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Abschwung aus Überzeugung

10. Oktober 2014

Unsere Konjunkturauguren beweisen Mut zur Lücke. Wenn die Wirtschaft seit ein paar Monaten so unverhofft schlecht laufe, liege das am „Gegenwind von der Wirtschaftspolitik“, an Mindestlohngesetzen und Rente mit 63 für Langzeiteinzahler. So haben die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute es gestern in die medialen Lautsprecher eingegeben. Kleiner Haken: So richtig belegen können sie das nicht. Sucht man nach einigermaßen soliden Beweisen für die steile These, stößt man im vorgelegten Herbstgutachten auf das eine oder andere Mutmaßen und im Grunde keinen solchen. Lücke halt.

„Rentenpaket und Mindestlohn würgen das Wachstum ab“, war gestern mit Verweis auf die Institutsanalyse zu lesen. Starkes Stück. Jetzt sei es amtlich, polterten andere (die, klar, schon immer wussten, dass diese fürchterlichen Wohltaten Deutschland in den Abgrund stürzen werden). Liest man im Gutachten selbst, klingt schon die Aussage an sich nicht ganz so atemberaubend. „Offenbar“, heißt es da reichlich wackelig, wögen unsichere Absatzaussichten und der (besagte) „Gegenwind von der Wirtschaftspolitik“ für die Unternehmen schwerer als der Vorteil niedriger Zinsen. Ein richtiger Beleg? Fehlanzeige. An anderer Stelle gibt es eine Liste etlicher Störfaktoren für die Konjunktur der vergangenen Monate, in die einfach mal Rentpaket und Mindestlohn eingereiht werden. „All dies“ wirke sich „wohl“ negativ auf die private Investititionstätigkeit aus. Auch hier: kein näherer Hinweis auf einen tatsächlichen, geschweige denn quantifizierbaren Wirkungszusammenhang.

Womöglich auch kein Wunder: warum sollte der Beschluss über einen Mindestlohn, der in weiterer Zukunft eingeführt wird, im Frühjahr 2014 zu einem plötzlichen Einbruch der Geschäftserwartungen in der Industrie für die nächsten sechs Monate geführt haben, wie es in der Geschäftsklima-Umfrage des Ifo-Instituts abgefragt wird? Das Projekt war ja auch schon länger bekannt. Ähnliches gilt für das Rentenpaket, das im Juli in Kraft trat. Kuriosum: In den eigenen Prognosen haben die Institute ihre Investitionsvorhersage gegenüber dem Frühjahr auch gar nicht so stark nach unten revidiert; stattdessen vielmehr die Export- und auch die Konsumprognose.

Noch kurioser: Warum haben die Institute dann noch im Frühjahr sogar mit einer Beschleunigung der Investitionen gerechnet – obwohl Renten mit 63 und Mindestlohn mit 8 damals ja auch schon bekannt waren? Warum sollte das Wirtschaftswachstum in Deutschland 2014 damals trotzdem noch knapp zwei statt jetzt nur noch 1,3 Prozent erreichen? Darauf angesprochen, wanden sich die Forscher gestern auch entsprechend. Nicht wirklich erklärbar.

Nur an einer Stelle scheint es im Gutachten so etwas wie rechnerische Belegführung zu geben – allerdings auch nur auf den ersten Blick: in den Berechnungen im hinteren Teil, nach denen der Rückgang des deutschen Bruttoinlandsprodukts im zweiten Quartal gar nicht aufs Ausland zurückzuführen sei – sondern zu einem möglichen Gutteil auf einen „investitionsspezifischen Schock“ im Inland. Was das ist, bleibt nur ein bisschen schleierhaft. Und dass dahinter nun just Rentenpaket und Mindestlohn stecken, wagen selbst die Institute aus den Rechnungen gar nicht abzuleiten. Wahrscheinlich weil so ein Schock eben auch etliche andere Gründe haben kann. Der Befund gilt ohnehin nur für das eine Quartal. In der Tendenz spielen die weltwirtschaftlichen Störungen natürlich die größere Rolle, etwa die einbrechende Konjunktur im wichtigsten Handelspartnerland Frankreich (wie die Institute an anderer Stelle auch eindrucksvoll darlegen), oder eben die viel zitierten geopolitischen Schocks; die deutschen Exporte dürften 2014 jetzt nur noch halb so stark wachsen wie es die Institute im Frühjahr noch erwarteten. Hier liegt der eigentliche wichtigste Grund für die Revisionen – nicht im gemunkelten Gegenwind.

Natürlich gibt es in Deutschland auch eine drastische Schwäche der Binnenkonjunktur. Nur sagt das ja noch nicht, woran diese Schwäche liegt. Nach wie vor zieht in  Deutschland der private Konsum einfach kaum an – allem Gesundbeten zum Trotz. Für 2014 mussten die Institute ihre Prognose in etwa halbieren. Das dürfte eher Beleg dafür sein, dass die Wohltaten sich alles in allem auch arg in Grenzen halten.

Gut möglich, dass die Deutschen ein ganz anderes Problem haben: dass sie seit der Schröder-Sause auf ein Ultra-Export-Modell gesetzt haben, das kaum vereinbar ist mit einer richtig robust anziehenden Binnenkonjunktur. Dass das Wohl und Wehe der deutschen Wirtschaft seitdem auf absurd fahrlässige Weise mit dem Verschnupfen oder Genesen wichtiger Handelspartner schwankt – mal mit China, mal mit den Euro-Krisenländern, mal mit Frankreich. Und dass dieses Modell grundlegend neu gedacht werden müsste, um Deutschlands Wirtschaft robuster zu machen. Dann hilft es nicht viel, bei jeder Konjunkturschwäche wieder neue (Schröder-)Reformen zu verlangen oder deren vermeintliches Zurückdrehen zu beklagen.

Vielleicht erweist sich diese These ja als viel überzeugender als jener Reflex, wonach jeder (konjunkturelle) Aufschwung in Deutschland gleich immer Beweis dafür ist, dass es ja in der Vergangenheit (irgendwann) mal angebotsorientierte Reformen gab (mit deren Wunderwirkung ex ante meist keiner gerechnet hat) – während jeder (ebenso konjunkturelle) Abschwung ein Beleg ist, dass die (strukturellen) Angebotsbedingungen im Land dann doch plötzlich wieder zu schlecht sind (oder eben doch nicht so gut). Im Frühjahr waren Renten- und Mindestlohnpaket nach Einschätzung der Institutsforscher noch konjunkturneutral – jetzt ist die Konjunktur gekippt, und plötzlich ist das Renten- und Mindestlohnpaket ein Grund dafür. Schon stimmt die Welt wieder. Abschwung aus Überzeugung.

 

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  1. Chrisperator
    10. Oktober 2014 um 16:43

    sehr gut! Als ich gestern über diesen Unsinn der Wirtschaftsforschungsinstitute lesen musste, bekam ich urplötzlich ganz entsetzliches Sodbrennen. Alle Welt sieht den deutschen Binnenmarkt als deutlich zu schwach an, die Investitionen sind in den letzten Jahren, trotz Erleichterungen von allen Seiten her, nicht angezogen und selbst Draghi gesteht mittlerweile ein, dass wir ein Nachfrageproblem haben – nur die Dogmatiker in Deutschland glauben noch immer an das Märchen, dass sich das Angebot schon seine Nachfrage schafft, völlig ungeachtet dessen, ob die Mittel dafür bereits über Lohnsenkungen und Sozialabbau entzogen worden….zur Not untermauert man das Märchen halt mit Lücken und Halbwahrheiten – so eine Religion ist doch was schönes….

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