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Axel Reimann: Bluten in der Glaubenskrise

17. April 2014

Was verbindet Asthma, Diabetes, Lungenentzündung und die Pest (mal abgesehen davon, dass man dergleichen Unbill in jedem Fall immer als äußerst unangenehm empfindet). Na? Zu schwierig? Vor ein paar Jahrhunderten war die Antwort sonnenklar: Solche Leiden behandelt man alle mit einem ordentlichen Aderlass.

Da waren sich die Mainstream-Wissenschaftler damals einig – und tatsächlich gab es ja einige Patienten, die die “Missio sanguinis” überlebten, einige, denen es irgendwann sogar wieder besser ging. Der Aderlass muss dann wohl geholfen haben, oder? Inzwischen hat sich die Medizin weiterentwickelt, Gott sei Dank, und wenn wir zum Arzt gehen, müssen wir in der Regel nicht mehr befürchten, dass er auf einem Aderlasskalender nachschaut, wann er uns auf der Basis der Sternenkonstellation an welcher Körperstelle anzapft.

Im Ökonomischen sind wir da leider noch nicht so weit. “There is a broad consensus that well-designed fiscal consolidations have positive medium to longer-term effects”, schreibt die Europäische Zentralbank in ihrem jüngsten Monatsbericht. Okay, so richtig “broad” ist der Konsens vielleicht dann doch nicht mehr nach den jüngsten Erfahrungen mit dem Austeritätskurs, nach der Excel-Panne von Reinhart/Rogoff und nachdem sogar der Internationale Währungsfonds in letzter Zeit gewisse Vorbehalte beim Fiskalsparen angemeldet hat. Aber im Zweifel kann man sich ja mit Ausdrücken wie “well-designed” und “longer-term” gegen die Falsifikation absichern. Fakt bleibt: Die Zombie Economics, zum Beispiel die von der “expansiven Wirkung der fiskalischen Kontraktion” [sic!], sind noch quicklebendig.

Das liegt auch daran, dass die Zombie Economics sehr gut mit dem Volksglauben harmonieren: Klar braucht es die Sparsamkeit der schwäbischen Hausfrau, wenn ein Land “über seine Verhältnisse gelebt” hat; und, ja,“Tauschgerechtigkeit” verstehen wir, vor “Naturgesetzen” haben wir Ehrfurcht, “Eigentum” ist heilig, “Schulden” müssen zurückgezahlt werden, ein automatisches “Gleichgewicht” finden wir besser als ein zu regulierendes Chaos; Geld ist ein neutrales Zahlungsmittel, kommt von der Zentralbank und hat knapp zu sein; “jedem das Seine” ist uns wichtig; und “ich” bin sowieso das Maß aller Dinge. Irgendwelche Einwände?

Weil das so ist, können wir auch mit Wirtschaftstheorien leben, die wenig mit der Realität zu tun haben. Das vergessen die Kritiker der Zombie Economics. Wirtschaftstheorien müssen nämlich nicht unbedingt stimmen – sie müssen aber auf jeden Fall zu uns passen. So wie Theorien über Gott oder das Jenseits wahrscheinlich selten stimmen, aber meist zu der Gesellschaft passen, in der sie gerade en vogue sind.

Was aber passiert, wenn die ökonomische Volksfrömmigkeit gleich an mehreren Stellen brüchig wird? Wenn es da unkontrollierbare Entwicklungen gibt, die seit einigen Jahren an unserem Glaubensgebäude nagen? Beim Geld, beim Profit, beim Eigentum, oder zum Beispiel beim Glauben an die ewige Knappheit – die alte Menschheitsgeißel – und an die Unersättlichkeit der menschlichen Bedürfnisse. Um mal auf eines der gefährdeten Glaubensdogmen etwas ausführlicher einzugehen. Was, wenn immer mehr Menschen ahnen, dass diese “Knappheit” inzwischen vor allem eines ist: ein Disziplinierungsmittel in einem Verteilungskampf, der so gar nicht mehr geführt werden müsste (“Schnallt den Gürtel enger, strengt euch an – es gibt nichts umsonst.”) Man muss gar nicht so weit gehen wie Jeremy Rifkin (“The Zero Marginal Cost Society”), der uns jetzt schon auf dem Weg in eine Gesellschaft ohne Knappheit wähnt. Es reicht, nüchtern anzuerkennen, dass unsere heutigen ökonomischen Probleme in Wirklichkeit keine ökonomischen (also Knappheits-)Probleme sind, sondern vor allem Überschuss-Probleme: Wir haben ZU VIELE Autofabriken, ZU VIELE Handys, mit denen man gleichzeitig bügeln, telefonieren und Filme gucken kann, wir haben ZU VIEL Ersparnisse, die nach rentabler Anlagemöglichkeiten suchen und die deshalb immer abstrusere Finanzinnovationen befeuern. Wir haben ZU VIEL, müssen aber aus Glaubensgründen daran festhalten, dass alles ganz furchtbar knapp ist – vor allem das Geld.

Und denen, die wirklich noch mit echter Knappheit konfrontiert sind und die noch echte Nachfrage entwickeln könnten, fehlen die Mittel, um an dem Überfluss teilhaben zu können. Wir machen lieber aus einem systemischen Problem ein moralisches. Wir drängeln und gängeln Arbeitslose, damit sie schnell wieder auf dem Markt reüssieren. Wir fordern mehr Wettbewerbsfähigkeit von Krisenländern, als ob wir tatsächlich wünschten, dass sie uns einholen sollten oder könnten auf dem Weltmarkt. Und verzweifelt identifizieren wir immer neue “Megatrends” und “Zukunftsmärkte”, die aber alle weit davon entfernt sind, auch nur annähernd die frei werdenden Kapazitäten globalisierter Märkte zu beschäftigen. Als ob eine Volkswirtschaft von 80 Millionen Menschen nur auf Nanotechnologie, GreenTech und Altenpflege setzen müsste, um die Effizienzgewinne in anderen Branchen auszugleichen – während der Rest der Welt verzweifelt versucht, das Gleiche zu erreichen.

Was aber tun, wenn die Knappheit – auf der wir unser gesamtes Verteilungsarrangement aufgebaut haben – einfach nicht mehr ausreicht. Wenn die Knappheit irgendwann schlicht zu knapp ist, um sie zum Maßstab einer “gerechten” Verteilung des Produktionsergebnisses zu machen. Dann kommt es zur Glaubenskrise, mit Verteilungskämpfen und Neiddebatten. Und es wird – wie meistens, wenn der eigene Glaube an veränderten Umweltzuständen scheitert – nach Sündenböcken gesucht: bei faulen Südländern, gierigen Managern, oder irgendwelchen finsteren “Die-machen-unser-Geld-kaputt”-Verschwörern in Brüssel oder Frankfurt.

Vielleicht gelingt uns aber ein Update unserer ökonomischen Glaubenssätze, wenn wir den Ketzern gelegentlich mehr Aufmerksamkeit schenken als den Mainstream-Ökonomen. Angenehm wird so ein Umlernen für uns normalsterbliche Gläubige aber nicht – das wusste schon Meister Keynes: “Yet I think with dread of the readjustment of the habits and instincts of the ordinary man, bred into him for countless generations, which he may be asked to discard within a few decades. To use the language of today: Must we not expect a general nervous breakdown?”

Yes, indeed. Und da hilft dann auch kein Aderlass mehr.

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Axel Reimann war Redakteur bei der Financial Times Deutschland und hat nun ein Buch geschrieben, dessen Kernaussage er in diesem Beitrag auf den Punkt bringt.

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rindviehBuchtipp:
AXEL REIMANN
Rindvieh-Ökonomie – Warum wir den Glauben an die Wirtschaft verlieren, gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 192 Seiten,13,5 x 21,5 cm

ISBN: 978-3-579-07061-2 – € 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 28,50* (* empf. VK-Preis)

Verlag: Gütersloher Verlagshaus

In der Marktwirtschaft kriegt jeder, was er verdient. Glauben wir. Inzwischen herrscht eher große Ratlosigkeit: Wer bestimmt eigentlich, wie groß mein Anteil am Braten ausfällt? Marktgesetze oder ein merkwürdiges Arrangement der Mächtigen? Axel Reimann erklärt in seiner Polemik, warum immer mehr Menschen ihren Glauben an die Wirtschaft infrage stellen und welche Folgen das haben kann. Humorvoll, anschaulich und unkonventionell macht er deutlich, dass den westlichen Kulturen eine Säkularisierung der Wirtschaft bevorsteht, was unser Tagesgeldkonto mit dem Weltfrieden zu tun hat und warum es die Hölle sein wird, wenn wir uns nicht mehr sorgen müssen. Warum Eigentum Priester braucht. Und wieso Franz Beckenbauer bei Ajatollah Khomeini unterschrieben hat.

TWITTER: @Axel_Reimann

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