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Noch mehr Prognostiker des Jahres? – Aufklärungsversuch

26. März 2014

Seit gut zehn Jahren ermitteln wir Jahr für Jahr die Liste der besten Konjunkturprognostiker, erst in der FTD, zuletzt in der Süddeutschen. Jetzt haben auch die Kollegen vom Handelsblatt an der Übung offenbar Spaß gefunden und in sozusagen posthumer Imitation der FTD vergangene Woche auch einen Prognostiker des Jahres 2013 vorgestellt – einen anderen natürlich, und zwar, schöner Zufall: die Bundesbank und ihren Präsidenten, was natürlich sicher nicht intendiert war, anders als man es nach all den herzzerreißenden Hymnen auf den standhaften Mann (nun also auch noch „Hellseher“ – Zitat Handelsblatt) in der Euro-Krise vermuten könnte. Haben die Kollegen einen besseren Weg gefunden, den Besten unter den Prognostikern zu küren? Ein Aufklärungsversuch.

Auf den ersten Blick scheint die Alternativ-Auswertung ein paar vermeintliche Unzulänglichkeiten des Originals behoben zu wollen. Die Auswertungen kommt jetzt erst, also im März, wo für 2013 mittlerweile mehr statistische Erkenntnisse und die ersten Detailschätzungen für das vierte Quartal vorliegen. Auch wurde bis ins Detail alles mathematisch fein ausgewertet, was so zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt – und die Abweichungen der Prognosen von den nunmehr geschätzten tatsächlichen Werten verglichen, sodann gewichtete Abweichungen ermittelt undsoweiter. Die FTD-SZ-Auswertung gab es dagegen immer schon Mitte bis Ende Dezember. Und nicht alle Details wurden so penibel ausgewertet. Ist der HB-Preis deshalb besser?

Naja. Auch nach den FTD-Auswertungen gab es tatsächlich immer mal wieder die Anregung, doch erst im neuen Jahr auszuwerten, wenn eben neue Schätzungen zum Bruttoinlandsprodukt für das abgelaufene Jahr vorliegen. Das haben wir erwogen, am Ende aber immer verworfen. Der Grund: Von Dezember auf März gibt es selten größere Revisionen. Und noch wichtiger: Auch im März gibt es ja noch lange nicht die wirklich endgültigen Daten. Wie hoch das Bruttoinlandsprodukt war, wird von den Statistikern ja wie in einem Mosaik über sehr viele Quellen und spätere Datenermittlungen festgestellt. Oft wird im Herbst nochmal nachrevidiert, meist auch Jahre später nochmal. Wie lange soll man also warten? Wer konsequent sein will, müsste viele Jahre warten. Und, ganz ehrlich: dann interessiert das kein Schwein mehr – und es wäre ganz nebenbei eine schöne Ausrede, um Prognostiker erst gar nicht auf ihre Treffgenauigkeit zu testen. Schon im März, wenn der Frühling kommt, will man ja nicht mehr unbedingt wissen, wer das BIP eines Jahres richtig vorhergesagt hat, das schon ein paar Monate vorüber ist. Dazu kommt, dass die ganze Übung dann auch irgendwann absurd wird. Die Prognostiker gehen bei ihren Vorhersagen ja von dem Stand der Daten aus, den es zum Zeitpunkt der Vorhersagen nunmal gibt. Wenn im Nachhinein diese Ausgangsbasis revidiert wird, kann es sein, dass plötzlich ein anderer Prognostiker (zufällig) richtig liegt, aber nur, weil die revidierten Basisdaten seine Prognose plötzlich richtig machten.

Nun könnte sein, dass die neue Auswertung trotzdem besser ist, weil sie eben alles mathematisch detaillierter durchrechnet. Auch das nicht unbedingt. In unserer Originalvariante der Prognostikerauswertung haben wir seit jeher ganz bewusst als alleroberstes und herausstechendes Erfolgskriterium die Prognose der BIP-Zahl definiert, also des gesamten Bruttoinlandsprodukts. Allein deshalb, weil diese Größe natürlich politisch wie wirtschaftlich die entscheidende ist und jeder Prognostiker sie auch in dem Bewußtsein ermittelt, dass sie hohen Symbolwert hat (was einfach für die Prognose von, sagen wir, den Lagerbeständen gilt). Nur wer mit seinen Prognosen ganz nah an der tatsächlichen Wachstumszahl dieses BIP liegt, kommt überhaupt in die Endauswahl. Von da an zählt bei der weiteren Auswahl dann die Treffergenauigkeit auch bei einigen wichtigen (nicht allen) Detailprognosen wie den Vorhersagen zum privaten Verbrauch, den Ausrüstungsinvestitionen oder dem Export – und schließlich in der Endauswahl auch die inhaltiche (verbale) Begründung der Prognose, also die Story, die dahinter steckt: was hat wann für den Schub gesorgt – oder das Kippen der Konjunktur?

Weil in der hoch formalisierten Auswertung, die das Handelsblatt widergibt, dagegen alles mögliche mathematisch ausgewertet und gewichtet wird, spielt die gesamte BIP-Prognose gar keine herausstechende Rolle mehr, und auch die Story nicht, die vor lauter Formeln untergeht. Ergebnis: Unter den Top-Fünf der Prognostiker stehen kurioser Weise auch welche, die – wie etwas das Ifo-Institut und die IKB – das tatsächliche Wirtschaftswachstum um fast das doppelte zu hoch vorhergesagt haben (0,7 und 0,8 statt 0,4 Prozent). Das ist – mit gesundem Menschenverstand betrachtet – einfach eine drastische Fehlprognose und das absurdesErgebnis von zu viel Glaube an die Mathematik. Da haben manche Prognostiker zwar offenbar viele Bäumchen hier und da richtig vorhergesagt – in der Summe aber den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen.

Was bedeutet all das jetzt im Vergleich der Top-Prognostiker-Auswertungen für 2013? Auf den März hätte man dieses Jahr definitiv nicht warten müssen. Die aktuelle Wachstumsschätzung für 2013 liegt bei exakt den selben 0,4 Prozent, die auch im Dezember schon absehbar waren und in unserer Auswertung als Benchmark galt. Auch lagen Bundesbanker beim Original nicht so viel schlechter – an Stelle vier statt eins. Nur lagen die Frankfurter Hellseher in spe dann eben doch bei den wichtigsten Detailprognosen zu Export und Ausrüstungsinvestitionen deutlich daneben – ebenso wie bei ihrer Vorhersage zur Arbeitslosigkeit, wo die Bundesbank-Experten mit deutlich mehr als drei Millionen Erwerbssuchenden rechneten, nicht mit weniger als drei Millionen, wie es tatsächlich der Fall war.

Achja: Kurioser Weise haben die Kollegen nur 25 Prognosen auswerten lassen – obwohl es für Deutschland jedes Jahr mindestens 50 solcher Vorhersagen gibt.Vielleicht haben nicht alle so viele Details für die mathematische Auswertung liefern können. Zu viel Mathe ist halt auch nicht gut, wenn es um Dinge geht, die sich – wie das menschliche Verhalten – eben nicht bis ins Detail mathematisch formalisierne lassen. Ein bisschen mehr gesunder Menschenverstand kann da helfen.

Wir würden bis auf Weiteres daher gern das Original empfehlen.

PS: Sehr schön ist unterdessen sicherlich die Bildunterzeile zu der Prognostikerauswertung im Handelsblatt: „In jeder Prognose steckt eine Menge Arbeit“. Das ist völlig richtig.

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