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Jens Bastian: Ein IPO macht noch keine wirtschaftliche Erholung. Das Missverhältnis von Finanz- und Realwirtschaft in Griechenland

19. Juli 2014

Die Nachricht war eher eine Randnotiz im Emissionskalender europäischer Börsen. Aber in Griechenland ließ sie aufhorchen und hatte erhebliche Symbolbedeutung. Erstmals seit dem Jahr 2009 hat sich ein Unternehmen wieder an die Athener Börse gewagt.

Fünf Jahre nach Ausbruch der Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise in Griechenland hat ein Unternehmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien sein IPO erfolgreich abgeschlossen. Der Windparkbetreiber ELTEH platzierte vergangene Woche 20.7 Millionen Aktien zu einem Preis von 1,70 Euro an der Athener Börse. Die Aktienemission war mehrfach überzeichnet und wurde von griechischen Konsortialbanken geleitet.

Nach der erfolgreichen Rückkehr des griechischen Staates an die internationalen Kapitalmärkte im Mai dieses Jahres und der wachsenden Fähigkeit von lokalen Firmen ihre Unternehmensanleihen im Ausland zu platzieren, stellt die ELTEH Emission am Athener Aktienmarkt die dritte Erfolgsgeschichte der griechischen Finanzwirtschaft im Jahre 2014 dar.

Diese Erfolgsmeldungen verdienen Beachtung, nicht zuletzt auch deswegen, weil sie im markanten Gegensatz zur aktuellen Situation der griechischen Realwirtschaft stehen. Während sich der Athener Aktienmarkt in einer 12-monatigen, ununterbrochenen Aufwärtsbewegung befindet, sind ähnliche Erholungsindikatoren auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Bereitstellung von Krediten an die Realwirtschaft nicht zu erkennen.

Wie ist die auffallende Abkopplung zwischen der griechischen Finanz- und der Realwirtschaft zu erklären? Warum gehen von der Athener Börse und der erfolgreichen Rückkehr an die internationalen Kapitalmärkte (noch) keine Impulse auf die Realwirtschaft aus?

Griechische Unternehmen können zwar Unternehmensanleihen platzieren oder nunmehr ein IPO wieder wagen, aber es gelingt ihnen bisher nicht, sich im lokalen Finanzwesen zu refinanzieren. Die Kreditversorgung, insbesondere der Klein- und Mittelbetriebe in Griechenland, und diese machen 85 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes aus, bleibt weiterhin restriktiv.

Griechische Banken können sich zwar wieder in Frankfurt am Sitz der EZB zinsgünstig refinanzieren. Sie geben aber diese verbesserten Liquiditätsoptionen immer noch nicht an ihre Kunden, sprich Privathaushalte und Unternehmen, weiter. Für einen exportorientierten Mittelbetrieb in Griechenland, der ein gutes Auftragsbuch ausweist und innovatives Potenzial besitzt ist der Gang durch die Drehtüre einer lokalen Bankfiliale  weiterhin ein Hindernislauf.

Die Kreditzinsen belaufen sich auf 6 bis 9 Prozent. Kredite für Investitionen werden zwar angeboten, aber viele Unternehmen brauchen primär Finanzierungsmöglichkeiten, um an operatives Kapital zu kommen. Hier zögern allerdings griechische Banken bei der Bedienung dieser speziellen Kreditnachfrage. Und die Fördermittel aus europäischen Strukturfonds der Kommission in Brüssel sind bisher nicht auf die Bereitstellung von operativem Kapital ausgerichtet.

Ein weiterer Aspekt in den Bilanzen der griechischen Banken trägt zu dieser Zurückhaltung bei. In den Büchern der lokalen Finanzinstitute lagern nicht-bediente Kredite, die mittlerweile ein Niveau von mehr als 70 Milliarden Euro erreicht haben. Dies entspricht einem Anteil am gesamten Kreditportfolio der Banken von knapp 33 Prozent. Diese ausfallgefährdeten Kredite müssen im wachsenden Maße mit Rücklagen abgesichert werden, die entsprechende Liquidität der Banken bindet und deswegen nicht als Kredite der Realwirtschaft zur Verfügung gestellt werden können.

Da die Bilanzen der vier größten griechischen Banken dieses Jahr im Rahmen der sog. Asset Quality Review  und des Stresstests der EZB auf Herz und Nieren überprüft werden, haben sie z.Zt. kein Eigeninteresse, die Kreditvergabe, insbesondere an Klein- und Mittelbetreibe, zu beschleunigen. Kredite an diesen Kundenkreis gelten gegenwärtig im Bankenwesen Griechenlands als erheblich Risiko belastet (sog. risk weighted assets).

Da der Anteil der nichtbedienten Kredite ohnehin bereits unverhältnismäßig hoch ist, kann gegenwärtig nicht davon ausgegangen werden, dass in diesem Kreditsegment eine rasche Ausweitung stattfinden wird. Das bedeutet in der Konsequenz, dass mittelfristig die Kreditversorgung der griechischen Realwirtschaft der Entwicklung an der Athener Börse und der erfolgreichen Platzierung von Staats- oder Unternehmensanleihen an internationalen Kapitalmärkten hinterherhinken wird.

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