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Fabian Fritzsche – Eurozone wird Japan 2.0

25. Januar 2014

Zum Jahreswechsel erfreuen sich Rückblicke und Vergleiche allgemein großer Beliebtheit und der 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges (ver-)führte offenbar zu Vergleichen der Situation 1913/14 kurz vor Ausbruch des Krieges mit der aktuellen Situation der Eurozone. Sicherlich findet man bei genauem Hinsehen einige Gemeinsamkeiten, doch ohne diesen speziellen Jahrestag wäre wohl niemand auf die Suche nach Parallelen zwischen 2014 und 1914 gegangen.

Dabei liegt der sich anbietende Vergleich zumindest zeitlich deutlich näher. Japan bietet möglicherweise gleich in mehrfacher Hinsicht die Blaupause für die Eurozone.

Die Parallelen sind  offenkundig: In einem Immobilienboom stieg die private Verschuldung massiv an, als die Blase dann platze war zunächst der private Sektor überschuldet und in der Rezession erhöhte sich dann auch die öffentliche Verschuldung deutlich. Seitdem ist das reale BIP-Wachstum deutlich niedriger als vor Platzen der Blase, Lohnwachstum und Inflation sind vernachlässigbar klein. Und auch die demographische Situation ist durchaus vergleichbar. Seit Anfang der 1990er Jahre, also mit Beginn der Krise in Japan, sinkt der Anteil der Personen im erwerbsfähigen Alter an allen Einwohnern; Europa befindet sich derzeit am Wendepunkt.

Sicherlich gibt es auch große Unterschiede – Japan befindet sich nicht in einer Währungsunion mit anderen Volkswirtschaften und vor Ausbruch der Krise galt Japan als das große ökonomische Zukunftsmodell, als Volkswirtschaft, die bald die USA ablöst. Ein weiterer wesentlicher Unterschied liegt in der Reaktion auf die Krise. Während zwar in beiden Währungsräumen die Geldpolitik expansiv wurde und die Zinsen auf nahe Null gesenkt wurden, war die fiskalpolitische Reaktion entgegengesetzt. Japan hat die durch die Rezession entstandenen Defizite – insbesondere die gesunkenen Steuereinnahmen – nicht nur akzeptiert, sondern immer wieder versucht, über Konjunkturpakete die Wirtschaft zu beleben. Im Gegensatz dazu ist die Fiskalpolitik in der Eurozone seit 2010 restriktiv, den anhaltend hohen Defiziten versucht man mit immer neuen Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen zu begegnen. Im Ergebnis war der Staatsschuldenanstieg in der Eurozone seit Ausbruch der Krise geringer als in Japan innerhalb der ersten fünf Jahre nach Krisenbeginn, wobei auch dies nur für die Eurozone insgesamt gilt und nicht für die Peripheriestaaten. Allerdings scheint sich die Staatsschuldensituation auch in den Krisenstaaten nun zu stabilisieren, der IWF erwartet, dass die Höchststände zwischen 2014 und 2016 erreicht sein werden. Der Anstieg der Arbeitslosenquote war jedoch gleichzeitig größer als in Japan und die BIP-Entwicklung schwächer.

Letztlich waren beide Ansätze also Fehlschläge. Sowohl eine stetig steigende Staatsschuldenquote ist nicht nachhaltig und insbesondere bei einer sinkenden (Erwerbs-)Bevölkerung nicht auf ewig tragbar. Doch auch eine zweistellige Arbeitslosenquote zum Teil bei über 25% kann kaum als Erfolg bezeichnet werden und stellt auf Dauer möglicherweise sogar eine Gefahr für die Demokratie dar. Wenn zwei in weiten Teilen unterschiedliche Krisenreaktions-Strategien nicht funktioniert haben, stellt sich natürlich die Frage, welches die richtige Strategie wäre. Die Lösung liegt möglicherweise im gemeinsamen Problem von Japan in den 90ern und der Eurozone ab 2008 – Zombiebanken. In beiden Fällen kam es zwar nicht zu einer Welle von Bankinsolvenzen wie in der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre, doch waren bzw. sind die Bankbilanzen belastet von faulen Krediten, wodurch die Kreditvergabe eingeschränkt wird. Ein gesamtwirtschaftlicher Aufschwung ist so kaum möglich. In Europa wurden zwar zahlreiche Bad Banks zur Auslagerung der Problemkredite gegründet, doch befinden sich je nach Schätzung noch immer hunderte Milliarden Euro an faulen Krediten bei den Geschäftsbanken. In Japan hat es zehn bis fünfzehn Jahre gedauert, bis die Bankbilanzen bereinigt waren und erst ab dann stabilisierten sich Kreditvergabe und Investitionen.

Will die Eurozone ein Japanszenario verhindern, sollten also dringen die Banken rekapitalisiert werden.   Vier bis fünf Jahre sind bereits vergangen, in denen nicht in ausreichendem Maße gehandelt wurde und es besteht die Gefahr, dass der für 2014 erwartete leichte Aufschwung die Verantwortlichen zum Nichtstun verleiten wird. Ohne funktionsfähigen Bankensektor wird der Aufschwung aber zu schwach bleiben, um den Arbeitsmarkt zu beleben und auch die finanzielle Situation der Staaten kann sich so nur graduell verbessern.

  1. 26. Januar 2014 um 23:33

    Eine wesentliche Frage bleibt, warum dieser sinnvolle Vergleich erst so spät gezogen wird. Und warum in der Vergangenheit die Konzentration so eindeutig – zumindest bei uns – auf dem Thema Inflation lag.Nun ja, heute ist das Thema Deflation etwas in den Vordergrund gekommen. Aber richtigerweise hebt dieser Beitrag jetzt die Bedeutung des Bankensektors in den Vordergrund. Rekapitalisierung ist da eine nahe liegende Forderung, denn die ersten Maßnahmen zur Rettung der Banken stellten mehr auf Liquiditätsversorgung und Bilanzbereinigung ab. Allerdings scheint mir Rekapitalisierung auch Reparaturcharakter zu haben. Wäre nicht möglicherweise die Zeit gekommen auch über Innovationen nachzudenken, wie Förderung – bei gleichzeitiger (!) Regulierung- von Crowdfunding, Lending etc? Oder zumindest Schaffung einer besserer Konkurrenzsituation. Wie genau weiß ich zwar auch nicht. Aber weil Rekapitalisierung Kapital benötigt, ist schon die Frage berechtigt, wer dies Kapital bekommt.

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