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Fabian Fritzsche: Neuland für die EZB

11. September 2014

Als Mario Draghi Anfang September eine erneute Zinssenkung und darüber hinaus ein ABS-Kaufprogramm bekanntgab, war die Aufregung in Deutschland mal wieder groß. Die Reaktionen reichten in etwa von „riskantes Spiel“ bis hin zu „völlig unverantwortlich“. Schon vor der Entscheidung war die Angst in Deutschland offenbar weit verbreitet, dass die EZB Staatsanleihen kaufen könnte, aber nun sogar ABS, also die Papiere, die im Ruf stehen, die ganze Finanzkrise überhaupt erst ausgelöst zu haben.

Diese Papiere gelten geradezu als Synonym für undurchsichtige Finanzgeschäfte und unverantwortliches Handeln der Banken. Entsprechend einhellig ist die Ablehnung, geht man doch schließlich davon aus, dass die Banken die Chance nun nutzen werden, um faule Kredite aus ihren Bilanzen an die EZB loszuwerden.

Vielleicht liegt es am Reizwort ABS, vielleicht auch daran, dass man Draghi – einem Italiener, der bei Goldman Sachs gearbeitet hat – nicht wirklich traut, jedenfalls scheint eine differenzierte Betrachtung mit dem Thema nicht nötig. Tatsächlich werden die Details zum ABS-Kaufprogramm erst nach der nächsten Sitzung Anfang Oktober bekannt gegeben, die Kritik basiert also ohnehin nur auf Mutmaßungen und Gerüchten. Doch auch unterstellt, diese Mutmaßungen erweisen sich alle als richtig, ist die Kritik schlicht unangebracht, weil sie auf falschen Vorstellungen beruht. Zwar standen Verbriefungen von sog. Subprime Hypotheken im Mittelpunkt der Krise, daraus folgt aber keineswegs, dass Verbriefungen allgemein hochriskant sind. Die Ausfallquoten von europäischen Verbriefungen sind sogar außerordentlich niedrig und die EZB hat angekündigt nur die obersten, die sog. Senior-Tranchen zu kaufen. Auf diesen obersten und damit sichersten Teilen der Verbriefungen weisen aber selbst spanische Hypothekenverbriefungen keine Verluste auf und dies trotz Hauspreisrückgängen von über 30% und einer Verdreifachung der Arbeitslosenquote auf über 25%. Die angeblich so riskanten Verbriefungen haben sich damit also als außerordentlich stabil erwiesen. Und anders als manch ein Kommentartor nun mutmaßt, wird es auch nicht möglich sein, dass die Banken nun einfach ihre faulen Kredite an die EZB auslagern und dafür auch noch hohe Preise bezahlt bekommen. Die Risiken, die die EZB mit dem Kauf von Verbriefungen eingeht, sind also gering, Kosten für den Steuerzahler sind nicht zu fürchten. Die Frage ist eher, ob die EZB damit die von ihr kommunizierten Ziele erreicht, also eine Steigerung der Kreditvergabe insbesondere an mittelständische Unternehmen sowie die Bekämpfung der drohenden Deflation in der Eurozone.

Da die EZB mit ihrer Vorgehensweise Neuland betritt, lässt sich naturgemäß nur schwer abschätzen, wie sich die Maßnahmen auf das Verhalten der Banken auswirken werden. Im schlimmsten Fall wird es allerdings schlicht gar keine Auswirkung haben. Die EZB möchte dann Verbriefungen kaufen und wird möglicherweise auch einige bereits bestehende Transaktionen erwerben, aber an der Kreditvergabe der Banken ändert sich nichts. Ich halte das nicht für ausgeschlossen, da die EZB die untersten und damit riskantesten Tranchen nicht kaufen würde, das Risiko bleibt also letztlich bei der kreditgebenden Bank. In dem Fall würde die EZB aber auch kaum ABS kaufen, die Kritiker müssten also auch nicht fürchten, dass angeblich gefährliche Papiere auf der Bilanz landen. Oder aber, die Geschäftsbanken wissen nun, dass die EZB ihnen einen Teil der Kredite abkauft und vergeben dadurch mehr Kredite. In dem Fall würden zwar in vermutlich nicht unerheblichem Umfang verbriefte Kredite auf der Bilanz der EZB landen, aber das Ziel, die Kreditvergabe zu beleben und damit wohl auch eine mögliche Deflation zu bekämpfen, wäre erreicht. Sicherlich kann darüber diskutiert werden, ob die Notenbank aktiver Marktteilnehmer auf dem Finanzmarkt sein sollte und ob es nicht früher oder später zu Interessenkonflikten kommen könnte. Ungewöhnliche Zeiten verlangen jedoch ungewöhnliche Maßnahmen und wenn der zaghaft beginnende Aufschwung der Eurozone durch geldpolitische Maßnahmen erzielt werden kann, mit denen die EZB gleichzeitig keine signifikanten Risiken eingeht, ist dies begrüßenswert.

  1. TomW
    15. September 2014 um 19:33

    „Entsprechend einhellig ist die Ablehnung, geht man doch schließlich davon aus, dass die Banken die Chance nun nutzen werden, um faule Kredite aus ihren Bilanzen an die EZB loszuwerden.“

    Das wäre doch nur zu begrüßen! Die faulen Kredite sorgen doch erst dafür, dass die Banken einander misstrauen und Risiken scheuen und daher ihrer Rolle nicht mehr gerecht werden und zu einem Problem für die Eurozone geworden sind.

    Und die EZB ist die einzige Bank, die das Risiko nicht scheuen muss. Sie kann diese Papiere bis zum St. Nimmerleinstag in den Bilanzen halten, ihre Möglichkeiten zur Kreditvergabe werden dadurch nicht um ein Jota eingeschränkt, sofern es sich um Papiere in Euro handelt.

  2. Christoph Stein
    15. September 2014 um 14:54

    Ich vermute, auch das Aufkaufprogramm wird wenig bewirken, „eine Steigerung der Kreditvergabe insbesondere an mittelständische Unternehmen“ wird kaum eintreten, da die Kreditvergabe nicht an einem schwachen Angebot, sondern an einer schwachen Kreditnachfrage krankt.
    Welches mittelständische Unternehmen nimmt umfangreiche neue Kredite auf, wenn das wirtschaftlichen Umfeld miserabel, die Aussichten trübe und die Zeichen der Preisentwicklung auf Deflation stehen?
    In einem solchen Umfeld verliert die Geldpolitik ihre Wirksamkeit. Hilfreich wäre allein eine expansive Fizalpolitik, die ist aber durch die „Sparpolitik“ blockiert. Wir können also beim Niedergang zusehen.

  1. 12. September 2014 um 15:54
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