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Blome beim Spiegel – Jetzt noch mehr Wahrheit

23. August 2013

Nikolaus Blome wird Vize beim ,Spiegel‘. Schön, dass eine führende Position in den deutschen Medien so wieder mit einem engagierten Vertreter ökonomischer Orthodoxie besetzt ist. Einer, der den Ludwig-Erhard-Preis hat. Und in den 80er-Jahren ausgebildet und geprägt wurde, als (west-)deutsche Wirtschaftsbeobachter immer auch zeigen mussten, dass der Kapitalismus überlegen ist – was eben ein ordentliches Maß an argumentativer Lautstärke mit sich brachte (das braucht man ja nun heute wieder, im Kampf gegen den Griechen).

So eine Meinung gibt es in deutschen Zeitungen ja sonst nicht. Also im Grunde. Naja, außer natürlich bei der FAZ, wo die Wirtschaftsressorts schon auch durch ordnungspolitisch strenge Menschen mit Hang zur Orthodoxie und Vorliebe für die Herren Hayek und Friedman geleitet werden (samt zweier Erhard-Preise und Prägung in den 80ern).  Zugegeben, natürlich bei der ,Welt‘ und bei der ,Welt am Sonntag‘ (LES). Ok, gewisser Maßen auch bei ,Handelsblatt‘ und ,Wirtschaftswoche‘ (ebenfalls LEP). Achja, natürlich auch beim Wirtschaftsressort der ,Süddeutschen‘. Und, klar, beim ,Focus‘. Und gemäßigt bei der ,Zeit‘ (LEP-Preisträger Joffe). Naja. Alles kaum nennenswert eben. Ansonsten gibt es solches Grunddenken in Deutschland höchstens noch beim Deutschlandfunk, bei der ARD und beim ZDF (ohne LEP). Und im Geleitzug der Leitschreiber auch bestenfalls noch bei ein paar Hundert Lokal- und Regionalblättern. Also eigentlich überall.

Zugegeben: so sehr viele Andersdenkende in führenden Positionen bleiben da jetzt nicht übrig. Was jetzt nichts gegen Ludwig Erhard und den Preis sein soll (der nur halt, sagen wir, recht selten an keynesianisch-heterodoxe Vertreter vergeben wird). Und auch nichts gegen jeden Einzelnen der Kollegen. Der Befund ist nur in gewisser Hinsicht bemerkenswert, wo so viel Einheitsmeinung in Demokratien gemeinhin als eher befremdlich gilt, mehr noch: es in anderen Ländern seit Ausbruch der großen Finanzkrise ziemlich rumpelt, bisherige Ökonomiemodelle vom heilend-effizienten (Finanz-)Markt doch, sagen wir es vorsichtig, hinterfragt worden sind – und der globale Mainstream seit eben dieser Krise eigentlich vom genauen Gegenteil überzeugt scheint: dass die alte allzu orthodoxe Marktlehre dringend überholungsbedürftig ist. Was erklärt, warum etwa die Nachwuchsikone deutscher ökonomischer Orthodoxie, der Bundesbank-Präsident (LEP),  international mit dem Hochhalten dieser  Lehre in den vergangenen zwei Jahren so oft so peinlich allein dastand.

Da gibt es in den USA, Großbritannien und anderswo kleine Revolutionen, werden ganze Institute gegründet, die sich mit der Neuentwicklung der Ökonomenlehre beschäftigen – und dabei höchst spannende neue Erkenntnisse entwickeln. In Deutschlands Denkerstuben fast komplett Fehlanzeige. Dort wird stattdessen über mutige Neudenker wie Thomas Straubhaar gleich geunkt, dass sie nun wohl einen ,Linksdrall‘ (FAZ) hätten. Nur weil sie einräumen, sich getäuscht zu haben in der Annahme immer effizienter Finanzmärkte; dieser Befund gilt in jedem anderen Land der Welt heute als ziemlich zwingend. In zehn Tagen tagt in Düsseldorf die deutsche Ökonomenvereinigung – Selbstkritik: unerwünscht. Der Chef hat bereits wissen lassen, dass es für grundlegende Kritik am Wirken der hiesigen Ökonomenschaft keinen Anlass gibt.

In besagten Zeiten des Kalten Kriegs haben wir mal gelernt, dass unser System auch deshalb besser und überlegen ist, weil es unterschiedliche Meinungen gut heißt – und es wichtig ist, wenn mehrere Meinungen miteinander konkurrieren und sich anstrengen müssen, die Leute zu überzeugen. Papperlapapp. Doch nicht für wirtschaftspolitische Meinungen im Land der Dichter und Denker. Getreu der alten orthodoxen Maxime deutscher Gelehrter, wonach es ohnehin nur eine Wahrheit oder ,ökonomische Vernunft‘ gibt. So was Absurdes. Kein gutes Zeichen. Und kein gutes Omen. Frei nach Walter Lippmann: „Wo alles das Gleiche denken, denkt keiner viel“.

In der DDR gab’s am Ende nur noch ein Blatt, das die Wahrheit erklärt hat. Auf Druck von oben. Heute erledigen wir das freiwillig.

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PS: Eigentlich ändert sich durch den Wechsel von Nikolaus Blome natürlich nicht so viel, es kann ja sogar sein, dass die ,Bild‘ jetzt einen Vertreter neuen ökonomischen Denkens zum Vize macht.

  1. hhntz
    26. August 2013 um 15:15

    @ Seim: Auf der Seite von Heiner Flassbeck http://www.flassbeck-economics.de gibt es einen Abonnementbereich, der sehr fundierte und lange Beiträge und Beitragsserien zu bestimmten Themen bringt (leider machen die derzeit Sommerferien, aber in einigen Tagen geht es da wohl weiter). Allgemeinverständlich, argumentativ aber trotzdem sehr anspruchsvoll, klären uns H. Flassbeck, Friderieke Spieker und gelegentlich auch ein paar andere Autoren auf. Ich kenne z.Zt. nichts Besseres im deutschsprachigen Raum. Die Wirtschaftsteile der Mainstreammedien wirken wie schnöde Verlautbarungsorgane der der offiziellen „Denk“schule dagegen. Im englischsprachigen Raum ist der Blog von Bill Mitchell wirklich hervorragend. Aber das Wirtschaftswunder ist doch auch immer noch recht gut!

  2. K.Seim
    25. August 2013 um 13:58

    Mir ist der Kommentar zu larmoyant. Auch wenn mich der fehlende Streit um die Wahrheit in D stört, möchte ich mehr hören als reines Wehklagen (was mir wiederum auch sehr deutsch vorkommt).
    Gründen SIE doch das nötige Institut, oder eine Zeittung/-schrift, die ausreichend Qualität anbietet, die die anderen nicht bieten.
    Ich habe dies schon bei Einstellung der FTD kommuniziert: ich bin bereit, für gut recherchierte Texte zu bezahlen. Dabei denke ich auch an Ihre (Ex-) Kollegen von der Kolumne „Kapital“ (auch wenn sie tlw. sicherlich auch gegensätzliche Positionen hatten).
    Und: bitte wieder ein höheres Argumentations- und dafür Abstraktionsniveau.
    BG, K. Seim

  3. Traumschau
    24. August 2013 um 08:52

    Köstlicher Kommentar! Leider aber in der Sache auch ziemlich bitter! Die Gleichschaltung der Medien setzt sich fort … Wer oder was hat in diesem Land so viel Macht, eine solche Personalentscheidung „anzuordnen“? Der Spiegel hat sich in den letzten Jahren nicht gerade mit Ruhm bekleckert, was tatsächliche Aufklärung anbelangt: leicht kritisch, ökonomisch aber eben auch nur Mainstream. Nun, jetzt wird eben nur das offiziell vollzogen, was ohnehin schon ersichtlich war. So könnte man das auch sehen …
    Ich hatte in letzter Zeit allerdings die Hoffnung, der Spiegel könne sich wieder berappeln und an „glorreiche Zeiten“ anknüpfen. Es scheint, ich habe mich geirrt …
    LG Traumschau

  4. Alias
    23. August 2013 um 14:50

    ist nicht sehr sachlich, aber vielleicht trotzdem erwünscht: super, weiter so, (wieder) mehr davon

  5. Wolfgang Plum
    23. August 2013 um 14:42

    Und Straubhaar geht nächstes Jahr in die USA…wird interessant zu sehen wer der Nachfolger wird. http://www.ndr.de/regional/hamburg/straubhaar115.html

  1. 23. August 2013 um 16:50
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