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Fabian Fritzsche – Applaus für Draghi

15. Juli 2013

Als EZB-Präsident Draghi am 4. Juli zwar keine Zinssenkung verkündete, dafür jedoch dauerhaft niedrige Leitzinsen versprach, war die Empörung bei den Kommentatoren groß. Der deutsche Sparer würde nun also endgültig enteignet, es drohen Blasen und natürlich die seit Jahren angekündigte große Inflation. Angesichts der wirtschaftlichen Lage im Euroraum sowie einer Inflation klar unter dem Zielwert war die Ankündigung an sich nicht überraschend. Der entscheidende Punkt war vielmehr, dass Draghi eine mögliche Zinswende nicht direkt an eine wirtschaftliche Erholung oder erhöhte Inflationsdaten gekoppelt hat, sondern unabhängig davon den Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik in weite Ferne schob.

Eine solche – zumindest verbale – Entkopplung der Geldpolitik von der Inflation mag man tatsächlich als unverantwortlich ansehen. Aber genau das ist der entscheidende Punkt. Expansive Geldpolitik lebt von den Erwartungen und mit der glaubhaften Versicherung, die Zinsen auch dann noch niedrig zu halten, wenn es der Wirtschaft besser gehen sollte, liefert Draghi einen expansiven Impuls, der deutlich höher ist als bei der Ankündigung, die Zinsen nur so lange niedrig zu lassen, wie die Inflation unter den Zielwert 2% liegt. Der Wirkungszusammenhang ist dabei der Realzins, der sowohl in der keynesianischen als auch der neoklassischen Theorie Bestimmungsgröße für die Investitionstätigkeit der Unternehmen ist. Je niedriger der Realzins, desto höher die Investitionen. Den aktuellen, tatsächlichen Realzins kann die Notenbank bei Nominalzinsen knapp über 0% zwar nicht mehr wesentlich verändern, über die Aussage, die Zinsen lange auf sehr niedrigem Niveau zu belassen, kann die EZB jedoch den erwarteten Realzins senken und zwar gerade dann, wenn die Marktteilnehmer aufgrund der expansiven Geldpolitik eine zukünftig höhere Inflation erwarten. Es ist derzeit noch zu früh, um beurteilen zu können, ob Draghi die Erwartungen tatsächlich beeinflusst hat. Die Aufregung bei vielen Kommentatoren zeigt jedoch, dass die Ankündigung offenbar glaubhaft war.

Unabhängig von der Glaubhaftigkeit ist die Kritik an der expansiven Geldpolitik und an der Ankündigung diese noch sehr lange beizubehalten, unbegründet. Sicherlich sind historisch niedrige Zinsen nicht das, was sich deutsche Sparer wünschen. Gerade bei Erfolg der expansiven Politik werden diese jedoch schneller steigen als bei jahrelanger Stagnation der Wirtschaft und anhaltend niedrigen Inflationsraten. Zudem befindet sich auch die deutsche Wirtschaft in der Stagnation und die Inflation liegt sehr niedrig. Höhere Zinsen ließen sich vor diesem Hintergrund auch für Deutschland alleine kaum rechtfertigen, sondern würden hierzulande genauso wie in der restlichen Eurozone die Wirtschaft belasten und somit die finanzielle Situation der privaten Haushalte über steigende Arbeitslosigkeit und sinkende (oder langsamer steigende) Löhne eher verschlechtern als verbessern. Wie zudem sowohl die Theorie als auch die empirische Erfahrung der letzten beinahe fünf Jahre zeigen, ist die Angst vor hoher Inflation durch niedrige Leitzinsen zumindest so lange unbegründet wie die Arbeitslosigkeit hoch, die Lohnabschlüsse gering und die Kapazitätsauslastung niedrig sind. Die offenbar von vielen gewünschte Alternative höherer Zinsen in der schwersten Wirtschaftskrise seit einem dreiviertel Jahrhundert wäre also allenfalls für eine kleine Gruppe (sicherer Arbeitsplatz bei hohen Zinseinkünften) vorteilhaft, für die große Mehrheit der Menschen in der Eurozone ist die Politik der EZB richtig. Die Krise ist zwar noch nicht vorbei, aber dank der Politik von Draghi hat sich die Situation bereits entspannt und die EZB trägt alles in ihrer Macht stehende dazu bei, endlich eine Trendwende in der Eurozone einzuleiten.

  1. Berndt
    17. Juli 2013 um 15:35

    Schön wäre es allerdings, wenn sich das Direktorium einig wäre in ihrer „forward guidance“ (wie ist eig. das deutsche Wort dafür?), und Weidmann et al. nicht die Früchte von Draghis Ankündigungen sofort in den Mülleimer werfen.

  1. 17. Juli 2013 um 09:13
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