Startseite > Chefökonom > Vor der Wahl ist nach der Wahl – und nach der Krise vor der Krise

Vor der Wahl ist nach der Wahl – und nach der Krise vor der Krise

21. September 2013

Als kurz nach der Wahl vor vier Jahren die Euro-Krise ihren Lauf zu nehmen begann, gab es etliche internationale Experten, die davor warnten, mit Hilfen zu zögern (bei aller Moral), die Länder mit Strafen zu belegen und ihnen rabiate Austerität aufzudrücken. Weil die Erfahrung mit solchen Panik-Krisen gezeigt habe, wie schnell sich Abstürze an Finanzmärkten dann verselbständigen, außer Kontrolle geraten, auf andere Länder übergreifen. Weil Strafzinsen die Sanierung nur erschweren. Und weil die Geschichte lehrt, dass Austerität die Lage meistens unnötig verschlimmert.

Viele Regierende und Notenbanker haben das zu berücksichtigen versucht. Anders als Angela Merkel, die noch über Monate deklarierte, dass es keine Hilfen gebe, stattdessen Strafzinsen – und Austerität. Mit dem Ergebnis, dass genau das passiert ist, wovor die Auguren gewarnt hatten: die Panik eskalierte, bis im Mai 2010 doch die große Rettung nötig wurde, um den Kollaps des Bankensystems in letzter Sekunde zu stoppen; die Krise sprang wie prophezeit auf andere Länder über; und die Austerität führte wie prophezeit dazu, dass Griechen und andere die Katastrophen erlebten, die weit über das nötige Anpassen ihrer Volkswirtschaften hinaus gingen und zu mehr als einem Viertel Arbeitslosen führten, so wie es die Deutschen nach ähnlichem Experiment einst erlebt haben, bevor die Nazis kamen. Jetzt morden Nazis politisch Andersdenkende in Griechenland. Eine unfassbare deutsche Geschichtsvergessenheit.

Man kann der Kanzlerin am Ende dieser vier Jahre zugute halten, dass sie – immerhin – am Ende meist Einsicht gezeigt hat. Sie stimmte den Rettungspaketen zu, die sie zuvor abgelehnt hatte. Sie stimmte zu, die Strafzinsen zu senken. Sie ließ abstrus überzogene Defizitziele auf realistischere Jahre verschieben. Und sie nickte am Ende sogar das ultimative Einschreiten der Europäischen Zentralbank ab, die im Sommer 2012 endlich die Rolle des Lender of last resort (des Systemgaranten) einnahm, für die Notenbanken angesichts etlicher früherer Bankenkrisen einmal geschaffen wurden.

Das Problem ist, dass die Einsicht immer erst kam, wenn es (fast) zu spät war – wenn die Bankenmärkte kurz vor dem Implodieren waren, Defizitziele nach menschlichem Ermessen nicht mehr zu erreichen waren oder die soziale Lage eskalierte. All das wäre zu vermeiden gewesen. Und es ist nicht völlig unsinnig zu vermuten, dass den Europäern die ganze Kriseneskalation erspart worden wäre, wenn die deutsche Kanzlerin schon Ende 2009 klar gemacht hätte, dass sie die Euro-Zone nicht platzen lässt – nicht erst 2012. Dann wäre die Angst an den Finanzmärkten mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht eskaliert. Genau so wenig wie etwa in den USA, die ähnlich hohe Schulden hatten – dafür aber eine Notenbank, die sofort als Lender of last resort dastand. Die USA sind bis dato damit deutlich besser gefahren und haben ihre private Schuldenlast schon bemerkenswert abgebaut.

Es gehört zu den irren Seiten dieser Bundestagswahl nach vier Krisenjahren, dass die größten Leidtragenden des Krisenmanagements gar nicht die Möglichkeit haben, für oder gegen Frau Merkel zu stimmen. Sonst wäre Frau Merkel sicher übermorgen nicht mehr Kanzlerin (genauso wenig wie Gerhard Schröder, als seine ähnlich desaströse Politik in fünf Millionen Arbeitslosen endete). Dabei ist die Krise auch für die Deutschen potenziell viel teurer geworden, als es sonst der Fall hätte sein müssen. Bei frühem Gegensteuern wäre ein Serien-Überspringen der Anlegerpanik auf Portugiesen, Iren, Spanier und Italiener mit Sicherheit zu verhindern gewesen. Dann hätte es deutlich weniger Rettungspakete geben müssen – und auch entsprechend weniger deutsche Zusagen für Hilfskredite.

All das lässt sich jetzt nicht mehr rückgängig machen. Und die Entwicklung seit Einschreiten von Mario Draghi im Sommer 2012 sowie der (vorsichtigen) Lockerung des einen oder anderen Austeritätsprogramms zeigt ja, wie gut es ist, Marktpaniken per Intervention zu stoppen  und ökonomisch sachter vorzugehen. Seitdem hat sich die Lage deutlich entspannt. Seitdem gibt es sogar ganz zarte Erholungssignale.

Das Bedenkliche ist eher, dass die deutsche Bundesregierung aus alledem nicht wirklich gelernt zu haben scheint. Im Gegenteil. Sonst würde die FDP nicht in ihrem Wahlprogramm so viel gegenteiligen Unsinn verbreiten, als wäre gar nichts gewesen – und im Grunde genau das zu fordern, was gerade erst zur Katastrophe beigetragen hat. Sonst würde die Kanzlerin nicht immer noch so tun, als müsse man zur Lösung aller Programme immer nur möglichst strenge juristische Sparregeln erlassen. Und sonst gälte in den Regierungsparteien nicht nach wie vor als prima, dass die Deutschen gegenüber dem Rest der Welt Jahr für Jahr neue untragbar hohe (Handels-)Überschüsse einfährt – der beste Garant für künftige Schuldenkrisen bei den Partnern.

Mit so einer Regierung droht Deutschland erschreckend ungebremst in die nächste Krise zu steuern. Das fällt heute nicht auf, und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in den nächsten Monaten noch nicht. Die nächste Finanzkrise wird angesichts unzureichender Regulierung mit hoher Sicherheit aber kommen – und auch noch während der nächsten Legislaturperiode. Es wäre besser, die Deutschen hätten eine Regierung, die dem so schnell wie möglich entgegen steuert, statt von deutschen Stärken zu träumen. Da wäre fast jede andere denkbare aufgeklärte Koalition im Zweifel besser, notfalls auch schon eine Große Koalition, um das Schlimmste zu vermeiden.

  1. Daniel Petters
    22. September 2013 um 17:34

    Vielen Dank Herr Fricke, das war wieder Bestens.

  1. 23. September 2013 um 19:29
Kommentare sind geschlossen.