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David Milleker – Frankreich in der Zwickmühle

9. Juli 2014

Inzwischen wird Frankreich immer häufiger als „kranker Mann Europas“ tituliert. Ganz fair ist diese Begrifflichkeit nicht. Zwar liegt das Wirtschaftswachstum seit zwei Jahren nur knapp oberhalb der Stagnationsmarke, auch bei den Frühindikatoren schneidet unser westlicher Nachbar im europäischen Vergleich eher mau ab. Doch musste Frankreich bei weitem keinen so massiven Wirtschaftseinbruch verkraften wie Spanien oder Italien.  

Realistisch betrachtet, müssten diese Staaten erst mal drei bis vier Jahre lang deutlich stärker wachsen als Frankreich, um überhaupt wieder im relativen Vergleich auf das französische Niveau aufzuschließen.

Das ändert nichts an der Tatsache, dass unter Status-quo-Bedingungen die Wachstumsperspektiven für die französische Volkswirtschaft alles andere als rosig sind. Der Grund hierfür ist weniger in originär heimischen Faktoren zu suchen. Vielmehr ist es die Folge eines sehr einseitigen Anpassungsprozesses im Zuge der Euro-Krise.

Blicken wir einmal ein paar Jahre zurück. Seit Einführung der gemeinsamen Währung war Frankreich so etwas wie der perfekte Durchschnitt der Währungsunion. Das gilt beispielsweise für die Wachstums- und Inflationsraten wie auch Lohnstückkosten und Leistungsbilanz. Wo Frankreich dagegen eher negativ auffiel, war der Profitabilitätstrend des Unternehmenssektors. Man könnte es auch so formulieren, dass Frankreich im Spannungsfeld zwischen den Peripheriestaaten ihrem schuldenfinanzierten, aber letztlich nicht nachhaltigen Boom auf der einen und Deutschland mit seinem von extremer Lohnzurückhaltung getriebenen Exportmodell auf der anderen Seite am ehesten verinnerlicht hatte, an welche Voraussetzungen eine Mitgliedschaft in einer Währungsunion ohne politisch-fiskalische Integration geknüpft ist.

Durch die Euro-Krise haben sich jedoch die Rahmenbedingungen für Frankreich grundlegend verändert. Während die Lohnstückkosten dort wie auch hierzulande dem gleichen Trend folgen wie vor der Krise, gingen sie in den Krisenstaaten absolut zurück. Hier kommt nun das typische Phänomen der Durchschnittsbildung zum Tragen: Ändert ein wesentlicher Teil der Grundgesamtheit seinen Trend, hat dies auch Rückwirkungen auf den Durchschnitt selbst. Mit der Anpassung in der Peripherie liegt Frankreich nun nicht mehr im Mittel, sondern am oberen Rand der Lohnstückkostenanstiege innerhalb der Währungsunion. Oder anders formuliert: Man macht nichts anders als vorher, aber die äußeren Rahmenbedingungen haben sich so geändert, dass man innerhalb des Währungsraums ständig an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Das ist natürlich auch eine zusätzliche Belastung für den ohnehin eher schwachen Profitabilitätstrend im französischen Unternehmenssektor.

Im Zusammenhang mit der relativen Wettbewerbssituation innerhalb des Euro-Raums steckt Frankreich in der Zwickmühle. Bei fortgesetzt robustem Wachstum würde die Leistungsbilanz in einen kontinuierlichen Abwärtstrend geraten. Ein Zusammenhang, den wir mit Blick auf die Analyse des Wachstumspotenzials von Volkswirtschaften gerne in den Vordergrund stellen. Umgekehrt dürfte es Frankreich auf absehbare Zeit kaum gelingen, bei stabiler Leistungsbilanz ein Wirtschaftswachstum von mehr als einem Prozent zu erreichen.

Wie gesagt ist dieses Problem nicht originär in Frankreich selbst entstanden, sondern aus dem Anpassungsprozess der Krisenstaaten. Daraus lässt sich auch gut erklären, warum sich die französische Politik mit einer klaren Antwort auf diese unbefriedigende Situation so schwer tut. Man hofft darauf, dass sich das Problem durch entsprechende Anpassungen im Ausland – wahlweise einen (deutlich) stärkeren Lohntrend in Deutschland oder in der europäischen Peripherie – von selbst wieder erledigt. Das erscheint allerdings kaum realistisch, da es für die Krisenstaaten sehr deutliche Hinweise auf Strukturbrüche in der Lohnfindung gibt (siehe auch hier) und in Deutschland keine, die über das konjunkturell erwartbare Maß hinausgingen (siehe auch hier).

Die Frage, wie man mit dieser Situation umgeht, ist aber je nach nationaler oder gesamteuropäischer Perspektive sehr unterschiedlich. Frankreich könnte natürlich über einen schwächeren Lohntrend versuchen, wieder seine Position im europäischen Durchschnitt einzunehmen. Das wäre eine rein nationale Perspektive. Sie käme aus gesamteuropäischer Sicht allerdings einem Abwertungswettlauf gleich. Während in einem flexiblen Wechselkurssystem ein solcher Wettlauf mit steigenden Raten des Preisauftriebs über importierte Inflation verbunden wäre, ist es im Rahmen einer Währungsunion ein Wettbewerb über möglichst starke Reduktion von Löhnen und Preisen mit der Konsequenz deflationärer Entwicklungen. Ein anzustrebender gesamteuropäischer Preisauftrieb gemäß dem Stabilitätsziel der Europäischen Zentralbank von „unter, aber nahe zwei Prozent“ rückt so in deutliche Ferne.Die zentrale Bezugsgröße ist schließlich hier, dass in einem gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht Lohnstückkosten und Inflationsrate sich etwa im Gleichschritt bewegen sollten.

Die Situation für Frankreich ist also alles andere als einfach. Eingeklemmt zwischen einem unveränderten Wirtschaftsmodell in Deutschland und massiven Lohn- und Preisanpassungen in den europäischen Krisenländern, bleibt Frankreich nur die Wahl zwischen schwächlichem Wachstum oder steigenden außenwirtschaftlichen Defiziten. Und ganz nebenbei wird die Entscheidung in Frankreich über seinen weiteren nationalen Weg auch eine maßgebliche Weichenstellung für die Zukunft der gesamten Währungsunion darstellen. Sofern keine akute Krise das Land zu einer plötzlichen Kursänderung zwingt, bleibt es wohl auf längere Zeit beim Durchwursteln mit eher mauen Wachstumsraten.

  1. Hobbyökonom
    12. Juli 2014 um 00:37

    Gut, aber wie schaut jetzt der Lösungsansatz aus?
    Steigende Produktivität bewirkt doch, dass irgendwann ein Mensch im Mittel mehr produzieren kann, als ein Mensch im Mittel benötigt/bezahlen kann, d.h. Langzeitarbeitslosigkeit entsteht, welche sich währungsunabhängig in den Regionen der geringsten Wettbewerbsfähigkeit sammelt.

    Der von Hans Werner Sinn favorisierte Abwertungswettlauf verschärft jene Situation doch nur.

    Wie also geht man mit einer sich aus dem Kapitalismus ergebenden Eigendynamik um, welche als Folge des technischen Fortschritts immer mehr Langzeitarbeitslose nebst zugehöriger Wanderungsbewegungen erzwingt?

  1. 16. Juli 2014 um 08:58
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