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David Milleker – Scheitert die Bank of Japan schon kurz nach dem Startschuss?

5. Juni 2013

In den letzten Wochen sind erste Irritationen hinsichtlich der japanischen Politikrevolution „Abenomics“ aufgekommen. Konkret lässt sich das am Anstieg der Renditen für 10-jährige Staatsanleihen (JGB) von 0,55% noch Anfang Mai auf rund 0,9% heute festmachen. Ist das bereits der Anfang vom Ende der Revolution

Besagter Renditeanstieg scheint vor dem Hintergrund nicht nahezuliegen, dass die japanische Zentralbank massiv Staatsanleihen kauft und dabei auch die Restlaufzeit der gekauften Papiere deutlich erhöht hat. Allerdings ist dabei auch zu berücksichtigen, dass die Notenbank mit ihren Käufen gerade beabsichtigt, die Preisentwicklung aus dem Deflationsgleichgewicht der vergangenen zwei Dekaden wieder in den positiven Bereich ihres frisch gesetzten Inflationsziels von 2% zu bringen. Nimmt man als Daumenregel, dass der Zins als Näherungswert der Kapitalertragsrate etwa dem Anstieg der nominalen Wirtschaftsleistung entsprechen sollte, dann sind Bondrenditen von 0,5% definitiv nicht im Einklang mit der ökonomischen Zielsetzung der Notenbank. Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist der Zinsanstieg also durchaus berechtigt.

Man kann den Blick jetzt aber auch noch auf die Erfolgschancen von Abenomics generell erweitern. Die Zielsetzung der Politik des japanischen Premiers richtet sich ja auf eine grundsätzliche Revitalisierung der Wirtschaft mit stärkerer Binnendynamik, Überwindung der Deflation und letztlich auch einer Stabilisierung der Schuldenstandsquote der japanischen Regierung.

Die Problematik des jüngsten Renditeanstiegs kann darin gesehen werden, dass eine Stabilisierung der Schuldenstandsquote maßgeblich von der Differenz zwischen Zinssatz und nominaler Wirtschaftsleistung getrieben wird. Mit anderen Worten: Eine Stabilisierung der Schuldenstandsquote über höhere Inflation funktioniert nur dann, wenn die höheren Preissteigerungen überraschend erfolgen und sich der gezahlte Zins nicht sofort anpasst. Eine Überraschung wird freilich ziemlich schwer, wenn man den Wunsch nach höherer Inflation klar und deutlich kundgetan hat. Positiv formuliert: Die japanische Politik wird das selbstgesteckte Ziel umso eher erreichen, als es ihr gelingt, die tatsächliche Inflation zu erhöhen, bevor der Finanzmarkt darauf mit höheren Zinsen reagiert.

Das Ergebnis ist hier derzeit vollkommen offen. Ein zentraler Parameter für die weitere Inflationsentwicklung in Japan sind die Erwartungen der Verbraucher. Die Median-Erwartung des von der Bank of Japan erhobenen Opinion Survey on the General Public’s Views and Behavior liefert im Rahmen einer erwartungsbasierten Phillips-Kurve einen stichhaltigen Ansatzpunkt für Inflationsprognosen in Japan. Leider wurde die letzte verfügbare Erhebung kurz vor der Politikwende der Notenbank abgeschlossen. Wir müssen uns also noch bis Juli gedulden, um eine erste Indikation zu bekommen, ob die neue Zielsetzung der Notenbank die von ihr erhoffte Änderung der Erwartungshaltung unter den Verbrauchern auch herbeigeführt hat. Für den Erfolg von Abenomics wäre es ein Rückschlag, wenn der Finanzmarkt reagiert hätte, aber nicht die Erwartungshaltung der Verbraucher. Es gehört aber naturgegeben zu Experimenten, dass man ihren Ausgang nicht immer eindeutig vorhersehen kann.

David Milleker ist Chefökonom von Union Investment

  1. Christian Sander
    5. Juni 2013 um 14:08

    Wenn nicht auch auf breiter Front die Löhne erhöht werden, wird Japans Regierung mit ihrem Programm scheitern. Mit lediglich einer neuen Geldpolitik der Zentralbank sehe ich nicht, wie die Verbraucher dazu angeregt werden sollen, den Konsum zu erhöhen.

  1. 5. Juni 2013 um 16:22
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