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Fabian Fritzsche – Realzinsen im Langfrist-Check

24. September 2013

Insbesondere in Deutschland wird immer wieder Kritik an der expansiven Geldpolitik der EZB laut mit dem Hinweis, die Realzinsen seien zu niedrig und würden zu einer Blasenbildung an den Finanzmärkten und Inflation sowie zu realen Verlusten für die Sparer führen. Letzteres ist natürlich eine Binsenweisheit. Liegen die nominalen Zinsen unterhalb der Inflationsrate, erleiden Sparer einen Kaufkraftverlust. Das alleine begründet jedoch kaum höhere nominale Zinsen, denn bei jedem Zinsniveau bzw. jeder Zinsänderung gibt es sowohl Gewinner als auch Verlierer. Angesichts einer Inflation unter dem Zielwert der EZB und anhaltendet Stagnation in Europa stellt sich eher die Frage, weshalb die Zinsen erhöht werden sollten. Befürworter höherer Zinsen argumentieren dabei oft historisch. Die zu niedrigen Zinsen hätten bereits ab 2001/02, als die Notenbanken nach den Anschlägen vom 11. September die Zinsen stark senkten, zu Immobilienblasen geführt und würden nun erneut Fehlallokation von Kapital verursachen.

Diesem Argument liegt offenbar die Überzeugung zugrunde, das derzeitige (Real-)Zinsniveau sowohl in der Eurozone bzw. Deutschland als auch in den USA und Großbritannien sei historisch ungewöhnlich niedrig und das Zinsniveau von vor 2001 oder gar der 1980er Jahre sei das „normale“ Niveau. Tatsächlich sind Realzinsen um 0% (Rendite 10-jähriger Staatsanleihen abzüglich der aktuellen Inflation) in Deutschland ein neues Phänomen, welches zum ersten Mal 2011 auftrat. Doch auch in Deutschland sind zumindest niedrigere Realzinsen als in den Jahren zwischen Mitte der 80er und Mitte der 90er Jahre vorherrschend, nicht unüblich. Ein internationaler Vergleich zeigt zudem, dass weder das durchschnittliche Realzinsniveau seit 2002 noch das der letzten zwei bis drei Jahre ungewöhnlich niedrig ist, sondern vielmehr den Normalfall darstellt, während das Zinsniveau davor eher anormal hoch war. So lag etwa der durchschnittliche Realzins zwischen 1962 ( davor liegen nur begrenzt Daten vor) bis einschließlich 1980 in den USA bei gut 1%, in Großbritannien bei 0,26% und in Frankreich bei knapp 1,5%, während die Werte von 2002 bis heute bei 1,26%, 0,88% und 1,95% liegen, also sogar höher als vor 1981. Und selbst die Realzinsen in der absoluten Niedrigzinsphase seit 2010 liegen mit Werten von 0,3% für die USA, 0,4% für Großbritannien und 1,1% für Frankreich ähnlich hoch wie in den 1970er Jahren. Erst als die Notenbanken in Folge der zweiten Ölkrise 1979/80 versucht haben, die Inflation dauerhaft zu besiegen und dafür die Zinsen auf bis dahin unbekannte Werte erhöht haben, stiegen dann 1982, als die Inflation tatsächlich sank, die Realzinsen auf historische Höchstwerte an. Zwar senkten die Notenbanken die Zinsen bereits wieder ab 1982, das Niveau sowohl der Leitzinsen als auch der langfristigen Zinsen blieb jedoch bis in die 1990er Jahre hinein vergleichsweise hoch.

Das gleiche Muster zeigt sich bei einer ganzen Reihe von weiteren Staaten wie den Niederlanden, Belgien oder Neuseeland. Bis Anfang der 1980er waren die Realzinsen niedrig, stiegen dann an und ab Ende der 80er/Anfang der 90er fielen sie nach und nach wieder auf normale Niveaus. Nicht die aktuell scheinbar niedrigen Realzinsen sind also ungewöhnlich, sondern Realzinsen von über 3% oder gar 4%[1] sind historisch betrachtet eher die Ausnahme. Daraus kann selbstverständlich nicht abgeleitet werden, dass niedrige Realzinsen grundsätzlich richtig seien. Denjenigen aber, die aktuell eine Normalisierung der Zinsen fordern, kann gesagt werden, die langfristigen Realzinsen sind derzeit im normalen Bereich und damit angesichts der gesamtwirtschaftlichen Situation sicherlich nicht zu niedrig.


 

[1] Ein konstanter Realzins von 4%wurde noch 1998 vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung im Gutachten zur Rentenreform angenommen und der vermeintlich niedrigen realen internen Rendite der gesetzlichen Rentenversicherung zwischen 1,2% und 2,8% (je nach Erwerbsbeginn) gegenübergestellt.

  1. sdr
    27. September 2013 um 17:30

    Also wurde bei den Berechnungen für Riester und ähnlichen von 4% ausgegangen? Das sieht doch ’n Amateur mit Krückstock, dass das nicht hinhaut.

  1. 30. September 2013 um 08:53
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