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David Milleker – Eine gefährliche Methode

11. Januar 2013

Volkswirte treibt regelmäßig die Frage um, wie konjunkturelle Schwankungen und langfristige Trends zueinander in Beziehung stehen. Natürlich gibt es dabei die üblichen zwei Extrempole, aber auch jede Menge Raum dazwischen. Den einen Extrempol bilden Volkswirte, für die sich der langfristige Trend ausschließlich aus der Abfolge kurzfristiger Entwicklungen ergibt; den anderen solche, für die es allenfalls Zufallsschwankungen um einen vordeterminierten Langfristtrend gibt. Für die Mehrheit dürfte das Erkenntnisinteresse allerdings primär darin bestehen, dass mit einem Überschießen eines längeren Trends regelmäßig interessante Phänomene auftreten. Das gilt beispielsweise mit Blick auf die Inflation, wenn zuvor die Arbeitslosenquote deutlich gefallen oder gestiegen ist. Zumeist pendelt sich der Preisauftrieb freilich wieder ein, sobald sich die Arbeitslosenquote stabilisiert hat.

Die Crux ist nun allerdings, dass man eine Methode braucht, um Trend und Zyklus analytisch zu trennen, obwohl man das Potenzial nicht unmittelbar beobachten kann, sondern ausschließlich die in der Vergangenheit realisierten Ergebnisse kennt. Also müssen statistische Verfahren benutzt werden, um das Potenzial aus den vergangenen Werten abzuleiten. Man sollte sich allerdings von vornherein bewusst machen, unter welchen Bedingungen diese Verfahren überhaupt zu sinnvollen Ergebnissen führen.

Im Folgenden zunächst eine Anmerkung zu den Verfahren und anschließend ein bemerkenswertes Beispiel für die fehlgeleitete Anwendung derselben.

Zur Unterscheidung von Potenzial und Zyklus kann man unterschiedlich komplexe Verfahren verwenden. Das einfachste sind sogenannte Filter, ein deutlich komplexeres die Schätzung von Produktionsfunktionen. Beiden gemein ist, dass man anschließend eine (stark) geglättete Version der ursprünglichen Datenreihe in ihrer tatsächlich beobachtbaren Form hat. Oder einfacher ausgedrückt sind alle diese Verfahren komplexere Variationen der gleitenden Durchschnittsbildung. Dies begrenzt ihre Anwendbarkeit jedoch auf Fälle, in denen beispielsweise das Wachstum stetig zwischen 1,5 und 2,5% hin- und herpendelt. Die Verfahren versagen allerdings, wenn man es mit einmaligen großen Schocks zu tun hat. Die Verfahren liefern dann einen Trend, der so gar nicht existiert und ökonomisch unplausibel ist.

Als besonders einschlägiges Beispiel kann man die Schätzungen zum „Potenzialwachstum“ der EU-Kommission aus der AMECO-Datenbank ansehen. So wird beispielsweise das spanischePotenzialwachstum im Jahr 2007 noch auf +3,2% beziffert, für 2013 auf -1,2%. Wohlgemerkt handelt es sich hierbei nicht um die Prognose für das laufende Wachstum, sondern um das Potenzial. Auf Grundlage dieser Zahlen wäre die Schrumpfung der Wirtschaftsleistung dann nicht durch eine sehr missliche Ausgangslage wie eine geplatzte Immobilienblase, einen verstopften Kreditkanal und eine Kapitalflucht bedingt, sondern durch die „Struktur“. Etwas weniger rabiat fällt die Anpassung beim zweiten Potenzialmaß aus, dem „Trendwachstum“. Immerhin gibt es hier für 2013 mit 0,4% noch einen leicht positiven Wert.

Dennoch dürften beide Verfahren, die einen Absturz des Wachstumspotenzials von 3% auf Stagnation oder Dauerschrumpfung anzeigen, sich kaum mit dem decken, was sich Nicht-Ökonomen darunter vorstellen. Wahlweise waren die Zahlen vorher zu hoch oder sind jetzt viel zu niedrig (nach unserer Einschätzung beides).

Wir selbst würden ein anderes Verfahren zu Bestimmung des Potenzials bevorzugen, das sich etwa an den Wachstumsraten bei konstanter Arbeitslosenquote, stabilem Leistungsbilanzsaldo und dem Wachstum der Erwerbsbevölkerung orientiert. Für Spanien ergibt sich bei einem solchen Verfahren ein Potenzialwert von etwas über 2% – und zwar sowohl vor als auch nach der Finanz- und Euro-Krise. Dieser Ansatz gehört aber nicht zum ökonomischen Mainstream.

Nun ist eine nur unter bestimmten Gegebenheiten anwendbare Methodik das eine, ihre praktische Anwendung kann allerdings bei mangelndem Verständnis für ihre Anwendungsvoraussetzungen gefährlich werden. Die Methodik ist aber beispielsweise im europäischen Fiskalpakt mit implementiert. Nämlich über die Konjunkturbereinigung der Budgetdefizite. Diese soll eigentlich verhindern, dass der Staat konjunkturell bedingten Defiziten hinterherspart. Wenn aber, wie im Falle Spaniens, eine Krise rein methodisch einen niedrigen Ausweis des Wachstumspotenzials nach sich zieht, werden krisenbedingte Defizite schnell zu strukturellen Defiziten, denen dann eben doch hinterhergespart wird. Und so entsteht ein Teufelskreis aus öffentlichem Sparen und schwachem Wachstum, während sich die Konjunkturbereinigungsmethode selber nährt.

Die kurze Moral von dieser Geschichte: Regelbindung ist schön, aber auch Regeln können unsinnig sein. Regeln, die auf statistischen Verfahren fußen, die im konkreten Fall nicht anwendbar sind, gehören in die unsinnige Kategorie.

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  1. Peter Noack
    14. Januar 2013 um 12:42

    Ein sehr interessanter Beitrag!
    Soweit ich das verstanden habe, geht es darum wie Arbeitslosenquote und Inflationsrate im Zusammenhang stehen. Dieser Zusammenhang wird mit der Phillips-Kurve dargestellt. Für die Wirtschaftspolitik des Staates geht es darum, ob durch Geldpolitik oder Fiskalpolitik bzw. beidem, Anreize für die Wirtschaft gesetzt werden. Ökonomen sehen zumeist die Eingriffe des Staates in die Wirtschaft kritisch. Dabei führt die Ausweitung der Geldmenge zu sinkenden Zinsen, höheren Investitionen, mehr Nachfrage nach Produktionsfaktoren und zusätzlichen Beschäftigten. Produktion und Nachfrage erreichen ein neues Gleichgewicht. (Produktions- bzw. Nachfragefunktion)
    Kurzfristig sinkt die Arbeitslosenrate, die durch steigende Inflation konterkariert wird. Die Inflationserwartungen steigen und damit auch die Preise. Inflationsrate und Arbeitslosenquote führen mittelfristig zur natürlichen Arbeitslosenrate bei durchschnittlicher Inflation. Die kurzfristige Verschiebung durch staatliche Eingriffe führt langfristig zum Ausgleich. Weil es langfristig keinen Unterschied gibt, sollte der Staat besser auf seine Eingriffe verzichten.
    Hier sind nun die Argumente von Milleker bedeutsam. Phillips-Kurve, Produktions- und Nachfragefunktion sind statistisch geglättet, was nichts anderes heißt, dass die täglichen Schwankungen, die wie die täglichen Temperaturverläufe oder die Börsenkurse um ihre Hochfrequenzausschläge bereinigt sind. Damit sind wir bereits an den Grenzen volkswirtschaftlicher Positionen von Angebots- bzw. Nachfragetheoretikern angekommen.
    Werden die beschriebenen Prozesse nicht im Zeitpunkt t betrachtet, sondern im realen Zeitverlauf, dann lässt sich das langfristige Marktgleichgewicht nur noch nachträglich statistisch vereinfacht erfassen. Ein Zeitpunkt jetzt, an dem das Marktgleichgewicht fixiert werden kann ist damit ausgeschlossen. Die Rechts- bzw. Linksverschiebung der Kurven erfolgt in der Realität kontinuierlich. Das gilt für Angebot und Nachfrage, für Arbeitslosigkeit und Inflation, für die Güter- und Faktorpreise usw. usf.
    Die Realwirtschaft ist dann ein komplexes Raum – Zeit – Kontinuum mit 7 Milliarden Einzelakteuren. Täglich entscheiden diese hundertfach auf Grund ihrer Präferenzen. Sie schätzen ihre Opportunitätskosten und verhalten sich mehr oder weniger rational. Das Raumzeitkontinuum mit 7 Mrd. Akteuren ist n dimensional. Täglich kommen zusätzliche Entscheidungen dazu. Zum Erfassen dieses Kontinuums ist ein völlig anderer mathematischer Apparat erforderlich. Die Grenzwerte, Extremwerte, werden ins Zentrum der Betrachtung gerückt. Die aggregierte Nachfragekurve ist dann nicht mehr einfach nach unten gerichtet. Im Zeitverlauf ist sie eine Parabel. Bei Produktionssteigerung und Preissteigerung findet der Ausgleich von Angebot und Nachfrage immer näherungsweise statt. Es lassen sich die Wahrscheinlichkeiten diese Ausgleichs ermitteln. Die mathematischen Verfahren sind bereits vorhanden und bekannt. Sie sind auch als logarithmische Funktion berechenbar und graphisch darstellbar.
    Werden die Ökonomen zu einer relativistischen Wirtschaftslehre fähig sein? So lange das nicht gelungen ist, sind Wirtschaftsprognosen reine Spekulation und Politikberatung ist eher Geisterbeschwörung. Fehlprognosen und Falschberatung sind dann unvermeidbare Regel und nicht die Ausnahme.
    Diese Konsequenz ziehe ich aus dem interessanten Beitrag von David Milleker

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