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Anatomie eines Umfrage-Desasters (II): Breite Zustimmung für den Rundfunkbeitrag!

12. Januar 2013

Über eine besonders spannende Studie bin ich heute früh über den Link eines befreundeten TV-Moderators gestolpert. Demnach hat die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Auftrag der ARD ermittelt, dass der neue Rundfunkbeitrag „breite Zustimmung“ bei den Deutschen fände. Das fand ich zwar angesichts der erregt geführten Debatte diverser Medien und anderslautender früherer Umfragen ungewöhnlich, aber nun gut. Ein interessierter Blick auf die konkrete Fragestellung legt dann aber anschaulich dar, wie die gut geölte Maschinerie aus Public-Relations-Beauftragten und Meinungsforschern läuft.

Vorab ein kleiner Blick in den Werkzeugkoffer von Pressestellen von Unternehmen, Verbänden, Parteien und Politikern: Zunächst muss man zwischen zwei Situationen unterscheiden: Der Normalzustand, in dem wenig los ist, man nicht im Rampenlicht steht, aber eigentlich gerne häufiger in der Presse genannt würde. Und vor allem in Ruhe seine eigenen PR-Ziele verfolgen kann. Zum Beispiel, als besonders sozial, innovativ oder leistungsfähig dazustehen.

Und es gibt den Action-Zustand. Da steht man als Unternehmen oder Verband im Rampenlicht, obwohl man es lieber nicht wäre, etwa, weil es Streiks gibt für höhere Löhne, weil man in einen Skandal verwickelt ist, weil man unpopuläre Entscheidungen getroffen hat.

In beiden Zuständen sind Umfragen ein machtvolles Instrument, die eigenen Interessen zu verfolgen und vor allem die öffentliche Meinung zu steuern. Wer etwa unter zu wenig Aufmerksamkeit der Medien leidet, kann sich eine clevere Frage ausdenken, deren Beantwortung mittels einer „repräsentativen Befragung“  die Öffentlichkeit mutmaßlich interessiert – und landet damit in der Presse. Etwa, dass 64 Prozent der 45- bis 59jährigen besonders feierfreudig sind und an Silvester erst zwischen 2 und 3 Uhr ins Bett gehen oder was die Lieblingsprinzessinen der Deutschen sind.

Die fortgeschrittene Stufe ist, strategische Ziele zu verfolgen: Wer Angst hat, dass das eigene Oligopol in der Wasserversorgung wackelt, lässt mal flugs die Leute befragen, ob sie denn dafür oder dagegen sind, dass „Brüssel neue Vorschriften für die Organisation der Wasserversorgung“ einführen soll und trompetet begeistert heraus, dass 82 Prozent dagegen sind (ich gebe zu: Diese suggestive Formulierung ist einfach spitze: Sind Sie dafür, dass Brüssel neue Vorschriften einführen soll? Brüssel. Neue Vorschriften.)

Die Expertenstufe ist dann, in einer laufenden Debatte, im Action-Modus, den Versuch zu unternehmen, die öffentliche Meinung zu steuern.

In allen genannten Fällen sind Umfragen einfach genial. Denn sie sind schnell gestellt. Vom Auftrag bis Auswertung müssen keine 24 Stunden vergehen. Sie können an die täglich laufenden Umfragen angekoppelt werden von den großen Instituten. Und sie sind vor allem unglaublich günstig: Eine Befragung von 1.000 Deutschen, deren Ergebnis Sie das Siegel „repräsentativ“ verpassen können, kostet bei einer ja/nein-Frage schlappe 720 Euro und bei einer offenen Frage 1.150 Euro.

Sie können verhandeln oder sich beraten lassen, wie die Frage gestellt wird. Und vor allem: Sie veröffentlichen das Ergebnis natürlich nur, wenn es Ihnen als Auftraggeber (Unternehmen, Verband) passt. Sonst bleibt es einfach in der Schublade. Oder wird anders formuliert und nochmal in Auftrag gegeben. Sie haben quasi für einen vierstelligen Euro-Betrag die einseitige Option auf Steuerung der öffentlichen Meinung oder wenigstens zitiert zu werden mit Quellenangabe.

Die Gebühreneinzugszentrale …Verzeihung, der Beitragsservice von ARD, ZDF und Deutschlandradio, wie die GEZ heißt, ist derzeit jedenfalls im Actionmodus. Man könnte auch sagen: Ist Ziel eines veritablen Shitstorms, weil doch manche Unternehmen, Privatpersonen, Medien mit der Idee der neuen Pauschale – manche schimpfen: Zwangsabgabe – nicht ganz einverstanden sind.

Was veröffentlicht man da? Natürlich: Eine Umfrage. In dem Fall fragt die Nürnberger GFK im Auftrag der ARD. Das Ergebnis ist aber offenbar zur Zufriedenheit der Ex-GEZ ausgefallen. Denn, so war gestern bei T-Online zu lesen mit Quellenverweis DPA:

GEZ-Beitrag findet breite Zustimmung bei den Deutschen

Auch die „Welt“ zitiert aus der Studie (“ Laut einer Umfrage der ARD, die der dpa vorliegt, ist die klare Mehrheit der Deutschen für den neuen Rundfunkbeitrag“). Das hat mich dann doch neugierig gemacht. Und tatsächlich, wer nicht nur eilig liest, dass die Deutschen der neuen Zwangsabg… äh, der Wohnungspauschale breit zustimmen, sondern auch, was da gefragt wurde, erfährt erstaunliches. Nämlich, wie die breite Zustimmung ausgelotet wurde. Gefragt wurde nämlich offenbar (wenn hier kein redaktioneller Fehler vorliegt, weder bei GEZ noch GFK habe ich die Studie gefunden) folgendes:

„Befürworten Sie die Veränderung des neuen Modells oder lehnen Sie diese ab?“

Ich muss da erst mal drei Sekunden drüber nachdenken.  Befürworte ich die Veränderung des neuen Modells? Hm. Käme ja auf die Art der Veränderung an. Weniger Geld? Mehr Geld? Komplettes zurückdrehen?

Jedenfalls: 76 Prozent der Befragten begrüßten die Beitragsreform. Diese Angabe leitet sich direkt aus der Frage ab, denn es heißt bei T-Online:  „Auf die Frage „Befürworten Sie die Veränderung des neuen Modells oder lehnen Sie diese ab?“ antworteten im Dezember 76,3 Prozent der Befragten, dass sie die Beitragsreform begrüßen.“

Das heißt also: Die Antwort auf die Frage, ob die Menschen die neue Zwangsabgabe / Wohungspauschale / GEZ-Reform gut finden oder nicht wurde nicht ermittelt, in dem sie gefragt wurden, ob sie  die neue Zwangsabgabe / Wohnungspauschale / GEZ-Reform (je nach Wording erhalten Sie die gewünschten Ergebnisse) gut oder schlecht finden. Oder ob sie die alte Erhebungsform besser fanden oder nicht oder welche sie besser finden. Sie wurde ermittelt, indem man Menschen gefragt hat, ob sie die Veränderung des neuen Modells befürworten.

Ich finde diese Fragestellung nicht nur krude. Ich finde sie auch missverständlich, ja frech, denn ich kann mit der Beantwortung machen, was ich will. Denn die Befürwortung der Veränderung des neuen Modells kann heißen, dass ich befürworte, dass das neue Modell verändert wird. Die Befürwortung kann aber auch heißen, dass ich befürworte, was die Veränderungen des neuen Modells mit sich gebracht haben.

Der innere Bezug von „Veränderung“ und „neues Modell“ bleibt in der Formulierung vollkommen unklar. Zumindest dann, wenn ich nicht in irgend einer Form schon in der Anmoderation der Frage auf die Spur gesetzt wurde.

Intuitiv lese ich es übrigens so, dass „Befürworten Sie die Veränderung des neuen Modells“ hier so gemeint ist, dass eine Ablehnung der Veränderung als Zustimmung zur Reform interpretiert wurde. Aber das sieht vermutlich jeder anders.

Komischerweise ist das Institut TNS in einer „repräsentativen Umfrage“ Mitte Dezember zu ganz anderen Schlüssen gekommen. Da hat der „Spiegel“ die Umfrage in Auftrag gegeben, und, komisch, da lehnte die breite Mehrheit das Konzept ab, nämlich 60 Prozent.  Leider finde ich ad hoc nichts näheres zur genauen Fragestellung.

Glaubt man aber der GfK, hat sich, trotz der erregten Kampagne vieler Medien und Unternehmen, nicht viel verändert. Denn die „breite Zustimmung für die Beitragsreform“ wurde so laut Quelle T-Online auch schon im Mai, Oktober und November gemessen mit Werten zwischen 75,8 und 76,3 Prozent. Was ich besonders amüsant finde, denn gefühlt ist diese Reform erst seit bestenfalls ein bis zwei Monaten auf dem Radar des „Durchschnittsbürgers“, ohne, dass es auf die Stimmungslage einen Einfluss gehabt hätte. Aber im letzten Mai soll die Zustimmung bereits sehr breit gewesen sein, künftig eine Zwangsabg… äh, Wohnungspauschale zu erheben, bevor überhaupt die Leute richtig wussten, warum es geht? Und zwar fast exakt so breit wie jetzt? Irre.

Immerhin besteht hier eine gewisse Restchance, dass die Studie selbst anders gefragt hat und nur in der Redaktion von dpa oder T-Online das Ergebnis und die Fragen völlig falsch wiedergegeben und interpretiert wurden.

Jedenfalls: Die Seite hier heißt ja Wirtschaftswunder, das ist definitiv auch ein kleines Umfragewunder!

Disclaimer: Ich habe zur GEZ-Reform keine dezidierte Meinung, zahle aber bereitwillig Gebühren, egal wie sie heißen, da ich mit dem Angebot der öffentlich-rechtlichen Sender sehr zufrieden bin.

Disclaimer II: Ich weiß, Versprechen gebrochen, nicht mehr über Demoskopie zu schreiben. Jetzt ist wirklich Schluss.

  1. Jörg Schneider
    14. Januar 2013 um 19:48

    „Ich finde diese Fragestellung nicht nur krude. Ich finde sie auch missverständlich, ja frech, denn ich kann mit der Beantwortung machen, was ich will. Denn die Befürwortung der Veränderung des neuen Modells kann heißen, dass ich befürworte, dass das neue Modell verändert wird. Die Befürwortung kann aber auch heißen, dass ich befürworte, was die Veränderungen des neuen Modells mit sich gebracht haben.“

    Die Fragestellung ist eindeutig und unmissverständlich. Sollte das Ergebnis ausfallen wie oben interpretiert, müsste die Frage lauten:

    “Befürworten Sie eine Veränderung des neuen Modells oder lehnen Sie dies ab?”

  2. Joe
    14. Januar 2013 um 16:24

    Heute lese ich dass Murdoch die Kontrolle mittlerweile in SKY Deutschland übernommen hat. Es erinnert mich an seinen Anfang vor mehreren Jahrzehnten in Britannien. Wird jemand die Deutschen aufklären?

  3. Werner Sonne
    14. Januar 2013 um 12:22

    Klasse Beitrag, Herzlichen Dank. Ich wünschte mir auch Deutschlands Rentner würden ihn lesen.

  4. Bettkober
    14. Januar 2013 um 09:34

    Super Beitrag – wenn sich eine breite Mehrheit die „Veränderung des neues Modells“ wünscht, heisst es für mich Ablehnung des neuen Modells also das Gegenteil dessen, was die Subventionierten sich wünschen. Es wird Zeit, das Lügen als Straftatbestand in die Verfassung kommt, so wie in Singapore (mit Stockschlägen bestraft) und etwas konkreter: klare gesetzliche Vorgaben (Veröffentlichung Studie, Angabe Auftraggeber, Frage/verwendetes Medium/Personenzahl) um dieser vorsätzlichen Umweltverschmutzung des öffentlichen Bewusstseinsraums einen Riegel vorzuschieben.

    PS: Kommentar zu unserem angelsächsischen Protagonisten: wenn man eine FTD nur mit BILD bekäme (bzw. beides gemeinsam abschaffen könnte) wär mir der Preis zu hoch und ich wäre mit Abschaffen einverstanden – also lassen wir die „Titten“ bei der SUN. G&J und die dahinterstehenden Familien(rest)vermögen werden sich im Zweifel mit solchen Fehlentscheidungen selbst zugrunde richten. Der Börsenwert von Springer ist gerade noch EUR 3Mrd – soviel verdient Apple in einer Woche mit Spielzeugtelefonen – klingt nicht mehr so gefährlich. Freigeister finden einen anderen Weg – wo ist eigentlich Thomas Fricke?

    • John Doe
      19. Januar 2013 um 09:00

      @Bettkober

      Was halten Sie eigentlich von den GEMA- und Urheberrechtsgebühren? Bayern Alpha nimmt gerade sein Nachtprogramm vom Sender, weil die GEMA und Urheberrechtsgebühren nicht mehr bezahlbar sind. Ist die GEMA staatlich oder privat organisiert? Sind für Sie die GEMA- und Urheberrechtsgebühren auch eine „Zwangssteuer“? Warum wird in diesem Fall nicht mit Schaum vorm Mund dagegen geäzt?

      Nebenbei, der von den Zeitungsverlegern erfundene Begriff „Zwangssteuer“ ist sachlich falsch. Steuern haben kein Ziel, Gebühren schon. Quelle: . Lexikon des Steuerrechts,
      6. Auflage 2008, Josef Schneider u.a., Finanz und Steuern, Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart
      aber er trifft auf Emotionen und hat den etwas irrationalen „Volkszorn“ auf den Staat gezündet. ‚Für wen ist der Staat aber der größte Feind? Ganz im Sinne von Hans-Hermann Hoppe, der treue zeitgenössische Anbeter und Verehrer des größten Neoliberalen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Ludwig Mises bringt dies auf den Punkt: „Eine Rückkehr zur Normalität erfordert nichts Geringeres als die vollständige Eliminierung des gegenwärtigen sozialen Sicherungssystems: der Arbeitslosenversicherung, der Sozialhilfe, der Krankenversicherung, der öffentlichen Bildung usw. – und damit die fast vollständige Auflösung und Dekonstruktion des gegenwärtigen Staatsapparates und der Regierungsmacht.“ Wer und was soll durch wen und was ausgetauscht werden und zu welchem Zweck und zu wessen Vorteil und Nachteil?

      Was Hoppe wohl unter „Normalität“ versteht und wen er als berechtigt und legitimiert sieht? Will er etwa, wie Glen Beck in den USA auf seinem eigenem Grund gegen Pachtzins, Galt´s Gulch errichten? @Bettkober, was verstehen Sie darunter? Was sagen Ihnen WTO und GATS und EU, das Recht der supranationalen Verträge und die Begründung für die Privatisierung der öffentlichen Wasserversorgung (link: http://www.youtube.com/watch?v=eMIgAhHc_AA – Monitor Bericht) in Deutschland im Zusammenhang mit der „Normalität“?

  5. Joe
    12. Januar 2013 um 13:57

    Having followed your instruction (invitation) in English, I have arrived at comments, only what do I now know or have learned from your article?

    You have found a incoherent formulation that was used by T-online, very cute indeed or does it represent their standard as a company? If so, it is time to look for another operator.

    For the rest you have found out how to influence people or how people are influenced these days. That the FTD neved stooped to this level I have fully appreciated, sadly it also meant that the market was not ready for the quality. If you had had a cash cow „with tits“ like the SUN or the Bild as a sideline you might still be around with the FTD.

  6. Olaf Schilgen
    12. Januar 2013 um 11:29

    Großartiger Beitrag, der sehr erhellend ist in Bezug auf die Unsinnigkeit von solchen Pauschalaussagen wie auch Umfragen.

    Allerdings kann ich die Begeisterung über diese Zwangsabgabe nicht ganz teilen – ich bin seit bald zehn Jahren ohne Fernsehen ganz glücklich gewesen – und mit der Financial Times Deutschland fand ich mich auch ganz gut informiert.

    Für die absurden Summen, die allein die 23 Spartensender so im Monat verbraten, hätte man das weitere Erscheinen der FTD für Jahrzehnte sicherstellen können.

    Das wäre in meinen Augen ein erheblich besser Beitrag zur öffentlich-rechtlichen Meinungsbildung als Forsthaus Falkenau.

    Mir fehlt ganz allgemein eine breite öffentliche und parlamentarische Diskussion zu den konkreten Zielen und Aufgaben des Rundfunks.
    Die ursprüngliche Aufgabe des Beitrags, die Bezahlung der Funkmasten bei Einführung, ist so langsam abgeschlossen. Man könnte mal demokratischer über die Aufgaben und mögliche Beschränkungen diskutieren, als das irgendwelchen Pöstcheninhabern zu überlassen.

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