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David Milleker – Grenzüberschreitendes Bankgeschäft und internationale Ansteckung

7. Februar 2014

Die jüngsten Verwerfungen vieler Schwellenländerwährungen rücken erneut die Gefahren internationaler Zahlungsströme für einzelne Volkswirtschaften in den Vordergrund. Als Ansteckungskanal könnten sie andere Länder in einem Ausmaß und einer Breitenwirkung infizieren, die deutlich über das hinausgeht, was traditionelle Ansätze der Verflechtung von Volkswirtschaften über internationale Handelsbeziehungen erwarten lassen. Gegenwärtig scheinen wir am Beginn einer dritten Welle eines Prozesses zu stehen, den man als
Deglobalisierung des Finanzsystems bezeichnen könnte.

Grenzüberschreitende Kreditbeziehungen werden sukzessive zurückgefahren, nachdem sie in der Dekade bis 2008 sprunghaft gestiegen waren. Für die betroffenen Volkswirtschaften ist dieser Prozess hochgradig disruptiv. Wie schon in den beiden vorangegangenen Wellen stellt sich die berechtigte Frage, welche weitgefächerten Kreise eine solche dritte Welle zieht und ob davon auch spürbar negative Folgen für die Industrieländer zu erwarten sind.

Die Fakten: Anfang der 1990er Jahre belief sich der Zuwachs bei grenzüberschreitenden Brutto-Auslandsanlagen von Banken der G20-Staaten auf rund 100 Mrd. US-Dollar. Bis Ende 2006 stiegen diese Zuwächse auf fast 800 Mrd. US-Dollar jährlich. In der Finanzkrise verkehrte sich dieser Trend ins Gegenteil. Die erste Welle der Deglobalisierung traf die Finanzwirtschaft, als Ende 2009 fast 200 Mrd. US-Dollar an grenzüberschreitenden Bankforderungen in den G20 abgebaut wurden. Nach einer kurzen Zwischenerholung 2010 kam mit der Euro-Krise eine weitere Welle der absoluten Rückführungen der Auslandsforderungen in Höhe von knapp 300 Mrd. US-Dollar. Dabei gab es durchaus regionale Unterschiede. Während die Banken nahezu aller Industrieländer Auslandsforderungen abbauten, steigerten die Finanzinstitute der Schwellenländer, vor allem China, sie weiter.

Warum derartige Prozesse so viele Verwerfungen nach sich ziehen, lässt sich am Beispiel der Euro-Krise gut illustrieren. Zu Beginn wird aus Griechenland viel Kapital abgezogen. Dadurch entstehen in dort unfinanzierte Defizite. Diese wiederum zwingen die Griechen – mangels anderer Alternativen – zum Stopfen der Lücken andernorts Gelder abzuzweigen. Der Prozess zieht geographisch immer weitere Kreise des wechselseitigen Kapitalabflusses bis schließlich auch ein Land wie Italien, das vorher keine größeren Schieflagen aufgebaut hat, vom Kapitalmarkt abgeschnitten wird und in einer Bilanzrezession endet.

Aktuell erleben wir in einzelnen Ländern wie der Türkei das typische Muster von Zahlungsbilanzkrisen: Der Kapitalabzug bringt die Währung unter Druck, die Wirtschaftspolitik reagiert darauf restriktiv (Sparpolitik in der Euro-Krise, Zinsanhebungen in den Schwellenländern). Die abgeschwächten Wachstumsperspektiven sorgen aber für einen zusätzlichen Kapitalabzug. Diese Spirale dreht sich weiter, bis die Volkswirtschaft nicht mehr auf Auslandsmittel angewiesen ist. Ähnlich wie Griechenland ist die Türkei im Schwellenländeruniversum natürlich ein Extremfall. Viel spricht dafür, nicht alle Länder über einen Kamm zu scheren. Der Kapitalabzug konzentriert sich auch auf Länder, die wahlweise eine sehr rohstofflastige Wirtschaft und/oder eine defizitäre Leistungsbilanz haben. Es spricht aber wenig dafür, dass sich das Grundmuster früherer Zahlungsbilanzkrisen geändert hätte.

Muss man sich jetzt Sorgen um eine Rückansteckung der Industrieländer machen? Auf Basis der Handelsverflechtungen wie auch der Kausalitätsbeziehung lässt sich das klar verneinen. Ein Beleg dafür ist die Asienkrise, als letzte große Schwellenländerkrise, Mitte der Neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die Wachstumsraten der Industrieländer zeigten in dieser Episode keine nennenswerten Bremsspuren.

Einen Transmissionskanal, den man allerdings  unbedingt im Blick behalten sollte, sind eben genau die Banken. Nur als Beispiel: In Spanien sind  insbesondere die international tätigen Banken diejenigen, denen man die größte Kreditvergabefähigkeit zur Unterstützung der weiteren konjunkturellen Erholung im Heimatmarkt zutrauen kann. Aber just diese Banken dürften am ehesten unter den Turbulenzen in den Schwellenländermärkten leiden.

Vor dem Hintergrund des Wirkungszusammenhangs von Bankbilanzen und der Erfahrungen der jüngeren Zeit ist es auf jeden Fall sinnvoll, die Entwicklung etwa der spanischen Kreditvergabestandards im weiteren Jahresverlauf genau zu beobachten. Die Basishypothese ist eindeutig, dass es keine Ansteckung in die Industrieländer geben wird. In Frage ist sie nur zu stellen, wenn tatsächlich bei den spanischen Kreditvergabestandards eine Verschlechterung zu beobachten sein würde.

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