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Holger Schmieding – Staatsschulden? Der Euro ist Teil der Lösung, nicht Teil des Problems

7. Juni 2013

Verleitet der Euro seine Mitglieder zur Schuldenwirtschaft? Die deutsche Debatte um die „Schuldenkrise“ wird oftmals so geführt, als sei der Euro Teil des Problems. Richtig ist: seit Beginn der Währungsunion  am 1. Januar 1999 ist die staatliche Schuldenquote in der Eurozone um einen Betrag nach oben geschnellt, der 19,8% der Wirtschaftsleistung entspricht. Aber am Euro kann das nicht liegen. Denn alle großen Wirtschaftsräume der westlichen Welt haben in dieser Zeit neue Schuldenberge aufgehäuft.

Unter all den Haushaltssündern hat sich die Eurozone am wenigsten zuschulden kommen lassen. Von Ende 1998 bis Ende 2012 haben Großbritannien mit einem Anstieg seiner Schuldenquote von 43,5% und die USA mit 42,6% sogar zweimal mehr gesündigt als die Eurozone. Japans Schuldenexplosion (plus 118,7%) geht noch weit darüber hinaus.

Ein Schuldenberg ist das Ergebnis jahrzehntelanger Fehlbeträge im laufenden Staatshaushalt. Im Jahr 2012 lag das laufende Defizit in der Eurozone mit 3,1% der Wirtschaftsleistung erneut weit unter den Werten in den USA (8,6%), Großbritannien (8,1%) und Japan (10%), berechnet jeweils ohne Einmaleffekte.

Sowohl beim aktuellen Haushaltsdefizit als auch beim langfristigen Trend der Staatsschulden schneidet die Eurozone also weit weniger schlecht ab als alle Wirtschaftsräume ähnlicher Größe in der westlichen Welt. Die Sorge, dass der Euro und seine Regeln ein Teil des Problems seien, wird durch diesen Vergleich widerlegt. Sie können höchstens Teil der Lösung sein.

Ein genauer Blick auf die Daten zeigt, dass von Ende 1998 bis Ende 2007 die staatlichen Schuldenquoten sowohl in der Eurozone als auch in Großbritannien und den USA weitgehend stabil blieben, mit einem leichten Vorteil für die Eurozone. Ende 2008, also genau zehn Jahre nach der Geburt des Euro, hatte nur die Eurozone eine Schuldenquote, die mit 70,2% unter dem Ausgangswert von 72,9% lag. In der schwersten Rezession der letzten 80 Jahre, ausgelöst durch die Lehman-Krise im September 2008, schnellten dann die Schuldenquoten überall nach oben. Da sich die Mitgliedsländer der Eurozone aber nur verhältnismäßig geringe Konjunkturprogramme gönnten und zudem schnell wieder gegensteuerten, blieb der Anstieg der Staatsschulden in der Eurozone weit hinter der Entwicklung in der angelsächsischen Welt zurück.

Kaum ein Euro-Land hat den 2004 von Deutschland aufgeweichten Stabilitätspakt wirklich erfüllt. Aber selbst mit aufgeweichten Regeln haben die Mitgliedsländer der Gemeinschaftswährung weit mehr Disziplin geübt als die USA, Großbritannien und Japan, die sich schlicht keinerlei Regel unterworfen haben.

Bisher haben wir vor allem den Anstieg der staatlichen Schuldenquoten diskutiert. Auch ein Blick auf die absolute Höhe dieser Schuldenberge ist bezeichnend. Vor dem Euro gehörten die Länder, die ab Anfang 1999 den Euro einführten, zu den größten Schuldensündern der Welt. Die künftige Eurozone hatte Ende 1998 eine Schuldenquote von 72,9%, weit über den 46,5% in Großbritannien und etwas über den 65% in den USA. Ende 2012 lagen die Quoten bei 92,7% für die Eurozone, 90% für Großbritannien und 107,6% für die USA (über die 237% für Japan schweigen wir lieber).

Als größtes EU-Mitglied ohne Euro hat Großbritannien also seit dem Beginn der Gemeinschaftswährung nahezu den gesamten Vorteil gegenüber dem europäischen Kontinent verspielt, den einst Margaret Thatcher und John Major für die Briten erarbeitet hatten. In den USA ist die Lage der Staatsschulden heute wesentlich prekärer als in der Eurozone.

Natürlich gab es in der Eurozone einzelne Mitgliedsländer mit einem raschen Anstieg der Staatsschulden, insbesondere seit dem Beginn der Euro-Turbulenzen im Jahr 2010. Aber aus deutscher Sicht lohnt es sich anzumerken, dass auch Deutschland mit einem Zuwachs des Schuldenberges von 21,4% seiner Wirtschaftsleistung von Ende 1998 (60,5%) bis Ende 2012 (81,9%) überproportional zum gesamten Zuwachs von 19,8% für die Eurozone insgesamt beigetragen hat.

Festzuhalten bleibt, dass der Euro und sein international einmaliges Regelwerk offenbar einen heilsamen Einfluss auf die Haushaltspolitik der Mitgliedsländer ausübt. Mit dem Euro haben die Haushaltssünden in der Eurozone erheblich abgenommen. Außerhalb der Eurozone haben sie dagegen eher zugenommen.

Unter dem Druck der Krise haben viele Mitgliedsländer jetzt ihre Haushaltspolitik erheblich gestrafft. Zugleich hat Europa die Regeln gehärtet. Damit stehen die Chancen gut, dass nach dem Ausklingen der aktuellen Anpassungsrezession die staatlichen Schuldenquoten in der Eurozone spürbar zurückgehen können. Andernorts in der westlichen Welt ist der Ausblick derzeit weniger günstig. Allerdings muss die Eurozone den politischen Willen aufbringen, auf dem eingeschlagenen Weg zu bleiben.

Holger Schmieding ist Chefvolkswirt der Berenberg Bank.

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  1. CPU
    17. Juni 2013 um 18:01

    Vielen Dank für den Artikel, der die Schuldenproblematik von einer etwas anderen Seite beleuchtet. Staatsschulden sind per se nichts Schlechtes. Die entscheidende Frage lautet doch nur, welche Investitionen und Verteilungsmechanismen mit der Aufnahme von Schulden verbunden sind. Fördern sie Wachstum oder mildern soziale Ungerechtigkeiten, erfüllen Schulden einen vernünftigen, gesellschaftlichen Zweck. Gedacht ist dabei an Bildung, Forschung und Entwicklung, Infrastruktur und natürlich soziale Gerechtigkeit, also Bereiche, die nicht unmittelbar unternehmerischen Zwecken dienen, sondern langfristig als Rahmenbedingung wirken sollen. Alles andere sind eher Konjukturprogramme und Ergebnisse von Lobbyarbeit. Auch gegen Konjunkturprogramme spricht erst einmal vom Grundatz her nichts (grundlegende volkswirtschaftliche Theorien mal außen vor). Nachdem das Wachstum aber in den letzten Jahren weniger gestiegen ist, als der Schuldenberg steht eher die Befürchtung im Raum, dass die Schulden stärker parteipolitischen Zielen dienen und nicht den gesellschaftlichen Erfordernissen. Wenn diese Prämisse stimmt – und dafür spricht einiges – wäre auch der im Vergleich zu anderen Ländern moderate Schuldenanstieg zu hoch, da er zu einer falschen Umverteilung geführt hat. Dann hilft auch nicht der Verweis, dass andere Länder noch mehr Schulden machen.

  2. hdh
    8. Juni 2013 um 10:36

    „Bisher haben wir vor allem den Anstieg der staatlichen Schuldenquoten diskutiert.“ Wann folgt der Ankündigung die Diskussion über andere Schuldenquoten, denn eine Volkswirtschaft besteht nicht nur aus dem Staat.

    Als Musterbeispiel Irland und die verschuldeten Teile der Volkswirtschaft.

    Gesamtverschuldung: 1166 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, darunter: Banken: 689 Prozent Unternehmen: 245 Prozent private Haushalte: 123 Prozent Staat: 109 Prozent.

    Vor 2007 lag die staatliche Verschuldung bei 25 %. Was ist bloß passiert, dass Irland heute mit 109 % Staatsverschuldung da steht?

    Sind die 3 anderen Sektoren der irischen Wirtschaft irrelevant?

  3. 8. Juni 2013 um 09:52

    Sie „beweisen“ nur, dass der Staatsschuldenanstieg nicht dem Euro anzulasten ist, aber nicht, dass der Euro kein Teil der aktuellen Probleme ist. Oder wollen Sie bestreiten, dass die Leistungsbilanzungleichgewichte auch dem Euro-„Festkurssystem“ zu verdanken sind?

  1. 9. Juni 2013 um 17:09
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