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Hochzeit für Geldverbesserer – von Vollgeld und anderen Radikalvorschlägen

5. Mai 2014

Die große Finanzkrise der vergangenen Jahre hat jenen mächtig Auftrieb gegeben, die angesichts des Desasters nach einer völlig neuen Geldordnung rufen. Wäre die Welt besser, wenn Banken einfach gar kein Geld mehr selbst schaffen könnten, indem sie ohnehin vollständige Hinterlegung realer Werte Kredite vergeben? Stichwort: Vollgeld. Schon die Frage wird von Mainstream-Ökonomen gern als Spinnerei abgetan – was den vermeintlichen Spinnern umso größere Möglichkeiten lässt, ihre Ideen bei Nicht-Ökonomen zu verbreiten, die von den Mainstream-Ökonomen, sagen wir, nicht mehr so richtig begeistert sind. Zeit, die Rufe nach der schönen neuen Geldwelt zumindest ernst zu nehmen und gewissenhaft zu analysieren. Was dabei herauskommen kann, habe ich im vergangenen Jahr in einer Kurzstudie mit einigen vorläufigen Ergebnissen für das Europa-Parlament zusammengetragen. Gerade erschienen. Zu lesen hier.

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  1. André
    9. Mai 2014 um 14:41

    Sehr geehrter Herr Fricke,

    ich habe mit großem Interesse ihre Abhandlung gelesen, allerdings machen Sie es sich aus meiner Sicht an einigen Stellen zu leicht, weil Sie gewissen Auswüchse und Praktiken der Finanzmmärkte gar nicth in Frage stellen, zBsp:

    „Was hilft die schönste Geldmengenkontrolle , wenn die Geldnachfrage in der modernen Finanzwelt einfach sehr instabil ist? Da hinter steckt, dass es angesichts hoch entwickelter Finanzinstrumente und sekundenschnell realisierbarer Käufe und Verkäufe an denGeld- und Finanzmärkten heutzutage stets auch kurzfristig motivierte Anlage-verschiebungen geben kann. “

    Gibt es überhaupt eine realwirtschaftliche belegte Notwendigkeit zur Reallokationen von Finanzmitteln in Sekundenschnelle? Ich sage hier ganz klar nein. Realwirtschafltiche Entscheidungen werden nicht in Sekundenbruchteilen getroffen und ihre Auswirkungen sind auch nicht in Sekundebruchteilen quantifizierbar. Der gesamte Hochfrequenzhandel, Leerverkäufe und sonstiger Unsinn, der praktisch losgelöst von der Realwirtschaft an der Börse existiert, diese aber ganz real mit Reniteforderungen belastet, sollte verboten werden. Geld arbeitet eben nicht. Damit erübrigt sich auch sofort der vorgebrachte Einwand. Für alle anderen Geschäfte an der Börse muss eine Unterlegung mit 100% Eigenkapital Pflicht sein.
    Damit wäre bereits jede Krisendynamik gebannt, weil es keine „Cheap leverages“ mehr gäbe.

    Ich stimme Ihnen zu, dass mit beherzten Maßnahmen auch das jetzige System stabilisert werden kann. Jedoch nicht, ohne den massiven Überhang an nicht wertgebundenen Geldvermögen (Asset price inflation, Verhältnis BIP/Forderungen = 3,5) wieder auf ein gesunden Maß zu schrumpfen.

    Worin ich Ihnen und vielen Ökonomen übrigens nicht zustimme, das ist die generelle Unmöglichkeit der mathematischen Modellierung des Gesamtsystems Wirtschaft/Geldkreislauf. Es handelt sich dabei aus technischer Sicht um zwei gekoppelte Regelungskreisläufe, für dessen Beschreibung es des mathematischen Konstruktes ekoppelter Differnzialgleichungen bedarf. Diese werden meines Wissens nach im Bereich der BWL/VWL jedoch gar nicht gelehrt, sind dementsprechend unbekannt.
    Bei einer solchen Betrachtungsweiose erübrigt sich auch sofort die immerwiederkehrende Frage danach, was ursächlich wofür ist. Die Geldmenge für das Wirtschaftswachstum oder das Wirtschaftswachstum für die Geldemeng? Die Henne-Ei-Problematik, die die gesamte Ökonomengemeinde regelmäßg spaltet. Die Antwort lautet, wie naheliegend, weder noch. In solchen gekoppelten System wirken die Änderungen beider Faktoren jederzeit direkt wieder aufeinander ein.

    Das interessante an dieser Art der mathemtischen Beschreibung des Geld-/Wirtschaftskreislaufs ist, dass sich alle Standardaussagen der Ökonomie aus Ihnen herleiten lassen, also bereits implizit darin enthalten sind. Sie stellen einen Spezialfall dieser verallgemeinerten Theorie dar. das allein ist schon ein starkes Indiz dafür, dass es sich dabei um eine sehr zutreffende Beschreibung des Systems handelt.

    Warum schreibe ich Ihnen das? Nun, ich möchte die Gemeinde der Ökonomen emuntern, mit Systemtheoretikern, Mathematikern und Ingenieuren in das Gespräch zu kommen, die sich mit derlei Art von Systembeschreibungen und Simulationen auskennen. Denn insbesondere aus Simulationen ließe sich ein Großteil der von Ihnen aufgeworfenen Fragen und von vielen Geldtheoretikern gebauten Gedankenkonstrukte vorab handfest eine Antwort ablesen. Am Ende geht es hier um nichts weiter als den Aufbau eines komplexen dezentralen Steuerungs- und Regelungssystems.
    Mehr finden Sie zum Beispiel bei H. Genreith (https://www.youtube.com/watch?v=Q-d7HoqRAqk und http://www.slideshare.net/TandemVipera/zur-mathematik-des-wachstums), der diese Theorie aufbaute und sie als makroökonomische Feldtheorie bezeichnet. Ich teile seine Theorie, auch wenn sie an der ein oder andere Stelle noch verbesserungswürig ist, insbesondere was die langfristigen Renditen angeht und wie diese sinkende Durchschnittsrendite modelltheoretisch erklärt werden kann und real zustande kommt.

    interssante Ansätze aus der Systemtheorie sind auch bei Hr. Trappe zu finden: http://georgtsapereaude.blogspot.de/search/label/Fettaugensyndrom

    Warum haben es die sog. Quants nicht schon gemacht? Nun, die sind die ganze Zeit damit beschäftigt den Glitch im System zu finden, um schneller als die Konkurrenz zu sein. Da bedarf es solcherlei grundlagentheoretischer Betrachtungen nicht.
    .

    • 9. Mai 2014 um 22:23

      Vielen Dank für Ihre Anregungen. Was die Notwendigkeit radikaler Reformen der Finanzmärkte angeht, darf ich Sie gern auf mein Buch (Wie viel Bank braucht der Mensch? – Raus aus der verrückten Finanzwelt) verweisen. Leider ist es bis dahin aber noch ein langer Weg, wie es scheint, sodass wir bis dahin natürlich mit den heutigen Finanzmärkten und ihrer Instabilität (und den Folgen für die Geldnachfrage) rechnen müssen. Mit besten Grüßen, Thomas Fricke

  2. 8. Mai 2014 um 10:37

    Vielen Dank Herr Fricke für den Hinweis auf Ihre Studie. Ein paar einzelne Hinweise seien mir hierzu gestattet.
    „Das ist es im Zweifel trotzdem noch (relativ) lukrativer, in Finanzanlagen zu investieren dann werden womöglich von den begrenzten Mitteln (Geldern) Teile sogar umgeschichtet und abgezogen, um sie in der Finanzbranche zu investieren. Das wäre der Worst Case.“
    Kreditvergabemöglichkeiten, Finanzcasino, etc. sind ja alle miteinander verwoben. Jeder Mechanismus trägt einen Teil dazu bei. Wenn z.B. im Casino die Rendite lacht und die Banken sich quasi selbst mit „Spielgeld“ versorgen können, nunja, dann haben wir ein Problem 😉
    In diesem Zusammenhang lohnt ein Blick hierauf:
    http://www.testosteronepit.com/home/2014/5/7/explosive-hidden-leverage-threatens-to-blow-up-the-markets.html
    Hier macht ein Vermögender die einfache Rechnung, es ist vorteilhafter den eigenen Besitz zu beleihen und per Kredit eine höhere Rendite an den Finanzmärkten einzufahren. „Cheap leverage“ wird das dort benannt. Das ist natürlich über kurz oder lang der Tod des Systems, jeder der weiß wie eine Ponzi-Pyramide funktioniert, wird das einsehen.

    Damit sind wir schon recht nah am Ursprung, was den modernen „Kapitalisten“ eigentlich antreibt. Es geht um relative Machtausweitung („beat the average“). Jeder vergleicht sich doch mit seinem Umfeld. Und wer größere Wachstumsraten/Renditen als der Durchschnitt einfährt, profitiert von einem Hinzugewinn an Macht. Die dabei entstehende Struktur gleicht einem sog. Fettaugensyndrom, am Ende dominieren nur noch wenige Große den Markt.
    Link hierzu: http://rwer.wordpress.com/2014/04/30/profit-from-crisis-why-capitalists-do-not-want-recovery-and-what-that-means-for-america/

    Meiner Meinung nach sollten wir zuerst einen Konsens darüber herstellen, was Geld eigentlich ist. Irgendein „Ding“, was aus der Zentralbank rauspurzelt, reicht nicht aus.

    Viele Grüße

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