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David Milleker – Quo vadis China?

4. Dezember 2013

Mitte November fand die dritte Plenarsitzung der Kommunistischen Partei Chinas statt, wobei bis Ende der Dekade weitreichende Reformen insbesondere für die Staatsunternehmen und die Finanzierung der Lokalregierungen angekündigt wurden. Zwar können wir hier nicht im Detail auf die Pläne eingehen, wollen aber zumindest kurz skizzieren, vor welchen enormen Herausforderungen China generell in seinem Entwicklungsprozess steht.

Zunächst gilt es, ein paar weit verbreitete Mythen kritisch zu hinterfragen. Ja, es handelt sich bei China um die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Aber gleichzeitig mit einer Bevölkerung, die viermal so groß ist wie die der USA. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt je nach Berechnungsmethode bei 8% des US-Niveaus (Preise und Wechselkurse von 2000) bzw. unter Verwendung der optisch vorteilhafteren Kaufkraftparitätenmethode bei 17,5% des US-Niveaus. Also sogar noch ein ganzes Stück unterhalb des Niveaus etwa Brasiliens. Dahinter verbirgt sich natürlich auch ein massiver Entwicklungsgegensatz zwischen den „Glitzermetropolen“ der Küstenregion wie Shanghai und bitterarmen Regionen im Landesinneren. Ein weiterer Mythos ist, dass die Schwellenländer gleichsam über einen Automatismus verfügen, der zwingend zu einer Einkommenskonvergenz auf das Niveau des „Nordwestens“ führt. Das ist aber keineswegs zutreffend. So bewegt sich Brasilien seit den 1960er Jahren gemessen am realen Pro-Kopf-Einkommen (Preise und Wechselkurse von 2000) bei 10 bis 15% des US-Niveaus, wobei der Spitzenwert 1980 (!) erreicht wurde und zwischen 1980 und 2000 wieder ein sukzessives Zurückfallen zu verzeichnen war.

Erfolgreiche Konvergenzländer wie Südkorea sind vor allem in Asien beheimatet und haben sich in ihrer Entwicklungsstrategie stark auf den Export in die entwickelte Welt spezialisiert. Für eine solche Strategie ist es natürlich von Vorteil, wenn man im Verhältnis zu seinem Absatzmarkt verhältnismäßig klein ist. Nur zum Vergleich: Südkorea weist gerade mal 8% der Bevölkerung der USA und der fünf größten EU-Staaten (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien) auf. So ist es Südkorea gelungen, durch den Export von Autos, Fernsehern und Smartphones das Pro-Kopf-Einkommen signifikant zu steigern. Die chinesische Bevölkerung ist aber doppelt so groß wie die der genannten Staaten aus der Nordatlantikregion.

Bislang hat sich China in seinem Entwicklungsprozess relativ nahe an anderen asiatischen Vorbildern orientiert. Dem sind aber Grenzen gesetzt, weil es dafür einfach nicht hinreichend klein ist. Mittel- und längerfristig steht China vor der gewaltigen Herausforderung, einen Entwicklungspfad zu finden, den vorher noch kein anderes Land gegangen ist (und der nicht 200 Jahre dauert).

Auch in einem anderen Punkt ist China der Entwicklungsstrategie seiner asiatischen Nachbarn gefolgt: Es hat auf relativ hohe Spar- und Investitionsquoten gesetzt. Die chinesische Regierung räumt aber inzwischen selbst ein, dass dies auf längere Sicht nicht durchhaltbar ist. Dieser Eindruck basiert nicht zuletzt darauf, dass die Investitionsquote inzwischen mit 45,5% der Wirtschaftsleistung auf einem Niveau liegt, das in ähnlicher Größenordnung nur von Staaten erreicht wurde, wo die Investitionstätigkeit dann Ende der neunziger Jahre im Zuge der Asienkrise dramatisch einbrach (und nie wieder auf das Ausgangsniveau zurückkehrte).

Die reine Wachstumsarithmetik zeigt aber, welche Herausforderung mit einer Korrektur dieser Entwicklung verbunden ist. Die gegenwärtige Investitionsquote Chinas liegt 10 bis 25 Prozentpunkte oberhalb des Schnitts einer asiatischen Vergleichsgruppe aus Singapur, Südkorea und Thailand. Der Investitionsquote steht eine Konsumquote von 35,6% gegenüber. Rein rechnerisch würde sich also eine „wachstumsneutrale“ Kompensation einer fallenden Investitionsquote nur bei einem zusätzlichen Konsumwachstum von 13 bis 32,5% ergeben. In einer solchen Dimension hat es allerdings noch nie Konsumzuwächse gegeben. Selbst wenn man als reines Gedankenexperiment die höchste je gemessene Wachstumsrate des (realen) Konsums unterstellt (15,4% im Jahr) und über einen Zeitraum von 5 Jahren die Investitionsquote um 10 Prozentpunkte zurückgehen lässt, ergibt sich aus einer normalen Wachstumsarithmetik eine Verlangsamung des gesamtwirtschaftlichen Wachstums in die Größenordnung zwischen 5 und 6%. Also weit unterhalb dessen, was man aus der jüngeren Vergangenheit gewohnt war.

China muss sich also entscheiden und die Weichen richtig stellen: Mehr Stabilität des Wirtschaftsmodells ist nur bei Verzicht auf kurzfristiges Wachstum zu haben. Ein Entwicklungspfad im Zeichen des Dreiklangs von „langsamer, sauberer und stabiler“ wäre im Sinne der Nachhaltigkeit zu begrüßen.

 

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