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Jens Bastian – Erzwungener Rückzug aus Südosteuropa für griechische Banken?

16. Dezember 2013

Zu Beginn des Jahres wurden die vier systemrelevanten Banken in Griechenland – National Bank of Greece (NBG), Alpha Bank, Piraeus Bank und Eurobank – umfassend rekapitalisiert. Die dazu notwendigen Mittel in Höhe von 41 Milliarden Euro wurden dem Hellenic Financial Stability Fund (HFSF) durch den European Stability Mechanism (ESM) zur Verfügung gestellt.

In Folge der Rekapitalisierung sind die vier Banken nun damit beschäftigt, eine ganze Reihe von Konditionalitäten zu erfüllen, die ihnen von den internationalen Kreditgebern in Rahmenverträgen aufgetragen wurden. Die Auflagen reichen von zukünftigen Kreditstrategien gegenüber der Realwirtschaft, Personalpolitik, das bankinterne Risikomanagement und die Auslandsaktivitäten der großen vier Finanzinstitute.

Insbesondere letzterer Aspekt ist besonders umstritten, trifft er doch ins Zentrum der strategischen Ausrichtung griechischer Banken. Diese hatten vor zwanzig Jahren schrittweise damit begonnen, in den Nachbarstaaten wie Albanien, Bulgarien, Rumänien, Mazedonien, Serbien und der Türkei ein dichtes Netzwerk an Tochtergesellschaften und Filialen aufzubauen (siehe Übersicht).

Branchennetzwerk Griechischer Banken in Südosteuropa (Mitte 2013)

NBG Eurobank Alpha Bank Piraeus Bank
Albanien 27 45 56
Bulgarien 223 209 102 100
Zypern 17 7 35 14
Ukraine 50 45
Mazedonien 64 24
Rumänien 135 276 165 178
Serbien 119 117 137 44
Türkei 522

Die Expansion nach Südosteuropa entsprach dabei einer strategischen Grundsatzentscheidung, die sich in den folgenden zwei Dekaden als höchst profitabel erweisen sollte. Als griechische Banken im Zuge des Finanz- und Staatsschuldenkrise seit 2008/09 immer stärkere Verluste ihrer Inlandsaktivitäten zu verzeichnen hatten, waren es gerade die profitablen Auslandsgeschäfte, die entscheidend dazu beitrugen, dass die Bilanzen keine tiefroten Zahlen aufwiesen.

Nun hat die Troika der internationalen Kreditgeber Griechenlands den Banken allerdings die Auflage gemacht, dass sie ihre Auslandsaktivitäten in Südosteuropa zurückfahren müssen. Sie sollen das Filialnetz reduzieren und Tochtergesellschaften verkaufen. Die strategische Ausrichtung der aus europäischen Steuermitteln rekapitalisierten Banken soll sich auf den Heimatmarkt konzentrieren.

Wie realistisch ist eine solche Konditionalität der Troika? Lässt sie sich sinnvoll umsetzten? Wenn ja, ist sie zielführend für griechische Banken, die aufgrund einer fünfjährigen Rezession, steigender ausfallgefährdeter Kredite und weiterhin rückläufiger Einlagenvolumina unter schwierigsten Bedingungen im Inland operieren?

Beim Versuch, Branchen und Tochtergesellschaften in Serbien, Bulgarien oder Rumänien zu verkaufen ist zu berücksichtigen, dass eventuelle internationale Käufer nicht gerade Schlange stehen, um in einer Region zu investieren, die weiterhin als risikobehaftet gilt und kein primäres Investitionsziel darstellt. M.a.W. es ist zu befürchten, dass mögliche Kaufabschlüsse griechischer Banken vor Ort nur zu einem erheblichen Abschlag zustande kommen.

Ebenso ist zu bedenken, dass die Auflagen der Troika zur Reduzierung der Auslandsaktivitäten zu einem Zeitpunkt formuliert werden, wo der europäische Bankensektor insgesamt eher damit beschäftigt ist, die neuen Baseler Eigenkapitalquoten zu erfüllen. Diese Konzentration limitiert ihre Bereitschaft, zusätzliches Kapital in risikoreiche Auslandsaktivitäten Südosteuropas zu investieren.

Ein Rückzug griechischer Finanzinstitute aus der Region hätte auch erhebliche branchenspezifische Arbeitsmarktkonsequenzen in einzelnen Ländern zur Folge. Angesichts der umfassenden Investitionen, welche die Banken in einzelnen Ländern der Region getätigt haben, hätten Verkäufe zu Tiefstpreisen auch zur Konsequenz, dass die Institutionen erhebliche bilanztechnische Verluste verzeichnen würden. In der Konsequenz hieße das, neuer Kapitalbedarf, der nur schwer durch die griechischen Banken alleine zu stemmen wäre.

Die Konditionalität der Troika gegenüber griechischen Banken ist kontraproduktiv mit Blick auf das operative Tagesgeschäft der Institute und in seiner strategischen Ausrichtung bedenklich. Es verdeutlicht einmal mehr, dass die Troika die Umsetzung von Auflagen fordert, die Zweifel an ihrer Realitätswahrnehmung auch drei Jahre nach ihrer Ankunft in Griechenland hervorrufen. Statt eine Reduzierung profitabler Auslandsaktivitäten in Südosteuropa zu fordern, wären Auflagen an griechische Banken zu formulieren, die sich z.B. auf eine zeitnahe Ausweitung des Kreditgeschäfts gegenüber Klein- und Mittelbetrieben konzentrieren. Davon ist aber heute keine Rede in den Forderungskatalogen der Troika!

Zum Autor: Jens Bastian war von September 2011 bis September 2013 Mitglied der Task Force for Greece der EU-Kommission. Jetzt ist er freier Wirtschaftsberater und Finanzanalyst für Südosteuropa. Er lebt und arbeitet seit 16 Jahren in Athen und Thessaloniki, Griechenland.

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