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Die 100.000-Euro-Frage

22. April 2013

Welchen Effekt hätte das eigentlich (oder hat es vorauseilend schon jetzt), wenn Leute künftig bei der Pleite ihrer geschätzten Bank mitzahlen müssen, die mehr als 100.000 Euro an Reichtum besitzen? Verteilen George Soros und die anderen Milliardäre ihr mühsam Erspartes dann in klitzekleinen Neunhundertneunundneunzigtausender-Tranchen auf ganz viele Banken? Gibt es überhaupt so viele Banken (noch)?

Mal im Ernst: Wenn ich das richtig verstehe, soll so eine Regel (nicht nur dazu führen, dass die Euro-Retter schlicht und einfach Geld haben, um was-weiß-ich noch zu bezahlen, sondern auch) dazu führen, dass die betreffenden Großsparer künftig nicht mehr so leichtfertig mit ihrem Geld umgehen und es dann nicht mehr in schiefe Banken stecken. Stichwort Moral Hazard. Klingt ja auch toll. Die Frage ist nur, ob die Betreffenden vorher wirklich wissen können, ob ihre Bank von Schieflage bedroht ist. Nimmt man die Erfahrung der vergangenen Krisenjahre zum Maßstab, scheint es ja eher so zu sein, dass im Regelfall niemand noch relativ kurz vorher wirklich ahnte, dass Bank Soundso plötzlich derart den Bach herunter geht.

Selbst Lehman wurde von den weisen Finanzmarktanalysten noch kurz vor der Pleite als absolut solides Haus eingestuft. Die Risikoprämien auf Bankpapiere waren vor dem Ausbruch der großen Krise 2008 nicht einmal ansatzweise gestiegen, sie lagen sogar auf Rekordtief. Absurd, aber wahr: die Banken wurden als so sicher und gut-geführt eingestuft wie seit langem nicht. Nochmal: das war kurz vor Ausbruch der größten Finanzkrise seit den 1930er-Jahren. Wie kann man da von einzelnen noch so betuchten Sparern erwarten, dass sie das besser erahnen?

Die Auflösung liegt nahe. Finanzmärkte bewegen sich nun einmal stets tückisch prozyklisch. Man könnte auch sagen, dass der eine dem anderen hinterher läuft – und weil das alle tun, bewegen sich auch die Kurse und Bewertungen enstprechend. Wenn alle glauben, Lehman ist toll, dann steigen die Kurse und fallen die Risikoprämien – was wiederum das positive Urteil zu bestätigen scheint. Die Tücke ist, dass da viel Psychologie drin steckt und solche Herdentriebe irgendwann kippen – und dann die umgekehrte Logik losgeht. Dann nährt die Angst die Angst. Und dann führen fallende Bewertungen zu steigenden Finanzierungsproblemen undsoweiter.

Das erklärt, warum dann plötzlich Banken pleite gehen, die kurz zuvor noch als höchst solide eingestuft wurden. Und es erklärt, warum nun Zypern derart unter Druck gekommen ist. Die Euro-Krise ist halt auch nichts anderes als eine typische Finanzkrise, wo die Angst von den einen auf die anderen überspringt und sich verselbständigt. Und wo die heillosen Rettungsversuche für die einen auch schon mal zur Pleite der nächsten führen können – wenn etwa die (von Frau Merkel hastig betriebene) Umschuldung Griechenlands (wie geschehen) dazu führt, dass die zyprischen Banken in die Pleite getrieben werden, weil sie von den griechischen Banken abhingen. Typische Prozyklik.

All das spricht dafür, dass es ein ziemlich heilloses Unterfangen sein könnte, Anleger über das Androhen eigener Verluste zur Weisheit zu bringen, ihr Geld nur noch in sichere Banken zu stecken. Ist das vorher so objektiv messbar? Wer hätte, sagen wir, anno 2005 damit gerechnet, dass unsere Commerzbank mal staatlch gerettet werden muss – und deshalb seine Ersparnisse vorausschauend aus der Bank abgezogen? Oder dass es darart gefährlich ist, in Lehman zu investieren? Solche Kaskaden fallgerecht vorherzusehen, grenzt dann doch eher an Prophetie. Und die kann man nun beim besten Willen nicht einmal von den armen Milliardären verlangen.

  1. jinky
    27. April 2013 um 15:34

    Kürzlich hat Frau Nienhaus in der FAS derartiges geäußert: man müsse eben endlich kapieren, dass man, wenn man ein Konto eröffne, faktisch der Bank einen Kredit gewähre – und entsprechend Sorgfalt walten lassen, Nun, ich bin nach reiflicher Erwägung zu dem Schluss gekommen, dass ich diese Sorgfalt mangels Zugänglichkeit relevanter Informationen gar nicht walten lassen kann – und das auch dann nicht könnte, wenn ich diese Informationen bekäme; ich verstehe nämlich ganz einfach nichts davon. Also, so meine Überlegung, lasse ich das besser ganz mit dem Kredit an die Bank. Dummerweise weigert sich mein Arbeitgeber, mir mein Gehalt bar auszuhändigen. Es wäre zugegeben auch etwas unpraktisch, wenn ich einmal pro Monat einen Urlaubstag nehmen müsste, um zur ca. 100 km entfernten Gehaltsstelle zu fahren (einmal ganz abgesehen davon, dass ich nicht so sehr gerne größere Mengen an Bargeld mit mir herumtrage). Und noch ein Urlaubstag pro Monat (mindestens) wird fällig, um meinen Obolus in bar bei den Stadtwerken, dem Telefonanbieter, meiner Krankenversicherung, dem Finanzamt etc. abzuliefern – denn die, so meine Überlegung, müssten ja eigentlich auch zu dem Schluss kommen, dass es für sie vielleicht nicht unmöglich, aber doch ein ziemlicher Aufwand ist, regelmäßig (in welchen Abständen?) die erforderlichen Recherchen zur Bonität ihrer Bank anzustellen und eventuell immer wieder die Konten zu tranferieren (und allen Kunden davon Mitteilung zu machen). Letzten Endes komme ich zu dem Schluss: wenn man diese Anforderung wirklich ernst nimmt, wäre es vorbei mit dem bargeldlosen Zahlungsverkehr.

  2. 26. April 2013 um 15:11

    Also ich habe ja verstanden, dass diese Märkte hoch emotional und lemminghaft sind und sicher nicht vorrausschauen können – aber was würde denn nun passieren, wenn die Zypernlösung zum Vorbild wird? Bin neugierig …

  3. yota-berlin
    23. April 2013 um 11:15

    Was in Europa derzeit diskutiert wird, die Konto-Inhaber an einer Bankenrettung zu beteiligen, was ja in Zypern auch praktiziert wurde, wäre in der Schweiz nicht möglich.

    Die Rettung von Banken auf Kosten des Steuerzahlers ist grundsätzlich falsch. Dies kommt einer impliziten Staatsgarantie gleich und schafft Fehlanreize (moral hazard). Banken würden dann grössere Risiken eingehen und die Gewinne selber einstecken, im Notfall würden sie ja dann gerettet.

    Aber die Konto-Inhaber zur Rettung heranzuziehen (wie in Zypern) ist ebenso falsch. Wenn dies zum Standard erklärt wird, und Bankeinlagen (über 100.000€) nicht mehr sicher sind, wird dies zu einer massiven Kapitalflucht führen. Aber allein schon die Idee, Konto-Inhaber zur Rettung teilweise zu enteignen, ist ziemlich empörend und unterminiert die Grundlagen der Marktwirtschaft und des Rechtsstaats. Studien besagen, dass dies nur in Extrem-Situationen akzeptiert wird, und wenn nicht der Staat an der Misere schuld ist, sondern externe Faktoren.

    Besser wäre es im einzlnen Fall, die Bankschulden in Eigenkapital zu verwandeln, also das Instrument der sogenannten Debt-Equity-Swaps anzuwenden. Anstatt die Steuerzahler bzw. Bankkunden haften zu lassen, sollten die Bank-Aktionäre ihre Aktien den Gläubigern im Austausch für einen Forderungsverzicht übergeben. Das würde die Banken, nicht aber deren Eigentümer retten. Dazu müsste vermutlich das Insolvenzverfahren neu definiert werden. Erzwungene und vordefinierte Debt-Equity-Swaps für Banken bedeuten, dass an Stelle eines normalen Insolvenzverfahrens (i.d.R. ein Verkauf der Aktiva), Anleihen der Bank zwangsweise in Aktien umgetauscht werden, und zwar so viele, dass eine ausreichende Kapitalisierung der Bank wieder hergestellt ist.

    Die Schweiz hat es im Fall UBS ziemlich gut gemacht und dabei zum Glück noch daran verdient.

    Zusatz: Ein Trennbankensystem ist unbedingt wichtig, und zwar nach dem Vorbild des Glass-Steagall Act. Aber solange das nicht etabliert ist müssen evtl. noch Banken „gerettet“ werden.

  1. 23. April 2013 um 10:00
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