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David Milleker: Frühindikatoren und ihre Aussagekraft

6. Oktober 2014

Volkswirte greifen bei Prognosen gerne auf Befragungsdaten von Unternehmen oder Haushalten zurück. Das hat den Grund, dass sich hieraus Einschätzungen über Entwicklungen ableiten lassen, die in der offiziellen Statistik erst viel später sichtbar werden. Daher spricht man auch von Frühindikatoren. Dabei ist die Treffsicherheit meist umso höher, je näher die Befragten am tatsächlichen Geschehen sind. Einkaufsmanager sind hier etwa eine beliebte Befragungsgruppe, da sie aus dem eigenen Unternehmen gemeldet bekommen, was sie künftig an Vorleistungsgütern ordern müssen, um die eigene Produktion zu steuern.

Ein auffälliges Merkmal der letzten Jahre war allerdings, dass die über solche Befragungen gemessenen Einschätzungen teilweise geradezu euphorische Niveaus aufwiesen, die „harten“ Daten der amtlichen Statistik dann allerdings deutlich schwächer ausfielen. Häufig wurde das dann so kommentiert, dass die Stimmung wohl offensichtlich besser sei als die Lage.

Vermutlich liegt die Erklärung für diesen Befund aber vielmehr in der Systematik der Erhebung von Frühindikatoren selbst. Abgefragt werden in den Umfragen meist Einschätzungen wie „besser“, „unverändert“ oder „schlechter“. Daraus ergeben sich dann auch etwa für die sehr beliebten Einkaufsmanagerindizes Einschätzungen wie: „Bei Werten unter 50 schrumpft die Wirtschaft.“ Richtig müsste man allerdings formulieren: „Bei Werten unter 50 ist die Entwicklung schlechter als sonst üblich.“ Welche Implikationen ein Einkaufsmanagerindex von 50 hat, ist freilich schon immer zwischen Ländern sehr unterschiedlich gewesen. Ein solcher „Normalzustand“ war in China schon immer mit ganz anderen Wachstumswerten verbunden als etwa in Italien.

Die recht deutliche Abweichung zwischen Befragungs- und offizieller Statistik spielt vor allem in der Zeitreihenbetrachtung innerhalb einzelner Länder eine Rolle. Nehmen wir als konkretes Beispiel die Aussagekraft des vom Institute of Supply Management (ISM) erhobenen Einkaufsmanagerindex. In der Phase von 2000 bis 2007 entsprach ein Wert von 50 etwa einem Zuwachs des realen Wirtschaftswachstums um 2,2%. Im Zeitraum von 2010 bis heute (also der aktuellen Erholungsphase der US-Konjunktur) sind es dagegen nur noch 1,8%. Der Zusammenhang zwischen den Datenreihen ist zwar immer noch da, findet aber auf einem anderen Niveau statt.

Aus meiner Sicht ist die stichhaltigste Begründung hierfür, dass sich auch Einkaufsmanager – wie die meisten Menschen – sehr schnell an geänderte Umstände anpassen. Ähnlich wie man sich nach einer Krankheit schon „besser“ fühlt, sobald man wieder aufstehen kann. Was aber nicht zwingend bedeutet, dass es einem damit besser geht als vor der Krankheit. Was sich verschoben hat, ist ausschließlich die Wahrnehmung des Normalzustandes. Und der kann heute niedriger verortet werden als vor Beginn der Erkrankung.

Heute gilt meist nur noch, dass die Richtung von Frühindikatoren mit der an harten Daten gemessenen Entwicklung übereinstimmt. Niveau und Ausmaß weichen dagegen deutlich von Vergangenheitswerten ab. Entsprechend große Vorsicht sollte man auch bei der Interpretation an den Tag legen.

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