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David Milleker – Großbritannien: Positives Ende einer Sonderrolle

3. Juli 2013

Nach der globalen Finanzkrise kämpften alle Industrieländer gegen schwaches Wachstum. In dieser Hinsicht lag die britische Entwicklung irgendwo im Mittelfeld – schlechter als die USA oder Deutschland, aber deutlich besser als die schrumpfende Peripherie der Europäischen Währungsunion. Bemerkenswert ist allerdings, dass Großbritannien nach einem Einbruch der Wirtschaftsleistung um 7% in der Krise 2008/09 und einer bestenfalls anämischen Erholung danach heute ein Preisniveau aufweist, das satte 8 Prozentpunkte höher liegt, als das bei einer Fortschreibung des Vorkrisentrends der Fall gewesen wäre.

Im Schnitt der Nachkrisenjahre lag die Inflationsrate um etwas über einen Prozentpunkt höher als vor der Krise, das Wachstum der realen Wirtschaftsleistung dagegen etwa 1,5 Prozentpunkte darunter. Oder kurz: Großbritannien hat als einziges Industrieland mit Stagflation zu kämpfen.

Das ist zunächst einmal ungewöhnlich, legt doch die Standardtheorie nahe, dass eine Wirtschaft mit hoher Unterauslastung der Produktionskapazitäten weniger und nicht mehr Preisdruck aufweisen sollte. Auch sind die Preissteigerungen zu hartnäckig, um über die Mehrwertsteuererhöhung oder die Pfundabwertung erklärt werden zu können.

Deutlich besser lässt sich die tatsächliche Entwicklung erklären, wenn man Inflation als Kombination aus Massenpsychologie und der Arbeitsmarktlage begreift. Auffällig ist, dass in Großbritannien die mittelfristigen Inflationserwartungen der Verbraucher im Gegensatz zu den USA (wo sie nahezu unverändert geblieben sind) nach 2009 deutlich angestiegen sind. Leider kann man zwar statistisch belegen, dass die Verbrauchererwartungen die anschließend realisierte Inflation stichhaltig erklären (die Massenpsychologie), weiß aber kaum etwas darüber, wie sich diese Erwartungen bilden.

Ökonomisch stellte sich allerdings von Anfang an die Frage, von welcher Dauer die höheren Inflationsraten sein würden, wenn im Einklang mit der schwachen Arbeitsmarktlage kaum Lohnzuwächse zu verzeichnen wären. Zur Auflösung dieser Situation würden wahlweise die Inflationserwartungen sinken oder sich die Lohnentwicklung den erhöhten Inflationsraten anpassen müssen.

Bis zu Jahresbeginn 2013 war unklar, welchen von beiden möglichen Wegen die Wirtschaft einschlagen würde. Inzwischen mehren sich jedoch die Anzeichen dafür, dass die Inflationserwartungen sich wieder in Richtung des vor der Krise als normal erachteten Niveaus zurückzubilden. Mit Blick auf eine auf diesem Weg verbesserte Reallohnentwicklung sind das gute Neuigkeiten auch für die britischen Wachstumsperspektiven.

Leider bedeutet das immer noch nicht, dass in naher Zukunft wirtschaftlich eitel Sonnenschein herrschen wird. Trotz einer Reihe interessanter Experimente, die auf die Öffnung des Kreditkanals zielen, wie etwa das Funding-for-Lending Programm (seit 2012) oder Help-to-buy (ab 2014), gibt es bislang keine Anzeichen für eine Verbesserung des Neukreditgeschäfts. Die Hoffnung der konservativ-liberalen Koalitionsregierung, auf diesem Wege die konjunkturelle Belastung durch ihre ambitionierten Sparprogramme abzumildern, hat sich zumindest bislang nicht erfüllt. Immerhin zeichnet sich aber ab, dass sich ein Negativfaktor zurückbildet.

David Milleker ist Chefökonom von Union Investment

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  1. SiSo
    15. Juli 2013 um 11:23

    SgH. Millecker,
    mit der untänigsten Bitte zu veröffentlichen, Danke!

    “ … gibt es bislang keine Anzeichen für eine Verbesserung des Neukreditgeschäfts.“

    Wozu sollte das Gut sein? Gerade das gigantische Kreditgeschäft hat doch erst zur Verschuldung der volkswirtschaftlichen Sektoren Staat, Unternehmen, Finanzwirtschaft u. private Haushalte geführt.

    Schuldenmeister GB: Gesamtverschuldung: 847 % des Bruttoinlandsprodukts, darunter: Banken: 547 %, Unternehmen: 118 %, private Haushalte: 101 %, Staat: 81 %. Das Ganze noch garniert mit einer eigenen Währung.

    Die Standardtheorie kann die Forderung nach Neuverschuldung erklären. Danach ist es erst in den Bereichen Unternehmen und private Haushalte ab einer Verschuldung von je 160 % des BIP gefährlich. In beiden Sektoren ist also noch jede Menge Platz sich neu zu verschulden. Juhu, die Wirtschaft wächst!
    Weit interessanter ist aber die Zahl, wie sich das britische BIP zusammen setzt. Die Finanzbranche ist für über 40 % des BIP verantwortlich. Den Rest teilen sich private Haushalte, Unternehmen u. Staat. Im Jahr 2010 trug die Landwirtschaft rund 0,7 % zum Bruttoinlandsprodukt Großbritanniens bei, die Industrie rund 21,6 % und der Dienstleistungssektor rund 77,7 %. Im Jahr 2010 waren in Großbritannien 1,2 % der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft tätig, 19,1 % in der Industrie und 78,9 % im Dienstleistungssektor. (Quelle de.statista.com) In den Jahren zwischen 1980 und 2008 verdoppelte sich die Wirtschaftsleistung, der Finanzsektor schaffte eine Verdreifachung. In 2008 machten die Bruttogewinne 15 % aller Gewinne aus.
    Reichlich albern ist es, über die Verteilung von den Gehältern und Boni sowie den Gewinnen im Finanzsektor auf seinen volkswirtschaftlichen Beitrag zu schließen. In Banker Kreisen eine übliche Praxis. Das Monster an Produktivität, 1995 – 2007 stieg ihre Produktivität jährlich um 2,2 %. Die Arbeitsproduktivität stieg nur um max. 0,75 %.
    Produktivitätsillusion: Bis zur Krise verdreifachte sich die Eigenkapitalrendite in GB auf mehr als 20 %, etwa das Doppelte des Werts in der übrigen Wirtschaft. Dies steigerte auch die Gehälter der Banker auf etwa das Doppelte des mittleren Einkommens der restlichen Wirtschaft. Wie das? Sie nahmen immer weniger Eigenkapital und spekulierten mit immer mehr Fremdkapital. Morgan Stanley erwirtschaftete die Hälfte seines Gewinns aus der Wertminderung eigener Schulden!
    Haldane: „Risikoillusion ist kein Unfall, sie wird mit Absicht gemacht. Es ist im Interesse der Bankmanager, Illusionen wie Wunder aussehen zu lassen.“ Was motiviert Sie, Herr Millecker, weiterhin Illusionen als Wunder verkaufen zu wollen?

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