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Fabian Fritzsche – Uli Hoeneß und das verschwundene Auslandsvermögen

16. April 2014

Es ist allgemein bekannt, dass die USA ein Nettoauslandsschuldner sind und auch die Eurozone weist in Summe ein negatives Nettoauslandsvermögen in nicht unerheblicher Größenordnung auf.[i] Die Schuldnerposition der USA wird dabei oftmals als Gegenposition zur chinesischen Gläubigerposition gesehen.

Bei der Eurozone fällt eine schnelle Erklärung schon schwerer, zumal die Eurozone im langfristigen Schnitt eine ausgeglichene Leistungsbilanz aufweist, Leistungsbilanzdefizite aber der wesentliche Treiber für Nettoauslandsschulden sind. Doch auch für die USA greift die simple Erklärung mit China zu kurz, da die Nettodefizitposition größer ist als die Vermögensposition Chinas. Auf globaler Ebene müssten sich letztlich alle Verbindlichkeiten- und alle Forderungen zu Null saldieren, da die Schulden des Einen immer die Guthaben eines anderen darstellen. Tatsächlich jedoch ist die Summe der Auslandsverbindlichkeiten deutlich höher als die Summe der Auslandsforderungen. Irgendwo sind also Vermögen „verschwunden“, d.h. die Verbindlichkeiten werden zu hoch angegeben und/oder es werden Forderungen nicht vollständig abgebildet.

Diese Lücke ist seit vielen Jahren bekannt, die Ursachen wurden bislang jedoch vornehmlich in den nationalen Statistiken gesucht, wo möglicherweise in verschiedenen Ländern unterschiedliche Bewertungsmethoden verwendet werden.  Nun hat Gabriel Zucman, ein Wirtschaftswissenschaftler der London School of Economics (bzw. als der Artikel veröffentlicht wurde noch Paris School of Economics)  als Ursache Gelder westlicher Privathaushalt in Steueroasen vorgeschlagen.[ii]  Kauft beispielsweise ein deutscher Bürger über ein Depot in der Steueroase Schweiz  Wertpapiere aus Großbritannien, wird die Schweizer Statistik dies völlig korrekt nicht erfassen, da es sich nicht um Schweizer Vermögen handelt (sog. Wohnsitzprinzip). Handelt es sich um Geld, welches zu Steuervermeidungszwecken dorthin transferiert wurde, wissen auch die deutschen Behörden davon nichts, obwohl es sich volkswirtschaftlich gesehen um deutsches Auslandsvermögen handelt. Der Verkauf des Wertpapieres in Großbritannien wird hingegen üblicherweise korrekt erfasst, so dass durch derartige Transaktionen eine Lücke zwischen den Auslandsvermögen und den Auslandsverbindlichkeiten entsteht.

Zucman hat ermittelt, dass rund 8% der Vermögen der privaten Haushalte in Steueroasen gehalten werden, wovon wiederum 75% in keiner Statistik erfasst werden. Das mag zunächst wenig klingen, dabei handelt es sich jedoch um schätzungsweise 5,8 Billionen USD oder nach aktuellem Wechselkurs ca. 4,2 Billionen Euro. Selbstverständlich publizieren die Steueroasen keine detaillierten Statistiken über die Herkunft der Gelder, meistens gibt es keinerlei Informationen. Lediglich die Schweizer Nationalbank veröffentlicht Statistiken etwa darüber, zu welchem Land die Treuhandkonten, die von Schweizer Banken geführt werden, gehören. Da diese Treuhandkoten wiederum oftmals anderen Steueroasen wie Liechtenstein, den British Virgin Islands oder Panama zugerechnet werden, lassen sich zwar so nur Anhaltspunkte gewinnen. Es sind jedoch offenkundig vor allem Einwohner europäischer Staaten, die von derartigen Konstruktionen profitieren und zusammen mit Einzelfällen wie Uli Hoeneß ergibt sich der Verdacht, dass ein großer Teil der Gelder in Steueroasen und speziell der Schweiz europäischen Haushalten zugerechnet werden muss und ein weiterer großer Teil (mit Schwerpunkt eher Cayman Islands als Schweiz) US-Privathaushalten.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht sind Fälle wie Uli Hoeneß natürlich wenig interessant. Je nachdem wie viel Vermögen in Steueroasen Einwohnern der Eurozone bzw. der USA zugerechnet werden kann, ergibt sich allerdings eine spürbare Verschiebung der Nettoauslandspositionen. Höchstwahrscheinlich ist die Eurozone kein globaler Nettoschuldner, sondern weist ein deutliches Nettoauslandsvermögen auf und die USA sind vermutlich netto nur noch wenig im Ausland verschuldet. Sollten sich die Schätzungen Zucmans bestätigen, wäre etwa die immer wieder vorgetragene Argumentation, der US-Dollar werde angesichts der hohen Auslandsverschuldung stark abwerten oder die Eurozone müsse wegen der hohen Auslandsschulden ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern, hinfällig.

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[i] USA ca. 25% des BIPs, Eurozone 13% des BIPs. Diese Nettoverbindlichkeiten sind nicht zu verwechseln mit den Staatsschulden. Der öffentliche Sektor einer Volkswirtschaft kann hoch verschuldet sein und die Volkswirtschaft dennoch Auslandgläubiger, was bspw. auf Japan zutrifft. Oder aber die Staatsschulden können eher niedrig sein und die Volkswirtschaft gleichzeitig großer Auslandsschuldner, was z.B. auf Neuseeland zutrifft.

[ii] Zucman, G.: The missing Wealth of Nations: Are Europe and the US net debtor or net creditors, The quarterly Journal of Economics, 2013, S. 1232-1364

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