaupt ein Realzins von Null Prozent – also der Kapitalerhalt bleibt. Geduldige Langfristanleger werden sich dreimal überlegen (müssen), ob sie bereit sind, schlimmstenfalls eine Potenzierung ihrer Transaktionskosten hinzunehmen, nur weil ihr bevorzugter Fonds von kurzfristig spekulativ orientierten Investoren entdeckt wird oder der Manager in Hektik verfällt.

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  1. Christian Kirchner
    19. Oktober 2012 um 09:34

    Eine Frage habe ich allerdings: Müsste die Finanztransaktionssteuer nicht zwingend in die Fondkurse eingerechnet werden (also im Prinzip als Agio/Disagio, wenn ich das richtig verstehe)? Denn ein Font mit 100 Anteilen á 1 € (= 100 € Fondvermögen, 0% Kassenquote) könnte bei der kompletten Liquidation des Kapials ja niemals 100 €, sondern nur 99,90 € auszahlen. Also ist in diesem Fall der Wert eines Anteils nicht eigentlich nur 0,999 €?

    (…) >Mit der Einführung der Transaktionssteuer müssen die Fonds denn wohl auch zwingend zum “Angelsächischen Prinzip” übergehen, andernfalls wird wohl kaum noch jemand in einen solchen Fond investieren.

    Viele Grüße
    Benjamin Garn

    Hallo, ja natürlich soll die eingerechnet werden, und natürlich mindest sich der Net Asset Value (also der ausgewiesene Fondspreis) aufgrund anfallender Transaktionskosten, die ja nicht Teil der ausgewiesenen Total Expense Ratio TER sind. [Es gibt übrigens auch gute Gründe, es genau so und nicht anders zu machen, unter anderem auch rechtliche Vorgaben, was aber nichts daran ändert, dass man auch über Alternativen nachdenken sollte, mehr dazu hier: http://www.ftd.de/finanzen/investmentfonds/:investmentfonds-transaktionskosten-belasten-alle-anleger/60028706.html

    Machen wir es mal konkret am DWS Vermögensbildungsfonds I fest: Volumen aktuell 5,1 Mrd. €, zum Ende des letzten Geschäftsjahres September 2011 waren es 4,35 Mrd. Euro, Portfolio Turnover Rate zwischen 04/2011 und 03/2012 (1 J) = 85 Prozent. Blick in den letzten Jahresbericht: Vom Fondsvermögen wurden 73,4 Mio. Euro als Verwaltungsaufwendung abgezogen, das entspricht 1,68 Prozent bezogen auf das Fondsvermögen von 4,35 Mrd. Euro zum GJ-Ende September 2011, die abgezogen werden (Die Differenz zu den ausgewiesenen 1,44% erklärt sich vermutlich durch das zeitweise höhere Volumen im Verlauf des Geschäftsjahres). Laut Jahresbericht nicht erfasst sind aber die Transaktionskosten: Die summierten sich im letzten abgeschlossenen Geshäftsjahr (10/2010-09/2011) auf 14,7 Mio. Euro – und minderten natürlich auch entsprechend den Anteilswert des Fonds über die Verwaltungskosten hinaus. Diese Transaktionskosten machen also 0,33 Prozent des Fondsvermögens zum Geschäftsjahresende aus und mindern den ausgewiesenen Net Asset Value. Kein Pappenstil, wie es so schön heißt. Es ist natürlich auch genau so, wie Sie sagen: Wenn ein Fonds komplett liquidiert wird, bleibt am Ende weniger übrig, weil ja die Transaktionskosten alles noch mal schmälern.

  2. Benjamin Garn
    18. Oktober 2012 um 10:24

    Sie vergessen in ihrer Analyse, dass viele Fonds die Transaktionskosten für den Ein- und teilweise auch für den Ausstieg in Form eines Ausgabeaufschlags bzw. Rücknahmeabschlags weiterbelasten. Diese Kosten werden also keineswegs unter den bestehenden Anlegern sozialisiert.

    Ganz nebenbei muss man ja beim Verkauf von Fondanteilen diese nicht zwingend an den Fond zurückgeben, sondern kann diese auch an der Börse verkaufen. In diesem Fall trägt der Verursacher sogar auf jeden Fall die Transaktionskosten selbst!

    Und eines der Ziele der Finanztransaktionssteuer ist definitiv, die Handelsfrequenz zu senken. Das Bedeutet nun mal, das nervöse Fondmanager eben nicht mehr herumdaddeln und kurzfristig spekulieren, sondern langfristiger anlegen sollen und müssen.

    Ich persönlich halte das auch durchaus für positiv, denn die Erfahrung zeigt, die Märkte funktionieren auch ohne Hochfrequenz Computerhandel sehr gut. (Oder wie wie hat die Börse vor vierzig jahren sonst funktionert…!?)

    • Christian Kirchner
      18. Oktober 2012 um 10:32

      Hallo, besten Dank für den Hinweis, den ich allerdings inhaltlich nicht verstehe. Die Ausnahmen sind die Fonds, die wirklich mit einer „All-In-Fee“ arbeiten. Aber der Ausgabeaufschlag hat doch nichts mit den Transaktionskosten zu tun, sondern ist eine Vergütung für den Vertrieb. Und aus welchem Grund sollte ein Anleger Investmentfondsanteile über eine Börse verkaufen, wenn er sie genausogut gebührenfrei über die Gesellschaft liquidieren kann? Die anfallenden Transaktionskosten auf Anlegerebene beim Erwerb bzw. Verkauf haben ja nichts mit den Transaktionskosten auf Fondsebene zu tun, die ich hier meine. Anders formuliert: Wie Sie ihre Fondsanteile kaufen und verkaufen ändert nichts an der Belastung, die Ihnen auf Fondsebene für die Transaktionen des Fondsmanagers entstehen. Ansonsten stimme ich Ihnen inhaltlich zu, fürchte nur, dass es hier einmal mehr so laufen wird wie bei vielen anderen Regulierungsfragen: Man findet das natürlich häufig „gut“, übersieht aber, dass am Ende viele Regulierungsmaßnahmen auch zu sozialen Kosten führen werden, die jeder Bankkunde, Fondsanleger, Lebensversicherungskunde wird tragen müssen und die die „an die Kandare genommenen“ Banken, Versicherer usw. nur zu gerne durchreichen werden.
      Herzliche Grüße, Christian Kirchner

      • Benjamin Garn
        18. Oktober 2012 um 15:31

        Hallo Herr Kirchner,

        ich habe gerade nocheinmal recherchiert und sie haben Recht: In der Regel geht der Ausgabeaufschlag an den Vertrieb.

        Eine Frage habe ich allerdings: Müsste die Finanztransaktionssteuer nicht zwingend in die Fondkurse eingerechnet werden (also im Prinzip als Agio/Disagio, wenn ich das richtig verstehe)? Denn ein Font mit 100 Anteilen á 1 € (= 100 € Fondvermögen, 0% Kassenquote) könnte bei der kompletten Liquidation des Kapials ja niemals 100 €, sondern nur 99,90 € auszahlen. Also ist in diesem Fall der Wert eines Anteils nicht eigentlich nur 0,999 €?

        Und mit dem Verursacherprinzip haben sie absolut recht. In allen anderen Fällen sinkt der Wert jedes Fondanteils, wenn der Fond zusätzliches Kapital erhält oder verliert. Die Transaktionskosten die durch Ein- und Verkauf von Fondanteilen entstehen dürfen also eigentlich unter keinen Umständen auf die anderen Fondteilnehmer umgelegt werden.

        Mit der Einführung der Transaktionssteuer müssen die Fonds denn wohl auch zwingend zum „Angelsächischen Prinzip“ übergehen, andernfalls wird wohl kaum noch jemand in einen solchen Fond investieren.

        Viele Grüße
        Benjamin Garn

  3. Ulf Cihak
    17. Oktober 2012 um 17:34

    Heißt das : weggehen von Fonds, lieber direkt in Aktien ?
    Wie kann man dann der Transaktionssteuer entgehen ?

    • Christian Kirchner
      17. Oktober 2012 um 17:45

      Noch ist die Finanztransaktionssteuer ja nicht in trockenen Tüchern, da bleibt noch genügend Zeit, zu reagieren. Ich bin aber dennoch fest davon überzeugt, dass ein Privatanleger – gerade im Zeitalter der Niedrigzinsen und folglich auch niedrigerer Aktienmarktrenditen als bisher – weit stärker auf Kosten achten muss als bisher, will er nicht von Steuern, Managementgebühren, Transaktionskosten zerrieben werden. Sie müssen dazu ja nicht gleich Fonds durch eine Direktanlage in Aktien ersetzen, wenngleich genau das der Trend der letzten 12-18 Monate ist (aktive Aktienfonds haben Abflüsse, die Bundesbank verzeichnet aber Zuflüsse in Aktien-Direktanlagen), denn die Streuung ist ja eine feine Sache. Mit passiven Indexfonds schlagen Sie aber schon mal zwei Fliegen mit einer Klappe, sofern Sie sich die Auswahl selbst zutrauen: Sie zahlen per se deutlich niedrigere Gebühren und müssen sich auch kaum um Transaktionskosten und ihre Besteuerung sorgen, da diese Fonds anders verwaltet werden als aktive Fonds. Sie finden dazu hier auf Seite 43 eine gute Erklärung: http://www.boerse-frankfurt.de/DE/MediaLibrary/Document/Sonstiges/etf_handbuch.pdf

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