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Jens Bastian – Kassandrarufe und Erfolgsmeldungen aus Griechenland

10. Februar 2014

Wer sich zu Anfang des Jahres in Griechenland darum bemüht, ein realistisches Bild von der wirtschaftlichen Situation und deren Perspektiven für 2014 zu zeichnen, riskiert entweder unter Kassandraverdacht zu geraten, oder als Weichspüler der wahren Probleme und Herausforderungen des Landes zu gelten.

Die sechsmonatige EU Ratspräsidentschaft soll eine Erfolgsgeschichte für Athen werden. Beobachter aus dem In- und Ausland sollen möglichst die Erfolge und Errungenschaften des Reformprozesses in den Vordergrund stellen. Wer von dieser Leitlinie abweicht und sich einen kritischen, zweiten Blick hinter die Kulissen der Leuchtturmprojekte bewahrt, handelt sich allzu rasch den Vorwurf ein, als Spielverderber zu gelten.

Aber es sind gerade die Zwischenräume und Grautöne, die Aufschluss darüber geben, wo Griechenland heute steht und wie es in den kommenden Monaten weitergehen soll. Ob sich das Szenario einer allmählichen Erholung der griechischen Wirtschaft aktuell realisieren lässt, sei mit einigen Indikatoren näher erläutert:

  •  Es mehren sich dieser Tage die Hinweise von griechischen Wirtschaftsforschungsinstituten (z.B. IOBE), und internationalen Organisationen (z.B. OECD), wonach sich die sechsjährige Rezession auch in 2014 fortsetzen wird. Die Szenarien für weiteres Minuswachstum erreichen jeweils  minus 0.4 Prozent. Dagegen geht die griechische Zentralbank in ihrer Jahresprognose für 2014 von einem Wirtschaftswachstum von 0.5 Prozent aus.
  •  Eine Trendwende bei der Kreditvergabe an private Haushalte und Unternehmen ist weiterhin nicht zu beobachten. Eine über drei Jahre sich hinziehende schwache Kreditvergabe durch Banken gilt vielen Klein- und Mittelbetrieben – das Rückgrat der griechischen Ökonomie – als entscheidendes Hemmnis für eine sichtbare Investitionsankurbelung und bestandsfähige wirtschaftliche Erholung.
  •  Das Potentialwachstum Griechenlands ist 2014 noch viel zu niedrig, um auf Anhieb eine nennenswerte Trendumkehr herbeiführen zu können. Aufgrund der gestiegenen Risikoaversion von griechischen Banken und den Auflagen seitens des internationalen Rettungsprograms bleibt jegliches Wachstum der Kreditvergabe hinter den Erwartungen der Marktakteure zurück.
  •  Zugleich ist der Rückgang der privaten Inlandsnachfrage in den vergangenen fünf Krisenjahren so erheblich gewesen, dass Erholungspotentiale sich nur langsam manifestieren werden. Ein positiver Vorlaufindikator für den Kreditzyklus und den wirtschaftlichen Ausblick insgesamt wäre z.B. die Entwicklung im Wohnungsbausektor. Im September 2013 betrug der Rückgang neu ausgestellter Baugenehmigungen 37.1 Prozent. Die jährliche Abnahme seit Januar 2013 erreicht 32.5 Prozent.

Es gibt in der Tat kleine Hoffnungszeichen und ermutigende Entwicklungen. Das vergangene Tourismusjahr war rekordverdächtig. Ein Primärüberschuss im Haushalt (vor Zinsen und Tilgung) ist ein Erfolg für Griechenland; auch wenn einige kritische Nachfragen zu seinem Zustandekommen notwendig sind.

Das Leistungsbilanzdefizit sinkt und es gibt Hinweise auf gestiegenes Interesse von ausländischen Investoren. Dieser Tage war zu vernehmen, dass Vertreter der Deutschen Telekom in Athen weilten, um sich über eine eventuelle Aufstockung ihres Mehrheitsanteils an der griechischen Telekommunikationsgesellschaft OTE zu informieren.

Die Herausforderungen Griechenlands in 2014 bleiben groß und sind geprägt von Unsicherheiten und Risikofaktoren, die vornehmlich in der politischen Stabilität der Koalitionsregierung liegen und den sozialen Zusammenhalt einer stark polarisierten Gesellschaft. Die Nachhaltigkeit der Entwicklungen in 2014 wird sich weder in Kassandrarufen noch in voreiligen Erfolgsmeldungen manifestieren.

Entscheidend bleibt, wie greifbar solche Veränderungen von einer Mehrheit der griechischen Bürger und Bürgerinnen wahrgenommen werden. Ob sie nun Investoren sind, die dringend operatives Kapital für ihren Betrieb brauchen, Eltern, die das Schulgeld ihrer Kinder und die Hypothek auf das Haus bezahlen können, und Menschen, die Wege zurück in den Arbeitsmarkt finden.

Zum Autor: Jens Bastian war zwischen 2011 und 2013 Mitglied der ‘Task Force for Greece’ der EU Kommission in Athen. Jetzt ist er als freier Wirtschaftsberater und Finanzanalyst für Südosteuropa tätig. Er lebt und arbeitet seit 16 Jahren in Griechenland.

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