Startseite > Chefökonom > Prognostiker 2012 – Prophet aus Südwest

Prognostiker 2012 – Prophet aus Südwest

6. Dezember 2012

Robuster Export, schwindende Investitionen – die beste Konjunkturvorhersage für 2012 kam aus Stuttgart: von Jens-Oliver Niklasch von der LBBW. Gefolgt, man höre und staune, von der EU-Kommission und dem deutschen Sachverständigenrat, beides keine Traditionssieger. Hier ist die traditionelle Jahresendauswertung von insgesamt mehr als 50 Prognosen für die deutsche Wirtschaft.  

Als die Auguren vor zwölf Monaten ihre Prognosen für die deutsche Wirtschaft 2012 erstellten, lautete die Botschaft in Kurzform etwa so: Das neue Jahre werde zu einem Schicksalsjahr, in dem entweder die Euro-Krise überwunden und alles gut wird – oder das Drama eskaliert. Als Optimisten galten damals die, die spürbar mehr als ein Prozent Wirtschaftswachstum versprachen. Die Pessimisten prophezeiten eine schwarze Null.
Zwölf Monate später lautet die Auflösung: weder noch – ein bisschen so wie bei Angela Merkels Krisenmanagement. Der große Crash ist ausgeblieben, auch weil die europäische Notenbank seit Sommer mit Garantieversprechen für den Euro hilft. So richtig gut wurde dadurch die konjunkturelle Lage allerdings nicht – schon weil die Rezession in den Krisenländern immer schärfer wurde.
Die besten Prognosen haben für 2012 damit weder Optimisten noch Pessimisten gemacht, sondern die, die im (oberen) Mittelfeld lagen. Und: Am nächsten kam der Realität diesmal ein Prognostiker, der sicher nicht zu den Stars der Branche zählt: der Konjunkturchef der Landesbank Baden-Württemberg, Jens-Oliver Niklasch – gefolgt von den Ökonomen von EU-Kommission und dem deutschem Wirtschaftssachverständigenrat.
Kurz vor Jahresende ist absehbar, dass Deutschlands Bruttoinlandsprodukt 2012 mit 0,8 Prozent gewachsen sein dürfte. Eher gut lief dabei noch der Export. Nur stand dem gegenüber, dass die Unternehmen aus lauter Euro-Krisen-Angst ihre Investitionen bedrohlich zurückgefahren haben. Auch wuchsen die Konsumausgaben mit rund einem Prozent nicht wirklich so dynamisch, wie mancher prophezeite.
Dass die deutsche Wirtschaft um rund 0,8 Prozent zulegen würde, ahnten immerhin sieben unter den mehr als 50 Prognostikern, die von der FTD – wie jedes Jahr seit 2002 – gecheckt wurden. Darunter sind ein paar Überraschungsgäste, etwa die Bundesregierung, die sonst eher selten zu den Besten zählte. Oder die führenden Forschungsinstitute mit ihrer Gemeinschaftsprognose, die in aller Regel einen Wettbewerbsnachteil haben, da ihr Gutachten immer schon im Oktober präsentiert wird; die anderen Prognostiker können in ihren Jahresendprognosen noch aktuellere Daten berücksichtigen.
Die Ökonomentruppe um Wirtschaftsminister Philipp Rösler lag mit den Details ihrer Deutschland-Prognose allerdings ziemlich daneben. Die Regierung unterschätzte sowohl die Exportdynamik als auch den Einbruch der Investitionen. Auch der Konsum lief nicht so gut wie im Regierungsviertel gewünscht. Nur etwas besser schnitten da die Institute ab, ebenso wie die Experten aus der mittlerweile geschlossenen volkswirtschaftlichen Abteilung der WestLB. Erstere ahnten, dass die Investitionen 2012 mager ausfallen würden; letztere, dass die Exporte noch gut expandieren würden.
Für die Gruppe der Top-Prognostiker 2012 gilt Ähnliches: Überraschung. Ziemlich gut lagen neben IKB-Chefökonom Kurt Demmer auch die Sachverständigen, die allein wegen eines ähnlichen Wettbewerbsnachteils wie die Institute sonst eher auf den hinteren Rängen landeten. Die Professoren prophezeiten ein Konsumplus von fast einem Prozent und einen Exportzuwachs von immerhin gut drei Prozent. Die EU-Kommission, sonst verlässlich schlecht in ihren Deutschland-Prognosen, landete noch etwas näher an der Realität und damit diesmal sogar auf Platz zwei – eine weitere Auszeichnung für Europa nach der Zuteilung des Friedensnobelspreises 2012.
Sowohl Kommission wie Sachverständige träumten Ende 2011 allerdings noch davon, dass die Unternehmen ihre Investitionen aufstocken würden. Hier liegt denn auch der entscheidende Unterschied zum Sieger aus dem Südwesten der Republik.
Kein anderer Prognostiker ahnte neben dem Wachstum von 0,8 Prozent so relativ treffgenau, dass der Konsum wirklich um rund ein Prozent zulegen, die Exporte am stärksten expandieren – und die Investitionen trotzdem schrumpfen würden. Genau diesen Mix aus konjunkturellen Trends sagte Landesbanker Niklasch vergangenen Dezember am besten voraus.

prognostiker1

In Kürze folgt an dieser Stelle auch die Langzeitauswertung. Autoren:  Thomas Fricke, Charlotte Bartels, Martin Kaelble und Mathias Ohanian, Berlin

Advertisements
  1. Norbert80
    7. Dezember 2012 um 13:40

    Bei hinreichend vielen „Prognostikern“ liegen einige zwangsläufig „richtig“. Ob einige tatsächlich „bessere Kristallkugeln“ haben, könnte man erst nach mehreren Jahren abschätzen. Und selbst dann wäre Vorsicht angebracht: Strukturbrüche lassen die besten Modelle zur Makulatur werden. Siehe den Konjunktureinbruch in Folge der „Finanzkrise“ und den anschließenden Aufschwung. Interessant wäre der Rangkorrelationskoeffizent – je näher bei 0 desto eindeutiger wird, dass die ausgeklügelten Modelle nicht viel mehr taugen als die Kristallkugeln der Hellseher im örtlichen Zirkus. Eine gewisse Analogie besteht auch zu den jeweils „aktuell besten“ Fondsmanagern – oft spielt da Glück und Zufall auch eine wesentlich größere Rolle als „hochprofessionelles Know-How“. Ein Rückschluss auf die „Prognosefähigkeit“ in der Zukunft ist daher nur sehr sehr eingeschränkt möglich.

  1. No trackbacks yet.
Kommentare sind geschlossen.
%d Bloggern gefällt das: