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Fabian Fritzsche: Sommerlochthema „Kalte Progression“

13. August 2014

Trotz Ukrainekrise und Eskalation im Nahen Osten ist das Sommerloch auch in diesem Jahr anscheinend groß genug für die beiden obligatorischen Themen Alligator im Baggersee und das Thema „Kalte Progression“. Der Begriff beschreibt dabei den Sachverhalt, dass aus einer bestimmten Bruttolohnerhöhung von x% ein neuer Nettolohn resultiert, der um weniger als x% gestiegen ist. Im Falle einer Lohnerhöhung in Höhe der allgemeinen Preissteigerungen hat dies den Effekt, dass die Arbeitnehmer an realer Kaufkraft verlieren, weil ihre Nettolöhne weniger stark gestiegen sind als das allgemeine Preisniveau.

Dieses Phänomen ergibt sich schlicht aus der progressiven Einkommensbesteuerung, je höher das Einkommen, desto höher ist auch der Steuersatz. Dieser Zusammenhang ist zwar grundsätzlich richtig, doch scheinen sich Journalisten und Politiker, die so gerne über das Thema reden, eher wenig Gedanken über die Größenordnung gemacht zu haben.

Im Internet steht eine Vielzahl an sog. Nettolohnrechnern zur Verfügung, mit denen leicht nachgeprüft werden kann, wie sich eine bestimmte Lohnerhöhung auf den Nettolohn auswirkt. Die verschiedenen Rechner kommen zwar bei ansonsten gleichen Ausgangsdaten zu leicht unterschiedlichen Ergebnissen hinsichtlich des Nettogehalts, bei den Auswirkungen einer Lohnerhöhung gibt es jedoch nur marginale Differenzen zwischen den verschiedenen Tools. Aus einer Erhöhung von 2% ergibt sich in fast allen Fällen eine Nettogehaltssteigerung von mindestens 1,6% bis hin zu über 1,9%. Lediglich bei Einkommen, knapp über dem Grundfreibetrag ist der negative Effekt etwas größer. Je nach Einkommen und Steuerklasse beträgt dieser Progressionseffekt damit üblicherweise zwischen etwa 4 Euro im Monat (bei einem Bruttogehalt von ca. 2.000 Euro im Monat und Steuerklasse V) und gut 10 Euro im Monat (bei 5.000 Euro Monatsgehalt und Steuerklasse I), d.h. um diesen Betrag wäre das Nettogehalt höher, wenn dieses wie das Bruttogehalt um 2% anstiege und nicht um etwas weniger als 2%. Vier bis zehn Euro mehr im Monat wären für den einzelnen Haushalt sicherlich spürbar, stellen andererseits jedoch eine Größenordnung dar, bei der die Medien im Zusammenhang etwa mit Steuersenkungen oder Rentenerhöhungen – zu Recht – fragen, ob dies überhaupt eine relevante Veränderung darstellt. Darüber hinaus gilt die bisher angestellte Betrachtung unter der Voraussetzung, dass die sonstigen steuerlichen Eckpunkte gleichbleiben. Der Grundfreibetrag wurde jedoch alleine in den letzten sechs Jahren um insgesamt 9% angehoben, das letzte Mal Anfang 2014. Durch diese jüngste Erhöhung des Grundfreibetrages sind die Nettolöhne im Vergleich zu 2013 um 0,2% bis 0,4% gestiegen, der höhere Grundfreibetrag gleicht also recht genau die „Kalte Progression“ aus. Ein Arbeitnehmer, der 2014 eine Gehaltssteigerung von 2% erhalten hat, verfügt damit im Vergleich zu 2013 auch netto über 2% mehr.

Die gesamte Diskussion um die „Kalte Progression“ entpuppt sich also bei näherem Hinsehen als Nicht-Problem. Selbst ohne Erhöhung des Grundfreibetrages oder Senkung des Eingangssteuersatzes ist die Auswirkung der „Kalten Progression“ eher begrenzt. Mit diesen Änderungen, die es in den letzten 20 Jahren fast jedes Jahr gab (schrittweise Senkung des Eingangssteuersatzes von 25,9% auf 14% und Erhöhung des Grundfreibetrages von 6.184 Euro 1996 auf nun 8.354 Euro), bleibt von „Kalter Progression“ gar nichts mehr übrig. Und da schließt sich dann wohl auch der Kreis zum Alligator im Baggersee, der am Ende des Sommers auch plötzlich aus den Gazetten verschwindet.

  1. Joe Cool
    14. August 2014 um 10:18

    Wenn, wie Sie sagen, von „Kalter Progression“ gar nichts mehr übrig bleibt, was spricht dann gegen einen „Tarif auf Rädern“, der das Problem elegant und permanent beseitigt?

  2. 13. August 2014 um 18:55

    Ja, Zustimmung: Es ist ein Sommerlochstheater und lenkt von einem anderen – vielleicht sogar relevanteren Thema ab: den Sozialabgaben. Beides, Steuern und Sozialabgaben,stellen Lohnabzüge dar, die mit Einschränkungen kaum individuell beeinflussbar sind. In vielen Fällen, gerade bei geringeren Einkommen, wirken Sozialabgaben stärker negativ auf das Einkommen. Man sollte also nicht einen Teilaspekt des Abgabensystems in Frage stellen (Einkommensteuer), sondern erkennen, dass die zunehmende Komplexität dazu führen kann (durch eine anders gestaltete Abgabesystematik bei den Sozialabgaben) , dass Ziele nicht erreicht werden und die Welt nicht gerechter wird.Einige Berechnungen und Überlegungen dazu habe ich hier veröffentlicht: „Kalte Progression: Kein Grund sich nur darüber aufzuregen – es ist komplexer …“ Link: http://wp.me/p2lBDU-YN

  1. 15. August 2014 um 16:06
  2. 14. August 2014 um 10:00
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