Startseite > Out of Wirtschaftsdienst > Wirtschaftsdienst exklusiv – Spitzenforschung und Politikberatung sind unvereinbar, oder nicht?

Wirtschaftsdienst exklusiv – Spitzenforschung und Politikberatung sind unvereinbar, oder nicht?

10. August 2013

Spitzenforschung und Politikberatung sind unvereinbar, oder nicht?

Ökonomen und Politiker beklagen sich gelegentlich übereinander. Die Ökonomen meinen, das politische Alltagsgeschäft berücksichtige die Erkenntnisse der Wissenschaft zu wenig, Maßnahmen passen nicht zusammen oder widersprechen sich sogar. Die Politiker sehen sich dagegen zum Teil mit realitätsfernen Empfehlungen konfrontiert. Gibt es diese Kluft zwischen Forschung und Politikberatung wirklich? Was sind die Ursachen dafür? Und was kann oder muss man ändern? Darüber diskutieren renommierte Wissenschaftler aus den Instituten (Rwi, DIW), dem Sachverständigenrat, den Universitäten und der Politik im aktuellen Zeitgespräch des Wirtschaftsdienst.

Justus Haucap hatte den Anstoß zu dieser Debatte mit einer empirischen Studie zu dem Thema gegeben. Er stellte fest, dass wissenschaftliche Spitzenforschung und wirtschaftspolitische Beratung selten zusammenfallen. Eine Ursache dafür sieht er in den gestiegenen Anreizen für Ökonomen, in Spitzenzeitschriften über spezielle und nicht deutschlandspezifische Themen zu publizieren. Deshalb gibt es einfach nicht mehr genügend Ökonomen, die sich für aktuelle Fragestellungen der deutschen Politik interessieren. Zu anderen Ergebnissen kommt ein Autorenteam um den Vorsitzenden des Sachverständigenrates Christoph Schmidt. Danach veröffentlichen die Ökonomen aus den wichtigsten deutschen Gremien der Politikberatung durchaus in A-Journals.

Wenn es tatsächlich ein Problem gibt, sind die Forschungsanreize etwa falsch gesetzt? Darum geht es gar nicht, meint der universitäre Forscher Wolfram Richter. Er fordert, die Regeln für die Verteilung der Forschungsmittel zu ändern – weg von der institutionellen hin zur projektbezogenen Förderung, dies wohl auch, damit mehr Finanzmittel in die Universitäten fließen.

Eine seltene Einigkeit herrscht allerdings zwischen den übrigen Teilnehmern (Marcel Fratzscher, Gert G. Wagner, Werner Güth, Hartmut Kliemt, Willi Koll): Sie plädieren für mehr Wettbewerb zwischen den Lehrmeinungen, denn dies sei die einzige Methode, „an die Information der Informierten heranzukommen“. Die Ökonomen sollten sich zudem auch der Konkurrenz mit Politikwissenschaftlern, Soziologen und Juristen aussetzen. Angesichts der Ratlosigkeit der Politik und der Vielfalt der unterschiedlichen Ratschläge aus der Ökonomie zur aktuellen Krise in der Eurozone wünscht sich Willi Koll, der lange im Wirtschafts- und Finanzministerium Empfehlungen von Politikberatern empfangen hat, dass die unselige Frontstellung zwischen angebotspolitischen Reformen und makroökonomischer Stabilisierung überwunden wird und ein neuer Mainstream entsteht.

zum Zeitgespräch

Advertisements