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Neues Ranking für schizophrene Branche

6. September 2013

Es gibt auch ohne FTD noch Reste von Wettbewerb zwischen Wirtschaftszeitungen. Diese Woche hat erstmals die FAZ ein Ranking der deutschen Ökonomen veröffentlicht – und damit dem Handelsblatt Konkurrenz gemacht, das bislang jährlich (und nun fast zeitgleich) eine Ökonomenselbstschau organisierte. Und: Der Wettbewerb hat auf den ersten Blick auch durchaus Gutes hervor gebracht, auf den zweiten allerdings etwas unfreiwillig Ernüchterndes. Erstmals werden die Götter der Wirtschaftswissenschaft nicht mehr nur nach den akademischen und eher inszenstuösen Kriterien (den von anderen Ökonomen begutachteten – meist stark theoretischen – Publikationen in auserwählten Zeitschriften) sortiert, sondern es wird auch berücksichtigt, ob jemand entweder oft in den Medien zitiert oder von Politikern für wichtig gehalten wird.  Das Ergebnis hat allerdings etwas Bizarres – und es offenbart, wie kurios diese Wissenschaft aufgestellt ist.

Von denen, die in Sachen Forschung ganz oben stehen, ist so gut wie keiner in Medien und Politik gefragt – weshalb von den Dutzend besten Forschern nur ein einziger es überhaupt in die Top-50 des Gesamtranking schafft. Fast die Hälfte dieser 50 vermeintlichen Topleute wird wiederum von keinem der befragten Politiker oder hochrangigen Mitarbeitern in den Ministerien genannt auf die Frage, wessen Rat letztere schätzen. Nimmt man umgekehrt die Liste der meist zitierten Ökonomen, dann stehen dort ganz oben Leute wie der Chefökonom der teilverstaatlichten Fastpleite-Commerzbank (der sich seit Ausbruch der Bankenkrise vor allem durch Peripherieländer-Bashing hervortut und als Bankenvertreter ohne Zweifel stark dazu beigetragen hat, die Banken- zur Staatsschuldenkrise umzubenennen).  Von den zehn meist zitierten Medienstars der Ökonomenbranche erfüllen wiederum nur zwei einigermaßen nennenswert die akademischen Kriterien, die sich die Branche gesetzt hat.

Wenigstens annäherungsweise erfüllen praktische wie akademische Kriterien nur ganz wenige, darunter der gemäßigt ordoliberale Lars Feld (der laut FAZ-Begleittext auch schonmal auf Rockkonzerte geht) – oder der große Hans-Werner Sinn. Und selbst die stehen ja als Krisenbändiger jetzt nicht so richtig glanzvoll da.

Da stimmt irgend etwas nicht.

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  1. CPU
    7. September 2013 um 17:31

    Erschreckend ist doch in der Tendenz, dass „Politiker und Ministerialbeamte wiederum nur selten auf Forscher hören. Nur ein Drittel der Teilnehmer an der Umfrage nannte überhaupt einen Namen.“ Vielleicht können die Physiker an der Spitze der Republik ja wirklich alles in Sachen Wirtschaft alleine beurteilen und brauchen keinen neutralen Rat, um Entscheidungen treffen zu können. Man kann da nur auf den Kommentar von Patrick Bernau in der FAZ verweisen:

    „Internationale Spitzenforscher sind selten im Kanzleramt

    Das Ranking bestätigt den Eindruck, den die deutsche Wirtschaftspolitik schon lange macht. Wenn international angesehene Spitzenforscher aus anderen Staaten nach Europa kommen, dann erzählen sie oft von Gesprächen in Downing Street, dem Sitz des britischen Premierministers und des Finanzministers – doch Termine im Kanzleramt oder in irgendeinem anderen deutschen Ministerium haben sie nur selten.“

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