Startseite > Gästeblock > David Milleker – Urbanisierung im Entwicklungsprozess

David Milleker – Urbanisierung im Entwicklungsprozess

4. Oktober 2013

Urbanisierung ist eine der zentralen Leitplanken, die der neue chinesische Premierminister, Li Keqiang, regelmäßig als Teil der weiteren Entwicklungsstrategie hervorhebt. In der Tat leben gegenwärtig nach Schätzungen der Weltbank nur knapp 52% aller Chinesen in Städten. In anderen Ländern wie Brasilien oder Südkorea ist im Zuge des Entwicklungsprozesses der Urbanisierungsgrad von unter 50% auf über 80% angestiegen.

Als ersten Befund können wir also festhalten, dass die Konzentration der Bevölkerung in Städten irgendwie parallel zum wirtschaftlichen Entwicklungsprozess verläuft. Allerdings ist dann noch nicht klar, ob nun der Konzentrationsprozess das Wachstum treibt oder das Wachstum den Konzentrationsprozess. Gerade wenn wir Brasilien und Südkorea betrachten, fällt unmittelbar ins Auge, dass es zwar in beiden Ländern einen Trend zur Urbanisierung gab, Südkorea aber im Gegensatz zu Brasilien eine deutlich andere Entwicklung der Pro-Kopf-Einkommen genommen hat. Während sich Brasilien in dieser Hinsicht seit Jahrzehnten weitgehend parallel zu den USA entwickelt („Middle-Income-Trap“), konnte Südkorea den Rückstand auf die USA sukzessive aufholen. Als zweiter Befund lässt sich also festhalten, dass Urbanisierung alleine noch keine automatische Wachstumsgarantie bietet.

Entsprechend fragwürdig ist auch die häufig anzutreffende These, dass im Rahmen der chinesischen Entwicklungsstrategie mit „Urbanisierung und Strukturwandel“ einfach gemeint ist, dass zum einen weniger Investitionen im Exportsektor stattfinden, zum anderen kompensierend mehr (Mega-)Städte aus dem Boden gestampft werden. Diese Interpretation ist natürlich möglich, aber wenig plausibel, wenn man sich vor Augen führt, dass China in der jüngeren Vergangenheit auf diesem Weg schon einige Geisterstädte in Landschaft gestellt hat. Für den optisch interessierten Leser finden sich einige Beispiele mit Fotos hier oder hier.

Gehen wir gedanklich also nochmal einen Schritt zurück und fragen uns zunächst, wozu Ballungsräume überhaupt gut sind, um sie anschließend wieder wie ein Puzzle-Stück in die Frage des Entwicklungsprozesses einzubetten.

Der ökonomische Vorteil einer räumlich verdichteten Bevölkerung liegt darin, dass sich Effizienzvorteile generieren lassen. Nehmen wir als einfaches Alltagsbeispiel die Bereitstellung von „Essen auf Rädern“: Warmes Essen pünktlich zur Mittagszeit auszuliefern wird zu einer gewaltigen logistischen Herausforderung, wenn zwischen zwei Kunden jeweils zehn Kilometer Distanz zurückzulegen sind. Sind sie dagegen gerade mal einen Häuserblock voneinander entfernt, ist das deutlich leichter. Gleiches gilt für die Verkehrsinfrastruktur: Die Errichtung einer U-Bahn mit ihren hohen Fixkosten für Gleisnetz und Züge sowie verhältnismäßig geringen Kosten für den Einsatz ist natürlich lohnender, wenn man viele potenzielle Kunden damit erreicht. Oder anders formuliert: Vordefinierte Leistungen lassen sich zu geringeren Kosten realisieren und bestimmte Technologien lassen sich überhaupt erst ab einer bestimmten Bevölkerungskonzentration sinnvoll einsetzen.

Urbanisierung und Entwicklung stehen somit in einem Wechselspiel. Einerseits begünstigt die Bevölkerungskonzentration den Entwicklungsprozess, indem sie Technologiesprünge ermöglicht und infolge kostengünstigerer Bereitstellung Ressourcen für anderes übrigbleiben. Andererseits begünstigt der Entwicklungsprozess auch die Herausbildung urbaner Zentren als wirtschaftliche Cluster.

Sind wir also dann auf langen Wegen bei einem Henne-Ei-Problem gelandet? Wenn wir uns einmal für Brasilien, China und Südkorea den Nexus zwischen Urbanisierung und Wachstum anschauen, fördert die Statistik interessante Ergebnisse zutage:

  1. In allen drei Fällen gibt es eine klare Wirkungsbeziehung vom Wachstum auf die Urbanisierung.
  2. Im Falle Südkoreas gibt es auch eine klare Wirkungsbeziehung vom      Urbanisierungsgrad auf die Pro-Kopf-Einkommen. In Brasilien ist diese dagegen unklar. China liegt in der Mitte zwischen diesen beiden Polen.

Die Ergebnisse zeigen , dass Urbanisierung per se keine Entwicklungsstrategie darstellt. Man generiert nicht automatisch Wirtschaftswachstum, indem man viele Menschen auf engem Raum zusammenpfercht. Wenn umgekehrt die Leute wegen besserer Einkommensperspektiven in die Städte ziehen und über Effizienzvorteile und höherwertige Technologien in der Infrastrukturbereitstellung zusätzliche Potenziale gehoben werden, kann Urbanisierung aber wieder positiv auf die Entwicklungsstrategie zurückstrahlen.

Bislang ist Chinas Leistungsnachweis, das Effizienzpotenzial aus der Urbanisierung zu heben, deutlich schwächer als etwa derjenige Südkoreas, wenn auch besser als derjenige Brasiliens. Es darf bezweifelt werden, dass bei einer einfachen Gleichsetzung von Urbanisierung und „mehr Beton“ tatsächlich Sinnvolles entsteht. Aber hoffentlich meint Premier Li das auch nicht so, wie er gelegentlich verstanden wird.

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: