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Vom Arbeitsmarktwunder zum Weltuntergang

30. April 2014

Es lässt sich ja über die Ausgestaltung eines Mindestlohns und den Sinn einer Rente mit 63 streiten – je länger die Aufregung über beides in unserem Lande nun aber dauert, desto doller werden die Drohrufe und argumentativen Hochleistungen. Wie Otmar Issing gestern in einer deutschen Wirtschaftstageszeitung schrieb, droht uns jetzt sogar der „Rückgang der Wirtschaft“ – was immer so ein Rückgang einer Wirtschaft bedeutet (vielleicht gehen jetzt alle Fabriken und Büros einen Schritt zurück). Und um das Schlimme daran argumentativ noch zu beschweren, fügt der frühere Notenbanker hinzu, dass wir damit ja die ohnehin „bereits hohe Rigidität am Arbeitsmarkt“ erneut verstärken. Sprich: zu schlimm kommt dann noch schlimmer. Also Rückgang.

Spätestens da meldet sich natürlich doch, sagen wir, eine gewisse kognitive Dissonanz.

Immerhin hat der geschätzte Professor noch ein paar Absätze vorher gelobt, wie schön wir Überdeutschen doch Arbeitsmarkt reformiert haben und sich die (bösen) anderen Europäer daran nun mal ein Beispiel nehmen sollten. Hören wir nicht seit Jahren, dass wir einen Beschäftigungs-Rekord nach dem anderen erzielen? Und hieß es da nicht immer, dass das an den tollen Reformen liege? Feiern wir nicht mit jedem runden Geburtstag unseres Exkanzlers die heilige Agenda 2010? Und kommt dann von kundiger Seite nicht immer auch der Belegausweis, dass tatsächlich in den vergangenen Jahren relativ viel Arbeit bei relativ wenig Wachstum geschaffen wurde? Also die Beschäftigungsschwelle gesunken sei? Und eben der Arbeitsmarkt nach allen Regeln des Ökonomiegewerbes flexibler sei?

Nun kann man viel über Qualität und Rahmenbedingungen mancher neuer Jobs klagen. Dass der deutsche Arbeitsmarkt im Interesse der Unternehmen nicht flexibel reagiert – sobald die Konjunktur läuft – kann man spätestens nach den Erfahrungen der jüngsten Jahre nicht wirklich mit gutem Gewissen belegen. Der Verdacht liegt sogar nahe, dass das nicht einmal so sehr an Schröders Agenda-Reformen liegt. Immerhin hat Deutschland auch vor dem ölheiligen Gerhard mal Zeiten gehabt, in denen – trotz starker Regulierung des Arbeitsmarkts nach gängigem Orthodoxieverständnis – sehr schnell sehr viele Jobs entstanden und die Arbeitslosigkeit am Ende in Richtung Vollbeschäftigung tendierte. Etwa Ende der 80er-Jahre. Da gab es weder HartzIV noch stark liberalisierte Zeitarbeit oder ähnliches.

All das drängt denn auch eine ganz andere Erklärung auf: dass dieses ganze Reformieren nach vorn und wieder zurück in seiner Auswirkung womöglich stark überschätzt wird. Was dann auch erklären würde, warum die Lehrmeister der Orthodoxie das deutsche Jobwunder in Wirklichkeit gar nicht vorhergesagt haben. Als der Aufschwung 2006 begann, war der allgemeine Befund der Sinns und Co im Gegenteil ja noch, dass die Reformen vom Schröder bestenfalls der erste Schritt in die richtige Richtung waren und überhaupt nicht reichen. Erst als der Aufschwung immer eindeutiger wurde, wurde die Erklärung nachgereicht, wonach es – hupsala – die Schröderschen Reformen waren, die den deutschen Arbeitsmarkt wie wundersam vom Horrorladen zum internationalen Großvorbild gemacht haben.

Das Problem ist: Dann kann man natürlich heute nicht ernsthaft behaupten, dass bald alles ganz schlimm wird, weil – hupsala – der deutsche Arbeitsmarkt nun wieder doch nicht so flexibel ist, sondern furchtbar reguliert. Siehe Otmar. Entweder oder.

Vorschlag: Warum nicht einfach mal der Vermutung nachgehen, dass der Erfolg eines Arbeitsmarkts in einem hoch entwickelten Land doch viel mehr von einer guten Konjunktur abhängt als von dieser oder jener Regulierung, die halt je nach Land und Kultur anders und dafür jede für sich nicht schlecht sein muss. Das heißt ja nicht, dass man nicht aufpassen muss, bei einem Mindestlohn unvernünftig hohe Niveaus festzulegen. Dann kann man plötzlich auch erklären, warum wir unter Schröder irgendwann 5 Millionen Arbeitslose hatten – auch wegen einer konjunkturell so gruselig wirkenden Kürzungs- und Heillosreformpolitik bis 2005; und warum wir dann bei gar nicht so grundlegend anderen Arbeitsmarktregulierung plötzlich weniger als drei Millionen (weil die Konjunktur plötzlich gestützt wurde und ohnehin global prima für uns lief). Weder hat sich zwischenzeitlich etwas am Kündigungsschutz für Normalarbeitsverhältnisse geändert, noch an Urlaubsansprüchen oder Krankengeld. Und man kann um einiges gelassener davon ausgehen, dass der deutsche Arbeitsmarkt 2015 nicht implodiert, nur weil wir einen Mindestlohn einführen, den es anderswo seit langem gibt – so sehr man darüber im Detail auch streiten kann.

Da drängt sich der Verdacht auf, dass der eine oder andere mehr aus Gesinnung poltert als aus gewissenhafter Suche nach Erkenntnis.

  1. Elona Sonnen
    10. Mai 2014 um 11:29

    Ein ewiges Aufwärts gibt es nicht, hat es auch nie gegeben. Das bestehende Wirtschafts-Instrument wurde einst von findigen Köpfen auf den Weg gebracht, eine Modifizierung, wie sie heute äußerst notwendig wäre, ist nie geschehen, und sie ist auch heute noch bzw. wieder ein leerer Hauch.
    Die Wirtschaft kann nicht ewig wachsen, Schränke und Parkplätze sind bereits gefüllt und ein MEHR wird nicht mehr gut zu verstauen sein.
    Und dass die Spaltung in Arm und Reich ihre Entstehung durch PPuZZ zu verdanken hat, kann auch niemand bestreiten.
    PS: PPuZZ = PerProzentundZinsesZins

  1. 2. Mai 2014 um 15:24
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