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David Milleker – Zu viel Geld und zu wenig sinnvolle Verwendungen

11. März 2013

Die globale Wirtschafts- und Finanzkrise hat in der Volkswirtschaftslehre alte Dogmenstreitigkeiten in neuer Schärfe zum Vorschein treten lassen. So beispielsweise über die Frage der schädlichen Nebenwirkungen zu niedriger Zinsen über zu lange Zeit.

So argumentieren Anhänger der „österreichischen Schule“, dass die aktuell praktizierte Nullzinspolitik der Zentralbanken zu unrentablen Fehlinvestitionen geführt habe und weitere hervorrufen werde. Umgekehrt argumentieren etwa „Post-Keynesianer“, dass der nominale Nullzins eigentlich immer noch vollkommen unzureichend sei. Schließlich dient der Zins als Preis für Geld ökonomisch dazu, Spar- und Investitionsneigung bei Vollbeschäftigung zu synchronisieren. Ist die Sparneigung hoch und die Investitionsneigung gering, muss der Preis entsprechend fallen. Dabei sind theoretisch auch Situationen denkbar, in denen der Preis negativ sein müsste, um den Markt ins Gleichgewicht zu bringen. Das Vorherrschen einer solchen Situation macht etwa Paul Krugman daran fest, dass in den USA gegenwärtig eine Kombination von Nullzinsen, schwachen Investitionen und hoher Arbeitslosigkeit simultan vorherrscht.

Am Beispiel des US-Unternehmenssektors ohne Banken und Versicherungen (non-financial corporations) lässt sich illustrieren, dass in dieser Diskussion teilweise sehr gepflegt aneinander vorbeigeredet wird.

Hier zunächst einmal eine Reihe von interessanten Fakten:
1. Im Gegensatz zu normalen Zeiten ist der Sektor Netto-Sparer, d.h. die laufenden Brutto-Investitionen sind geringer als die Summe aus einbehaltenen Gewinnen und Abschreibungen. Im Normalfall liegen die Brutto-Investitionen deutlich höher als die Brutto-Ersparnis.
2. Im laufenden Konjunkturzyklus sind zudem die Netto-Investitionen (Brutto-Investitionen abzüglich Kapitalverschleiß) weit unter dem historischen Durchschnitt und somit findet auch so gut wie kein Aufbau von Produktionskapazitäten statt.
3. Der Sektor hält in einem seit mehreren Dekaden nicht mehr gekannten Ausmaß liquide Finanzpositionen (Sichteinlagen und Geldmarktpapiere) vor.
4. Gleichzeitig werden in größerem Umfang Neukredite aufgenommen und die Brutto-Verschuldung relativ zur Wirtschaftsleistung steigt.

Auf den ersten Blick ist dieses Bild in sich höchst widersprüchlich, legt es doch einerseits ein höchst konservatives Verhalten im Unternehmenssektor nahe, während es andererseits nicht gerade für solides Verhalten spricht.

Eine erster Ansatzpunkt zur Erklärung würde darin bestehen, dass wir es hier mit einem Aggregationsproblem zu tun haben. Weil wir höchst unterschiedliche Unternehmen mit unterschiedlichen Ausgangslagen einfach zusammenfassen, sieht das Gesamtbild ein wenig schräg aus. Das ist dann der Fall, wenn zum Beispiel ein Teil der Unternehmen sehr dynamisch investiert und dafür auf Kredite zurückgreift, während ein anderer Teil sich extrem zurückhält und Geld hortet. Und tatsächlich durchläuft die US-Wirtschaft einen sehr dynamischen Strukturwandel etwa mit hohen Investitionen im Bereich Energieerzeugung und -distribution und Zurückhaltung an anderen Stellen.

Mit Blick auf die gesamtwirtschaftliche Finanzierungsrechnung halten wir diese Interpretation allerdings nur für bedingt stichhaltig. Diese zeigt nämlich, dass sich für den Gesamtsektor Neukreditaufnahme und Aktienrückkäufe im Verhältnis 1:1 bewegen. Unsere Interpretation der Datenlage ist, dass sich der Unternehmenssektor sehr unterschiedlichen Anreizen einerseits auf der real- und andererseits auf der finanzwirtschaftlichen Seite gegenübersieht.

Da ist auf der realwirtschaftlichen Seite der Befund, dass die bestehenden Kapazitäten – wenn auch nicht in jeder Branche, so doch im Gesamtsektor – noch nicht einmal auf historischer Normallast fahren. In einer solchen Situation macht es betriebswirtschaftlich wenig Sinn, neben die bestehende Fabrik noch eine zweite zu stellen, nur weil sie sich gerade billig finanzieren lassen würde. Außer Erhaltungs- und Modernisierungsinvestitionen macht die niedrige Investitionstätigkeit folglich ökonomisch Sinn.

Auf der anderen Seite ist aber – wie in jedem Zyklus nach Ende der unmittelbaren Erholungsphase – zu beobachten, dass die Gewinnmargen der Unternehmen nicht mehr dynamisch ansteigen, sondern sich eher auf ein Plateau zubewegen. Entsprechend bewegen sich dann Umsatz- und Gewinnwachstum im Gleichschritt. Aufgrund des abgeflachten realen wie nominalen Wachstumspfads der US-Wirtschaft seit 2009 ist das eine nicht sehr dynamische Wachstumsgeschichte. Da aber die Finanzierungskosten gering und der Kreditzugang möglich sind, lassen sich die Erträge je Aktie optisch verbessern, indem bei gleichen Erträgen die Zahl der Aktien per Rückkauf auf Kredit reduziert wird. Oder technisch gesprochen bedienen sich die Unternehmen eines höheren Kredithebels.

Was den Anteilseigner freut, ist nur bedingt zum Wohle des Fremdkapitalgebers – wird doch eine Ertragsverbesserung mit einer Verschlechterung des Bilanzprofils erkauft. Aus der Perspektive der österreichischen Theorie mit ihrem Gleichlauf von Konjunktur- und Kreditzyklus haben wir damit eine Indikation für eine eher spätzyklische Dynamik. Allerdings vollkommen im Einklang mit einem Unterbeschäftigungsgleichgewicht aufgrund schwacher Investitionen. So läuft der Dogmenstreit dadurch ins Leere, dass nur unzureichend zwischen real- und finanzwirtschaftlicher Ebene unterschieden wird.

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  1. David F. Milleker
    14. März 2013 um 12:39

    bienlein :heißt da? nich kurz: Die Wirtschaft sitzt in der “Liquiditätsfalle” ?

    Kurze Antwort: Ja, tut sie derzeit.

    • John Doe
      15. März 2013 um 23:37

      @Herrn Milleker

      Und wie ist die „Wirtschaft“, welche, die Realwirtschaft oder die Finanzwirtschaft, da mit was und wozu und zu wessen Vorteil/Nachteil und durch wen da rein geraten?

      Wer hat da nicht auf gepasst, der „Markt“ oder diejenigen, die uns da rein geritten haben, haben Sie den „Markt“ übertölpelt und sich am Ende sogar noch selbst übertölpelt?
      Wo ist das Geld jetzt, das ja vorher vorhanden gewesen sein muß, oder doch nicht?, wenn es nicht mehr beim Schuldner Finanzwirtschaft ist und wie ist es wo anders hin gekommen?

      Durch wen wird jetzt die Liquidität wieder her gestellt? Dazu der blogger Lamonth (bei Dimon, s. u.):

      “ we are subsidizing the rich to the tune of trillions and trillions of taxpayer’s dollars, by „qe“, and taxcuts, war, and no justice. but i should want to cut an old person’s mediare and social security because they are causing the debt.“

      In Deutschland wird bei Anne Will die „Agenda 2020“ ernsthaft gefordert, sie soll „the mess“, wie einst der Halbgott Herkules, den Stall des Augias (=Finanzwirtschaft) säubern!

      Neueste Nachricht aus den USA:

      Jamie Dimon Email Directly Ties JPMorgan CEO To $6.2 Billion Fiasco

      „Jamie Dimon’s email response was direct and to the point. “I approve,” he wrote to an oversight body within his enormous bank, JPMorgan Chase, thereby giving his blessing to an increase in the amount of risk the institution could shoulder. He also approved a change in the way a key trading unit was assessing threats of trouble in its then-burgeoning portfolio.

      That email — released late Thursday as part of a 300-page Senate report

      (http://media.bloomberg.com/bb/avfile/rJ5Q_k_NsIk8)

      probing how and why Dimon’s bank managed to lose $6.2 billion on derivatives trading — now appears to tie the chief executive directly to the disastrous decision-making at issue.“

      Seine bisherige Verteidigungsstrategie: Der „whale“ in London hat mich reingelegt!

      Mr. Milleker, so who will be held *ACCOUNTABLE AND RESPONSIBLE* for the loss?

      Meinen sie nicht langsam auch, dass so langsam das Ende der Fahnenstange erreicht ist?

  2. bienlein
    12. März 2013 um 20:21

    heißt da? nich kurz: Die Wirtschaft sitzt in der „Liquiditätsfalle“ ?

  3. John Doe
    11. März 2013 um 20:20

    Titel: Zuviel Geld – zuwenig sinnvolle Verwendung

    Es mag ja recht amüsant sein sich in den Dogmenstreit ein zu mischen. Damit sind aber die aktuellen Probleme nicht gelöst. Der Titel verspricht aber etwas ganz Anderes.

    Henrik Müller, mm, 11.03.13, „Der Fluch des weißen Elefanten“ (hoffentlich schlägt jetzt das Leistungsschutzrecht der Verlage nicht zu, in dem ich eine Abmahnung erhalte) hat es auf den Punkt gebracht.

    Die größte Wachstumsbremse in Europa sind nicht die Staatsschulden. Es sind auch nicht die verkrusteten Arbeitsmärkte, Es sind die gigantischen Schulden der Unternehmen. In D lägen sie bei rund 64 % des BIP = 1,4 Billionen €. Im Rest Europas sind Größenordnungen bis zu 360 % des BIP an der Tagesordnung. Mit einem Dogmenstreit ist überhaupt Nichts gelöst.

    Ein weiterer Bereich ist die gigantische Verschuldung des Finanzsektors. Summiert, ohne D, kommen da so rund 9,4 Billionen € zusammen. Deutsche Banken hinzugerechnet werden daraus flugs 18,4 Billionen €.

    Hierher gehört auch das Volumen des Schattenbankenbereichs in Höhe von € 600 Billionen. Es sind Schulden. Dieses Volumen wurde von Gläubigern eingesammelt. Die Krise hat 2007 mit dem Zusammenbruch von Lehman angefangen. Lehman brach wegen schief gegangener Derivategeschäfte zusammen. Delinqeunzrate = faule Kredite von 10 % BIP in Höhe von € 60 Billionen futsch! Den Beteiligten war die Dramatik klar, deshalb wird immer nur die Staatsverschudung thematisiert, besonders von den Dogmatikern in Deutschland, hier besonders von den Austarians.

    Wer die Verschuldung des Privatsektors geflissentlich über sieht, weil es sein Dogma so vorschreibt, dem gehört die Bastonade. Vor allem die privaten Schulden explodierten seit Beginn der Währungsunion förmlich: Bürger kauften hemmungslos Immobilien, Unternehmen „hebelten“ ihr Eigenkapital mit immer mehr Fremdkapital. Dadurch entstanden deformierte Wirtschaftsstrukturen. PrivatsektorI BIP: Jahr 2010 in Zypern (154%), den Niederlanden (134%) und Irland (125%) (Eurostat, BuBa). Auch wenn in D (62 %), GR (66%), Italien (59%).eine niedrigere Quote vor liegt sind es und bleiben es Schulden. In D in € rund 1,5 Billionen!

    Herr Milleker, wie kriegen wir die gigantische Verschuldung aus der Welt?

    Die Dogmatiker dürfen erst dann wieder aus der Deckung krabbeln, wenn die Frage der aktuellen gigantischen Verschuldung gelöst wird.

  4. Traumschau
    11. März 2013 um 16:31

    Jau! Wenn ich alles richtig verstanden habe, dann geht zu viel Kapital in die unproduktiven Finanzmärkte und zu wenig in die Realwirtschaft. Es macht ja auch keinen Sinn für Unternehmer zu investieren, wenn z.B. die Binnennachfrage nicht steigt. Also muss das Lohnniveau steigen – aber eben bei denen, die fast jeden Cent ausgeben müssen, also bei den unteren Einkommen. Aber das widerspricht der klassischen Theorie – das geht ja nicht!
    Das kostet ja Arbeitsplätze …
    Dabei waren in den USA die Löhne zuletzt so niedrig wie nie zuvor in der Geschichte, trotzdem stieg die Arbeitslosigkeit. Nach der geltenden Theorie dürfte genau das nicht passieren! Aber darüber hört man nichts. Einfach erstaunlich!
    Es kann nicht sein was nicht sein darf! Würde man das zur Kenntnis nehmen, dann müsste man umgehend diese ganze neoliberale Politik auf die Müllhalde schmeißen und womöglich für die Eurokrise sinnvolle Lösungsmöglichkeiten überlegen. Das aber ist unserer „Politelite“ nicht zu zu muten. Oder anders: Die Lobbys „möchten“ das nicht! So einfach ist das!

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