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Wie gut die Ökonomen wirklich sind – oder sein könnten

10. Januar 2014

Es gibt eine Menge Anlässe, darüber zu spotten, was Ökonomen so an Dingen tun und verbreiten. Dass sie ganze Krisen übersehen. Oder Theorien nachhängen, die für irgendeine Traumwelt gedacht sind, nicht für unsere ganz reale. Und trotzdem fragt sich, ob das alles Grund ist, die Zunft gleich gänzlich in Grund und Boden zu spotten, wie es mittlerweile Mode ist. Wie gut oder schlecht Ökonomen abschneiden, lässt sich ja prüfen – zumindest bei denen, die Vorhersagen machen und deren Treffgenauigkeit sich messen lässt. Zumal, wenn die Treffgenauigkeit schon über Jahre gecheckt wird, wie wir das mit der Auswertung der jährlichen Prognosen seit mittlerweile fast einem Dutzend Jahre gemacht haben, erst für die FTD, für 2013 jetzt erstmals in der Süddeutschen Zeitung.

Auf den ersten Blick scheinen die jüngsten Ergebnisse alle Spötter zu bestätigen. Im vergangenen Jahr landeten auf den ersten Plätzen Prognostiker, die – wie Sieger Stefan Bielmeier von der DZ – noch im Vorjahr ganz unten standen. Und einige, die 2012 oben standen, stehen jetzt deutlich weiter unten. Also reine Willkür, reiner Zufall?

Zwischen 2012 und 2013 scheint es mehr als in anderen Jahren in der Tat viel Auf und Ab in der Rangliste gegeben zu haben. Nur relativiert sich der Befund gerade für diese Jahre. Die Rangliste misst das relative Abschneiden der Auguren untereinander. Das lenkt in einem Jahr wie 2013 davon ab, dass die Auguren in der Summe und im Schnitt enorm treffsicher waren. Mehr als jeder Dritte geprüfte Konjunkturexperte hat Ende 2012 bereits ein Wirtschaftswachstum von 0,3 bis 0,5 Prozent vorhergesagt und damit das wahrscheinliche Ergebnis von 0,4 Prozent fast exakt getroffen. Genauer geht’s nicht. Kein einziger Experte hat mit (noch) weniger Wachstum gerechnet, eher mit mehr. Und selbst hier sind die Abweichungen bemerkenswert gering. Keine Prognose lag um mehr als 0,8 Prozentpunkte über der Wirklichkeit, also um weniger als einen Prozentpunkt. Dramatische Fehlprognosen sehen anders aus. All das passt so gar nicht zum Gespött, wonach die Ökonomen weder deuten noch richtig prognostizieren können, ach: wonach – wie oft zu hören ist – Prognosen gar nicht möglich sind. Blödsinn.

Jetzt könnte 2013 ja ein Ausreißer sein. Und natürlich gibt es Jahre, in denen die Prognosen viel stärker daneben lagen. Nur haben die Auguren erstens auch 2012 schon ziemlich gut gelegen, also damit bereits zwei Jahre hintereinander. Und zweitens sind die schlimmsten Fehlprognosejahre oft solche, in denen politische Turbulenzen oder ein abrupt eskalierender Finanzschock wie 2008/09 dazwischen kamen – Dinge, die sich nunmal schwer vorhersehen lassen. Wer den Anspruch an Prognosen hat, erwartet etwas ziemlich utopisches.

Interessanter noch ist, darauf zu schauen, wie sich einzelne Auguren über viele Jahre geschlagen haben, so wie wir das  jetzt wieder ausgewertet haben, indem wir ganz schlicht den Schnitt der Rangplätze für die beteiligten Institutionen seit 2002 machen (Ergebnisse der Langzeitauswertung). Auch da könnte man erstmal spotten, dass niemand immer Erster oder Zweiter und ein Anderer immer Letzter ist. Auch gute Prognostiker liegen in einzelnen Jahren mal ganz schlecht gegenüber der Konkurrenz – und umgekehrt (siehe oben). Aber die Auswertung über so viele Jahre zeigt, dass es solche durchschnittlich guten Prognostiker sehr wohl gibt – und auch durchschnittlich schlechte (gemessen an der Konkurrenz). Und darin steckt eine Menge Erkenntnispotenzial.

Ein erfahrener Konjunkturexperte wie Carsten Klude, Chefökonom bei MM Warburg, hat fast in jedem Jahr seit 2002 deutlich bessere Prognosen gemacht als die allermeisten Kollegen. Klude ist seit Jahren an der Spitze der Langfristauswertung. Ihm folgen Holger Schmieding, bis 2012 Chefökonom der Bank of America, David Milleker von Union Investment sowie Véronique Riches-Flores, ehemals Europa-Chefvolkswirtin bei der Société Générale. Im oberen Drittel liegen zudem die meisten der Konjunkturforschungsinstitute mit ihren großen Konjunkturabteilungen und langen Traditionen: neben dem Essener RWI auch das Ifo-Institut (bei dem glücklicher Weise nicht der Chef selbst die Prognosen macht, sondern nüchternere Konjunkturexperten), das Hamburger HWWI und die Ökonomen rund um Konjunkturchef Joachim Scheide beim Kieler Institut für Weltwirtschaft. Der Unterschied ist dabei nennenswert: die besten Prognostiker haben im Schnitt stets im oberen Drittel gelegen – andere kommen auf Durchschnittsplatzierungen um die 30er- oder 40er-Ränge.

Allen diesen treffsichersten Prognostikern ist gemeinsam, dass sie ganz solides Handwerk betreiben, langjährige Wirkungsketten auswerten, nüchtern rechnen, viel Erfahrung haben, sich in der Regel nur sehr eingeschränkt auf große mathematische Modelle verlassen – und die wirtschaftspolitische Gesinnung beim Prognostizieren weitgehend ablegen. Wer zu viel ordnungspolitische Wunschwelt mit sich trägt, wird die Realität kaum vorhersagen können. Ebenso wenig wie der, der auch schonmal so prognostiziert, dass das passiert, was seinem Weltbild entspricht. Was erklären könnte, warum das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft im Langzeitranking weit unten steht, ebenso wie der Internationale Währungsfonds. Auch das gewerkschaftsnahe IMK zählt nicht unbedingt zu den Topprognoseinstanzen im Land, auch wenn es deutlich vor der Arbeitgeberkonkurrenz abschneidet.

Die Konjunkturexperten im eher orthodox liberal aufgestellten Institut für Weltwirtschaft lassen beim Prognostizieren die Gesinnung Gesinnung sein – wenn die Löhne steigen, steigert das eben erstmal die Binnennachfrage, und erst danach bei entsprechenden Exzessen die Probleme in den Firmen. Ähnliches gilt ja für die Finanzpolitik. Ein höheres Staatsdefizit stützt in aller Regel eben erstmal die Ausgabekraft von Verbrauchern und Firmen, also die Konjunktur. Das ist halt so. Wer bei jedem etwas höheren Lohnplus oder Staatsdefizit aus dogmatisch getriebenem Eifer gleich die nächste Rezession prophezeit, wird keine gute Prognose machen.

All das heißt nicht, dass aus der Wirtschaftswissenschaft plötzlich doch eine großartige Disziplin mit großer Deutungskraft geworden ist. Im Gegenteil. Es ist kein Zufall, dass viele akademische Ökonomen das Prognostizieren mit allerlei intellektueller Anstrengung als Unsinn abtun (weil sich die Welt angeblich per Definition nicht vorhersagen lasse undsoweiter). Dahinter steckt oft nur das eigene Unvermögen. Und der irrsinnige Anspruch, die Welt eher aus einer Idealvorstellung ableiten zu wollen, die es in der Realität einfach nicht gibt. Wobei es  ungeachtet dessen auch abwegig wäre, den Anspruch zu erheben, jegliches menschliche Handeln (und sei es ökonomisch) immer bis auf Punkt und Komma quantitativ vorhersagen zu wollen. Nur heißt das eben nicht, dass sich die Unsicherheit künftiger wirtschaftlicher Entwicklungen nicht reduzieren lässt. Es gibt immerhin eine Menge Leute, die auf so eine Hilfe angewiesen sind, wenn sie ihr Geld nicht völlig willkürlich in den Wind schießen wollen.

Die langjährigen Auswertungen der Prognosen guter Konjunktur- und Wirtschaftsexperten zeigen, dass die Ökonomie weit mehr könnte, wenn sie endlich stärker versuchen würde, die Wirklichkeit zu erklären und dann auch bis zu einem gewissen und nennenswerten Grade prognostizieren zu können.

Kleine Schlussbemerkung in eigener Sache: es ist kein Zufall, dass von den besten Prognostikern sehr viele regelmäßig im WirtschaftsWunder schreiben. Es gibt halt solche, auf die man auf Basis ihres eigenen Erfolgs beim Prognostizieren bauen sollte – und die anderen.

  1. hanns
    13. Januar 2014 um 11:54

    hier werden, wenn ich recht sehe, die Prognosen für das jew. nächste Jahr bewertet? Wenn man jetzt, auf Grundlage der Ergebnisse für 2013 Prognosen für 2014 abgibt, das mag ja mit einer gewissen Fehlermarge noch hingehen. Das Problem ist aber, dass die Ökonomen auch immer gleich noch Porgnosen für das Folgejahr abgeben (meist nach dem Motto: in der Zukunft wird alles besser). Und da liegen sie meist viel weiter daneben.

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