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David Milleker – Tarifabschlüsse nähern sich wieder dem Verteilungsspielraum

9. April 2014

Etwa seit dem Jahr 2005 bessern sich in Deutschland Lohn- und Konsumentwicklung. Keine besonders bemerkenswerte Leistung, wenn man sich daran erinnert, dass durch die vorherige Phase der Stagnation die Messlatte extrem niedrig liegt. Festzustellen ist zudem, dass die Konsum- der Lohnentwicklung deutlich vorausgeeilt ist. Das lässt sich an der rückläufigen Sparquote der privaten Haushalte ablesen. Wie lässt sich also die Gesamtentwicklung bewerten?

Die Tarifrunden des vergangenen Jahres brachten im Schnitt Steigerungen von nominal rund 3 Prozent. Wie stark sie vom schwierigen Umfeld der Euro-Krise geprägt waren, lässt sich etwa daran ablesen, dass in der Metallindustrie das Forderungsniveau der Gewerkschaften schon zu Beginn niedriger lag als bei den Verhandlungen zuvor. In eher binnenwirtschaftlichen Sektoren wie dem Bauhauptgewerbe oder dem Bewachungsgewerbe wurden hingegen höhere Forderungen gestellt – und teilweise auch durchgesetzt.

Im laufenden Jahr schlossen bereits zwei größere Branchen Tarifverträge ab: Anfang Februar in der chemischen Industrie mit einer Tarifanhebung um 3,7 Prozent bei einer Laufzeit von 13 Monaten und im öffentlichen Dienst mit einer Tarifanhebung um 3 Prozent ab März 2014 und um 2,4 Prozent ab März 2015 bei einer Gesamtlaufzeit von zwei Jahren.

Zumindest wenn man diese Abschlüsse hochrechnet, bewegt sich die Tarifentlohnung langsam wieder auf Größenordnungen zu, die dem gesamtwirtschaftlichen Verteilungsspielraum aus Trendproduktivität und Zielinflation entsprechen. Bei Ausschöpfung dieses Spielraums wären die Lohnsteigerungen genau richtig temperiert – nicht zu hoch, als dass sie inflationär wirken könnten und nicht zu niedrig, was ein nachhaltiges Konsumwachstum abwürgen würde.

Bemerkenswert ist freilich, dass der Verteilungsspielraum trotz der niedrigsten Arbeitslosenquote seit der Wiedervereinigung nicht voll ausgeschöpft worden ist. Ein Strukturbruch in der deutschen Lohnentwicklung gegenüber den letzten Jahren ist mit den höheren Abschlüssen gemäß statistischer Tests nicht ableitbar. Vielmehr spiegeln sie eine gegenüber den Vorjahren deutlich verbesserte Lage am Arbeitsmarkt wider.

Die gute Nachricht aus dieser Entwicklung ist sicher, dass der private Verbrauch endlich wieder eine stärker stabilisierende Rolle in der konjunkturellen Entwicklung spielen kann, als das noch Anfang des Jahrtausends der Fall war. Damals folgte die deutsche Konjunktur einfach nur dem Auf und Ab des Welthandels. Zudem muss man sich keine Sorgen darüber machen, dass die derzeitige Lohnentwicklung irgendwie preistreibend oder wettbewerbsmindernd wirken könnte. Im Gegenteil: Wenn selbst bei Niedrigstständen der Arbeitslosenquote gerade mal Lohnabschlüsse in der Größenordnung des Verteilungsspielraums realisiert werden, kommt aus Deutschland ganz sicher weder ein Beitrag zum Leistungsbilanzausgleich innerhalb der Europäischen Währungsunion noch zur Erreichung einer Zielinflation von „unter, aber nahe bei 2 Prozent“.

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  1. hans
    9. April 2014 um 20:17

    Wer sich von diesen alles in allem mageren Abschlüssen deutliche Nachfrageeffekte erhofft dürfte enttäuscht werden, denn zugleich werden in den nächsten Jahren die Erhöhungen bei den Sozialbeiträgen in gewohnter Weise nur noch auf die Arbeitnehmer abgewälzt. 3 % Lohnerhöhung, 1,5 %punkte Erhöhung der KK-Beiträge macht real 0 %. Darüber hinaus darf der Blick nicht nur auf die Tariflöne gehen, denn immer mehr ARbeitnehmer arbeiten außerhalb der Tarifbindung. Die gesamte Lohnsumme ist im zurückliegenden Jahr real wiederum um 0 % gestiegen. Kein Licht, nirgends.

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