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Wirtschaftsdienst exklusiv – Alltagsauffassungen im Wirtschaftsgeschehen

9. Juni 2014

Die aktuelle Finanzkrise hat es an den Tag gebracht. Die wirtschaftlichen Akteure handeln in der Regel nicht in der Form rational, wie es die ökonomische Theorie erwartet. Vielmehr bestimmen Faustregeln, Meinungen und Haltungen die wirtschaftlichen Entscheidungen. Wie dies geschieht, erklärt der Wirtschaftsphilosoph Birger P. Priddat in der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsdienst.

Wie kam es eigentlich zur Finanzkrise? Priddat ist der Auffassung – gestützt auf Robert Shiller: „Der Ursprung der Krise ist der Häusermarkt. Da gibt es kein Vertun.“ Offenbar hatte sich die Vorstellung breitgemacht, dass Häuserpreise immer nur steigen und niemals fallen können. Und dies gilt nicht nur für die USA. Die alltagsökonomische Regel, dass Häuser immer eine sichere Anlage seien, gibt es auch in der deutschen Wirtschaftskultur. Dies hatte sich schon in der Hyperinflation 1923 tief in das deutsche kollektive Gedächtnis eingegraben. Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Länder setzte sich der Glaube an den neuen Kapitalismus durch – mit vermeintlich so intelligenten mathematischen Optimierungsprogrammen, die alle Risiken abschätzen können.

In Entscheidungssituationen, die immer mit Unsicherheit behaftet sind, verhalten sich die Wirtschaftssubjekte durchaus rational – aber anders als die Ökonomik das erwartet. Die Akteure meinen, dass die Vielen sich nicht irren können. Weicht einer vom gesellschaftlichen Konsens ab, setzt er sich einem Begründungszwang aus. Erweist sich die Entscheidung als fehlerhaft, ist man in der Masse zumindest sozial nicht bloßgestellt. Außerdem können die Entscheider damit rechnen, dass – wenn viele Bürger und große Unternehmen – betroffen sind – der Staat hilft. Dies bezeichnet Priddat als „Versicherungseffekt des Entscheidens“.

Priddat stellt fest, dass die Ökonomik das Verhalten der Akteure nicht versteht. Er fragt, ob sie „ein Narrativ rationaler Allokation erzählt, statt zu prüfen, wie Wirtschaft tatsächlich abläuft?“ Priddat nimmt allerdings an, dass „die Wirtschaftswissenschaft vor einer Wende steht, die neue Theorietypen hervorruft.“ Er hofft hier auf die experimentelle Forschung und auf die Richtung der Neuroeconomics.

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