Startseite > Gästeblock > David Milleker – Warum Deflationsrisiken in Prognosen gerne unterschätzt werden

David Milleker – Warum Deflationsrisiken in Prognosen gerne unterschätzt werden

4. März 2014

Wenn das Gespräch auf die aktuell niedrigen Inflationsraten im Euro-Raum und potenzielle Deflationsrisiken kommt, wird die Angst vor „japanischen Verhältnissen“ häufig als übertrieben abgetan, denn Japan sei ein historischer Sonderfall. Auch wird ins Feld geführt, dass stagnierende und fallende Preise „nur“ in den Peripheriestaaten anzutreffen sind.

Der niedrige Durchschnitt im gesamten Euro-Raum signalisiere daher nur einen ohnehin notwendigen Anpassungsprozess in der relativen preislichen Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Mitgliedsländern im Euro-Raum.

Die angeführten Gegenargumente sind nicht von der Hand zu weisen. In Anbetracht der Schärfe der Rezession, durch welche die Peripherieländer in den zurückliegenden zwei oder sogar vier Jahren gegangen sind, ist es sogar überraschend, dass nur Griechenland nennenswert negative Inflationsraten aufweist, während alle anderen Peripherieländer ziemlich genau auf der Nullmarke halten können. Die Nullmarke liegt schließlich oberhalb dessen, was bei einem Standardzusammenhang zwischen Preis- und Arbeitsmarktentwicklung erwartet werden müsste.

Kann man damit nun alle Sorgen ad acta legen? Braucht es nur ein bisschen Zeit, in der man die Konjunkturerholung wirken lassen muss, bis sich dann wieder eine normale Inflationsrate entsprechend der Wunschmarke „unter, aber nahe bei 2%“ einstellt?

Gerade die Entwicklung Japans zu Beginn der 1990er Jahre illustriert allerdings deutlich, dass das ein Hoffnungswert ist. Dabei ist es nützlich, wenn man nicht einfach nur auf die Geschichte zurückblickt. Den groben Ablauf kennt man ja: Anfang der 1990er platzt die Immobilienblase, 1995 kratzt die Inflationsrate erstmals an der Nullmarke, 1997 kommen Pech (die Asienkrise) und Unverstand (eine massive Mehrwertsteuererhöhung) zusammen und lösen eine schwere Rezession aus. Ab 1999 liegen dann die Preissteigerungsraten dauerhaft im negativen Bereich.

Man kann versuchen, die Geschichte nicht ex post zu betrachten, sondern sich in die Situation aus damaliger Sicht zurückzuversetzen. Einen Anhaltspunkt dafür bieten etwa die Prognosen, die Volkswirte in Banken (wir nutzen hier die Daten von Consensus Economics) oder auch der OECD (aus den Jahrgängen des Economic Outlook) damals veröffentlicht haben.

Aus dieser Betrachtung wird deutlich, dass der Trend fallender und letztlich negativer Preissteigerungen schleichend verlief. Durch den Vergleich von Jahresanfangs- und Jahresendprognose lässt sich feststellen, dass die Prognostiker Jahr für Jahr einen systematischen Fehler machten und die Inflationsrate im Schnitt 0,2 Prozentpunkte zu hoch erwarteten. Ebenso ist festzustellen, dass zu Jahresbeginn die Inflationsrate für das Folgejahr im Schnitt um 0,4 Prozentpunkte höher taxiert wurde als für das gerade begonnene. Die einzigen Ausnahmen sind die Jahre 1997 und 1998, als der Effekt der Mehrwertsteuererhöhung auf die Verbraucherpreise unterschätzt wurde und anschließend der dämpfende Effekt aus der Asienkrise überschätzt wurde.

Somit lässt sich festhalten: Die Prognostiker haben zu keiner Zeit erwartet, dass Japan in der Deflation landen würde, bis sie tatsächlich eingetreten war. Es gab zwar einen klaren Trend in diese Richtung, der aber eher schrittweise in den Prognosen berücksichtigt wurde. Verhaltensökonomisch ist das relativ leicht zu erklären. Erstens wissen wir, dass Menschen sich nicht besonders gut alternative Realitäten mit deutlichen Abweichungen vom aktuellen Ist-Zustand vorstellen können. Zweitens wissen wir, dass Prognosen um so mehr an einem historischen Mittel ausgerichtet werden, je weiter der prognostizierte Zustand in der Zukunft liegt.

Entsprechend vorsichtig sollte man damit umgehen, dass derzeit keine Prognose für den Euro-Raum von fallenden Inflationsraten ausgeht und die Prognosen für 2015 gegenüber denen für das aktuelle Jahr auf 1,4% gegenüber 1,0% abstellen. Die Inflationsraten sind bereits so niedrig, dass jedes weitere Absinken – und sei es durch einen dummen Zufall aus dem weltwirtschaftlichen Umfeld – unter die Nullmarke führen kann. Und das mit einer großen Unsicherheit, ob man nicht anschließend im negativen Bereich verharrt.

Die Implikation für die Geldpolitik ist dabei nur in der Theorie klar. Gutes Risikomanagement impliziert, dass man zumindest so lange auf dem Gaspedal bleibt, bis die Inflationsraten wieder deutlich angezogen haben. In der Praxis gestaltet sich das allerdings schwierig, weil es nach Erreichen der Nullzinsgrenze kein wirklich mit durchschlagendem Erfolg erprobtes Instrument gibt.

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: