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Wirtschaftsdienst exklusiv – Ungleiche Einkommensverteilung?

11. Oktober 2014

Das Buch von Thomas Piketty hat das Thema der Einkommens- und Vermögensverteilung schlagartig wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Ist die Verteilung in Deutschland ungerecht? Oder ist eine ungleiche Verteilung für mehr Wachstum nötig? Wie wirken Einkommensdisparitäten auf den Zusammenhalt der Gesellschaft? Und welche Bedeutung hat die soziale Mobilität? Dazu diskutieren im aktuellen Zeitgespräch Wissenschaftler verschiedener Wirtschaftsforschungsinstitute und Universitäten. 

Ein Dass die Schere zwischen Arm und Reich vor dem Beginn der Finanzkrise zunehmend auseinander-klaffte – darüber sind sich alle Autoren einig. Seitdem ist die Verteilung zwar wieder etwas gleicher geworden, sie ist aber nicht auf das Niveau der 1990er Jahre zurückgekehrt. Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung beziffert den Rückstand für die Arbeitseinkommen auf 115 Mrd. Euro. Dies bezieht sich auf die sogenannte funktionale Einkommensverteilung (nach den Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Boden). Bach kommt daher zu dem rigorosen Urteil „…, dass von 1992 bis 2005 nennenswerte reale Zuwächse bei den Markteinkommen nur für die reichsten 10% der Bevölkerung angefallen sind.“ Gründe dafür waren die Arbeitslosigkeit und geringe Zuwächse bei den Lohneinkommen und Renten. Aber auch die Umverteilung über das Steuer- und Transfersystem hat abgenommen. Bach befürchtet, dass durch diese Entwicklung die Mittelschichtsgesellschaft gefährdet und die soziale Marktwirtschaft delegitimiert wird.

Genauso sieht das Hermann Adam von der Freien Universität Berlin. Er weist darauf hin, dass die Einkommensdisparitäten am geringsten in den skandinavischen und am ausgeprägtesten in den angelsächsischen Ländern sei. Ungleichheit als Bedingung für Wachstum hält er empirisch für fragwürdig. Und auch die Kausalität „mehr Beschäftigung bringt den unteren Schichten mehr Einkommen“ ist seiner Meinung nach kein ökonomischer Zusammenhang sondern ein politischer: Wenn die Arbeitslosigkeit niedrig ist, trauen sich die Gewerkschaften eher, höhere Löhne zu fordern. Für die gesellschaftliche Stabilität und demokratische Prozesse ist es aber unbedingt erforderlich, die „…Umverteilung von unten nach oben wieder zurückzudrehen.“ Dafür sei durchaus genügend Kapital vorhanden, beispielsweise verfügten Ende 2012 „…die Unternehmen über ein Geldvermögen von 2118 Mrd. Euro, das entspricht in etwa der gesamten Staatsverschuldung Deutschlands.“

Die Autoren des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft finden aber, dass nicht Ökonomen sondern die politischen Entscheidungsträger darüber zu befinden haben, welche Verteilung gerecht sei. Im Übrigen verlagern sie den Schwerpunkt auf die günstigere Entwicklung seit 2005 und stellen fest, dass Deutschland im internationalen Vergleich immerhin etwas besser liegt als der EU- oder OECD-Durchschnitt. Die Wahrnehmung der Bevölkerung einer sich stets öffnenden Schere zwischen Arm und Reich widerspreche den Tatsachen.

Wesentlich für die Beurteilung der Einkommensverteilung ist die soziale Mobilität. Dort wo untere Einkommensschichten Aufstiegsmöglichkeiten erhalten, fühlen sie sich weniger ungerecht behandelt. Auch hier schneiden die skandinavischen Länder wieder am besten ab: die soziale Mobilität ist überdurchschnittlich hoch, verursacht vor allem durch deutlich bessere Bildungschancen. Mehr Chancengleichheit bei der Bildung zu erreichen hat nach Auffassung von Norbert Berthold von der Universität Würzburg eine wesentlich größere Bedeutung als eine reine Politik der Umverteilung.

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