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Jens Bastian – Trendwende am griechischen Arbeitsmarkt?

18. November 2013

Nichts Neues am griechischen Arbeitsmarkt? Von wegen. Hier kommt die Auftaktanalyse von Jens Bastian, bis vor Kurzem in der Task Force for Greece der EU-Kommission – und von jetzt an regelmäßiger Gastautor im WirtschaftsWunder. Motto: was hinter den Klischees über die griechische Wirtschaft wirklich steckt.

Die Nachricht der unabhängigen griechischen Statistikbehörde ließ aufhorchen. Erstmals seit mehr als drei Jahren konnte ELSTAT vermelden, dass die monatlich registrierte Arbeitslosenrate stagnierte. Zwar auf einem hohen Niveau – immerhin 27.3 Prozent im Monat August, oder 1.366 Millionen Bürger und Bürgerinnen – aber nicht mehr mit steigender Tendenz. Die Arbeitslosenrate für die Altersgruppe der 18-24 jährigen beträgt 60.6 Prozent, ein Höchstwert in der Europäischen Union!

Obwohl die Arbeitslosigkeit im Sommermonat August leicht rückläufig war, sei allerdings vor allzu raschem Optimismus gewarnt.  Die Zahlen geben auch weiterhin Anlass zu Besorgnis. Dieser Erfolg, wenn er denn einer ist, wurde im wichtigsten Urlaubsmonat der griechischen Touristensaison erzielt, wenn Einstellungen überwiegend auf der Basis von Zeitverträgen stattfinden.

Arbeitslosigkeit Griechenland

Von einer wirklichen Trendwende kann erst in den kommenden Monaten gesprochen werden, sollten aus der Stagnation und leicht rückläufigen Entwicklung eine nachhaltige Verringerung der absoluten und prozentualen Werte erkennbar werden. Immerhin gilt es aber zu unterstreichen, dass nunmehr die Anzahl der Neueinstellungen den Wert der neu registrierten Arbeitslosen seit drei Monaten kontinuierlich übersteigt.

Arbeitslosigkeit Griechenland II

Der dramatische Anstieg der Arbeitslosigkeit in Griechenland hatte alle Wirtschaftssektoren erfasst. Aber die Verteilung der Kosten war extrem unausgewogen und wies auf starke Unterschiede in den Beschäftigungsbedingungen und Risiken zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor hin.

Angestellte im griechischen Privatsektor haben bisher die Hauptlast der Rezession und ihrer Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt getragen. Zwischen dem zweiten Quartal 2009 und dem dritten Quartal 2013 hat der Privatsektor in Griechenland mehr als 737.000 Arbeitsplätze verloren. Anders gesagt, 85 Prozent der registrierten Arbeitslosen, die nach einem Beschäftigungsverhältnis suchen, kommen aus dem Privatsektor, insbesondere aus dem gewerblichen Handel, der Bauindustrie und klein- sowie Mittelbetrieben.

Das heißt allerdings im Umkehrschluss nicht, dass die Beschäftigung im öffentlichen Dienst konstant geblieben wäre. Zahlreiche Angestellte in Verwaltungen und staatlichen Unternehmen haben in den vergangenen drei Jahren entweder Frühverrentungsoptionen in Anspruch genommen oder bekamen ihre befristeten Arbeitsverträge nicht mehr verlängert. Zu den Letzteren gehörten Angestellte bei der Athener Metro, der Müllabfuhr oder im Betreuungs- und Ausbildungssektor.

Dieser eher ‚stille Exodus’ im öffentlichen Dienst lässt sich mit Zahlen belegen. Nach Angaben der griechischen Zentralbank stand die Vollzeit- und Festanstellung im öffentlichen Dienst im Juli 2013 bei 612,414 Personen. Die Zahl der Angestellten mit Zeitverträgen erreichte 67,568. Zusammengenommen ergibt das einen Beschäftigungswert von 679,982 Personen im öffentlichen Sektor Mitte 2013.

Gehen wir fast vier Jahre zurück in der Zeitrechnung, ergibt sich ein völlig anderes Beschäftigungsmuster. Im Dezember 2009 waren die Vergleichswerte folgendermaßen: 692,907 Festanstellungen und 183,000 Angestellte mit Zeitverträgen. Zusammen ergab das eine Beschäftigung von 875,907 im öffentlichen Dienst Griechenlands ein Jahr vor Ausbruch der Krise. Anders gesagt, seit Ende 2009 ist die Beschäftigung im staatlichen Sektor des Landes um knapp 196,000 – oder 22.4 Prozent – zurückgegangen!

Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung im In- und Ausland hat der öffentliche Sektor Griechenlands in den vergangenen Jahren damit erhebliche Rückgänge bei der Beschäftigung zu verzeichnen. Zwar sind die Verluste im Privatsektor noch viel erheblicher. Es wäre aber irreführend, weiter zu behaupten, dass der griechische öffentliche Dienst ein sicherer Hort der Beschäftigung ist.

Letztendlich wird ein nachhaltiger Beschäftigungsanstieg abermals vom Privatsektor ausgehen müssen. Erste zarte Indikatoren weisen darauf hin, dass dieser Prozess auf dem griechischen Arbeitsmarkt Früchte zu tragen beginnt.

Zum Autor: Jens Bastian war von September 2011 bis September 2013 Mitglied der Task Force for Greece der EU-Kommission. Jetzt ist er freier Wirtschaftsberater und Finanzanalyst für Südosteuropa. Er lebt und arbeitet seit 16 Jahren in Griechenland.

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