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Angela „Festgeld“ Merkel, die 10 Prozent der FDP – oder: Die erstaunlichen Parallelen von Politik und Geldanlage in diesem Land

20. Januar 2013

Angela Merkel und die CDU/CSU reüssieren in Meinungsumfragen, die FDP triumphiert in Niedersachsen und Peer Steinbrück hat einen – vorsichtig formuliert – schweren Stand. Wie kommt das bloß? Die Sache ist eigentlich recht einfach. Denn in Politik wie Geldanlage treibt die allermeisten Deutschen derzeit nur eines um: Bloß den Status quo sichern. Ein Kommentar.

Die FDP feiert in Niedersachen einen kaum erwarteten Sensationserfolg. Und selbst wenn wir alle Meinungsumfragen um unsere mehrfach geäußerte Skepsis bereinigen, zeichnen Demoskopen derzeit ein eindeutiges Bild: Die CDU/CSU und besonders Angela Merkel reiten auf einer Sympathiewelle, SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück schneidet im Vergleich zu Angela Merkel im Kopf-an-Kopf-Vergleich dramatisch schlecht ab.

Wenn ich allerdings in meinem Freundeskreis jemanden spontan frage, welche Reform, welches Projekt denn die aktuelle Regierung seit der letzten Wahl erfolgreich angegangen ist, ernte ich ausnahmslos sekundenlanges Schweigen – gefolgt von einem nebulösen Verweis auf die Orchestrierung der Euro-Rettung. Doch die verdient ja –  nach objektiven Maßstäben der Kosten, der Risiken, des Griechenland-Umschuldungs-Eiertanzes – auch nun nicht eben das Prädikat Weltklasse.

Ich glaube nicht, dass Steinbrücks Patzer für die Umfragelage verantwortlich sind und auch nicht, dass zu viele Leute an seinen Plänen (wer könnte spontan drei Ziele nennen?) herummäkeln oder seine Vortragshonorare obszön finden.

Ich glaube schlicht, dass die allermeisten Menschen in diesem Land selten so viel Angst vor Veränderung hatten wie derzeit. Sie haben zwar einen Grundoptimismus, aber auch ein feines Gespür dafür, dass vor dem Hintergrund der ausufernden Schulden der Industrieländer, der Euro-Krise, den noch immer kaum regulierten Finanz- und Derivatemärkten und den nur verhaltenen Wachstumsperspektiven schon eine Beibehaltung des Status quo für sie absolut zufriedenstellend wäre. Dass sie diese Beibehaltung sofort buchen, wählen, unterschreiben würden, wenn es denn ginge. Auch bei Nullwachstum. Erst recht, wenn man sich die weiter sehr kommode Lage am Arbeitsmarkt ansieht und die Probleme vieler anderer Euro-Länder.

Sie würden ungern auch nur kleinste Risiken eingehen, die der Hang zu mehr Wachstum oder eine Veränderung der politischen Landschaft mit sich brächten.

Und genau so legen auch die meisten Deutschen ihr Geld an: Auch hier ist schon eine Beibehaltung des Status quo vollkommen ausreichend. Die Medien (auch wir) überschlagen uns seitenlang mit dem Thema der finanziellen Repression: Realzinsen unter Null, weil die Teuerung unterhalb der risikolosen Spar- und Anleihezinsen liegt. Über Jahre. Ich habe den Eindruck, das Thema interessiert in meinem Umfeld sehr, sehr wenige Menschen, leider.

Wenn das Sparguthaben pro Jahr derzeit rund 1,5 Prozent an Kaufkraft verliert – na und? „Das ist besser, als zusätzlich zur Entwertung auch nominal Geld zu verlieren mit riskanten Anlagen“ – so argumentieren die meisten in meinem Umfeld. Also sind die meisten mit 0,5 oder vielleicht 1,25 Prozent Zins vollkommen zufrieden und liegen vierstellige Milliardenbeträge in mager verzinsten Sicht- und Spareinlagen und wurden 2012 – allen „Ratschlägen“ zum Trotz – für bestenfalls für einen niedrigen zweistelligen Milliardenbetrag langfristig rentablere Aktien oder Aktienfonds gekauft. Dass der DAX wieder bei 7700 Punkten steht? Geht an den meisten vorbei.

Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich glaube, ein weit höherer Anteil an Sachwerten wie dividendenstarke Aktien im Portfolio täte vielen Menschen mit zehn und mehr Jahren Geduld ganz gut. Politisch habe ich keine Meinung, wer der bessere Kanzler wäre, neige keiner Partei zu und bin überfragt, ob ein politischer Wechsel gut wäre in Berlin oder nicht. Und natürlich erkenne ich an, dass es auch Menschen gibt, denen es derzeit alles andere als gut geht, und die dringend einen Job bräuchten und mit dem Status quo unzufrieden sind. Aber die sehr große Mehrheit hätte nun lieber keine Experimente.  Weder bei der Geldanlage. Noch in der Politik.

Und deshalb überrascht auch der FDP-Erfolg in Niedersachsen kaum, den natürlich auch kein Demoskop auf dem Zettel hatte. Warum soll es der alten FDP-Wählerklientel anders gehen als der übrigen Bevölkerung? Oder den anderen Wählern aus dem bürgerlichen Lager, die mal die CDU, mal die FDP wählen? Mit der herannahenden Wahl in Niedersachsen (und bald auch bundesweit) stieg plötzlich die Angst, man könne mit der Treulosigkeit der Partei gegenüber (und dem daraus vielleicht folgenden Flug aus dem Landtag bzw. Bundestag) einer politischen und folglich auch wirtschaftlich schwer kalkulierbaren Veränderung Vorschub leisten. Der Status quo ist ja doch nicht so schlecht. Das denken natürlich auch viele CDU-Stammwähler – und geben dann der FDP, ehe sich etwas dramatisch ändern könnte, doch die Stimme. (Ein Absatz eines älteren Blogeintrags von mir hat sich als überholt erwiesen – die aberwitzigen FDP- und Rösler-Umfragen haben offenbar eher zu einer Mobilisierung geführt)

In diesem Umfeld haben jedenfalls die SPD und Steinbrück einen schweren Stand. Diese subtile Angst, der Status quo könnte wackeln, sorgt dafür, dass bei Steinbrück genau hingeschaut wird.  Bemerkungen wie zum Kanzlergehalt werden auf die Goldwaage geworfen. Und natürlich haben es die Regierungsparteien und Angela Merkel ungleich leichter. Sie könnten ihren Wahlkampf vermutlich auch unter den Slogan „Keine Experimente!“ stellen und kämen damit gut weg.

Das gleiche gilt für die Geldanlage: Wenn es einen Slogan gibt, mit dem der Berater derzeit seinen Kunden einfangen kann, dann doch: Keine Experimente. Sicherheit geht vor.

Gespannt dürfen wir natürlich sein, wie uns die Demoskopen erklären werden, warum die Niedersachsen-Wahl so ausging, wie sie ausging. Und wie sich all jene politischen Kommentatoren äußern werden, die ihre Kommentare und Analysen in den letzten drei Wochen auf Basis windiger Umfragedaten verfasst haben statt mit gesundem Menschenverstand.

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  1. John Doe
    21. Januar 2013 um 07:15

    Rekordergebnis auf Leihbasis: Die FDP verdankt ihr überraschend gutes Ergebnis in Niedersachsen Zehntausenden Leihstimmen von CDU-Anhängern. Meinungsforscher sehen einen „Last-Minute-Transfer“ im schwarz-gelben Lager. Die Grafiken zur Wählerwanderung zeigen die extremen Schwankungen.

    Berlin – SPD-Chef Sigmar Gabriel blieb angesichts des Rekordergebnisses der FDP von deutlich über neun Prozent nur Spott. „Eigentlich gibt’s die nur, wenn sie Fremdblutzufuhr kriegt – die Partei existiert eigentlich nicht mehr“, lästerte Gabriel am Sonntagabend über die Liberalen. Das ist durch die Parteibrille gesehen natürlich zugespitzt ausgedrückt, ein wahrer Kern scheint an der Fremdblut-Theorie aber dran zu sein.

    Denn die FDP verdankt ihr starkes Abschneiden bei der Landtagswahl in Niedersachsen nach ersten Analysen der Meinungsforschungsinstitute tatsächlich in erster Linie etlichen Leihstimmen von CDU-Anhängern. Laut einer Erhebung von Infratest dimap für die ARD machten rund 101.000 Wähler der Christdemokraten ihr Kreuz diesmal bei der FDP. Das ist die mit Abstand stärkste Wählerwanderung in Niedersachsen. Auch die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen sprach von einem „Last-Minute-Transfer im schwarz-gelben Lager“: 80 Prozent der aktuellen FDP-Wähler würden demnach eigentlich CDU wählen.

    Soviel zur Herrlichkeit der FDP.

    Inhaltlich. Mit was will die FDP reüssieren? Vielleicht mit der Absicht das Ausführungsorgan der GATS Beschlüsse über die Handlungsanweisung der EU-Kommission zur Privatisierung der Wasserversorgung in Deutschland zu sein. Der trickle-down Effekt (Sickerwasser) kann dann schnell Wirkichkeit werden!

    Quelle: spon, SZ, Die Welt

    • Christian Kirchner
      21. Januar 2013 um 10:12

      Ja ja, die Leihstimmen! Objektiv ist es ja so, dass die Demoskopen und alle politische Kommentatoren, die auf Basis der “repräsentativen Umfragen” zur FDP herumgeleitert haben, seit gestern 18 Uhr ohne Hemd und Hose dastehen. Das will sich natürlich niemand eingestehen, also gehen Demoskopen und Journalisten dann gleich das nächste Bündnis ein, um diese Blamage zu kaschieren – und erklären die Stimmen für die FDP kurzerhand zu Stimmen zweiter Klasse. Leihstimmen. Stimmen, mit denen man ja nicht rechnen kann, weil sie eigentlich da nicht hingehören, sondern woanders hin. Die man relativ sehen muss. Die nicht zählen und die, wie der Name schon sagt, ja zurück gegeben werden müssen. Und um das zu belegen, greift man WIEDER zu einer Meinungsumfrage, die belegt haben soll, dass das fast alles CDU-Wähler waren. Als ob es nicht schon seit 50 Jahren Leihstimmen gäbe. Als ob man das mit chirurgischer Präzision einfach mal so behaupten kann: 101.000 Stimmen oder 80% der FDP-Stimmen gehören denen eigentlich nicht, sondern der CDU. Ein merkwürdiges Demokratieverständnis, wenn Sie mich fragen, und auch eine merkwürdige Art, Wahlanalyse zu betreiben, statt sich zu fragen, ob denn die Kreuzchen nicht bloß aus dummen taktischen Erwägungen heraus erfolgt sind? Nur weil (fast) alle das gleiche schreiben (tolle Ausnahme: M. Inacker im Handelsblatt: http://www.handelsblatt.com/meinung/kommentare/kommentar-kein-schoener-land-ohne-die-fdp/7660814.html ), muss das ja nicht heißen, dass diese Leihstimmen-Diagnose stimmt. Wo ist eigentlich Herr Güllner von Forsa, der vor 11 Tagen in einem Interview mit Reuters Herrn Rösler auf Basis seiner Umfragen dazu geraten hat, noch vor der Niedersachsen-Wahl zurückzutreten, damit die FDP die 5-Prozent-Hürde schafft?
      Von der Geldanlage sind wir erneut nicht weit entfernt, denn auch beim DAX sehen wir ja einen Anstieg zweiter oder gar dritter Klasse: Der steht ja nicht etwa nach 30 Prozent Plus binnen Jahresfrist auf 7700, weil er historisch und im int. Vergleich gar nicht so teuer ist, leckere Dividenden zahlt, sondern, so der Tenor derer, die immer zweifeln: Weil das alles eine Folge des billigen Geldes und der Notenbankmaßnahmen ist. Merke: Es gibt “berechtigte” Anstiege und “unberechtigte”, so wie es auch “berechtigte” 10% für die FDP gibt (Stammwähler) und unberechtigte (Leihstimmen).

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