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Wirtschaftsdienst exklusiv – Nudging als Politikinstrument

10. November 2014

Den Bürgern dabei zu helfen, „kluge“ Entscheidungen zu treffen, das wünscht sich die Politik. Die Verhaltensökonomie hat Vorschläge entwickelt, wie man Menschen bei ihrer Entscheidung in die richtige Richtung schubst, „nudged“. Manche dieser Vorschläge wurden sogar umgesetzt. Doch wann sind Entscheidungen klug? Wer bestimmt das? Sollen die Bürger manipuliert werden? Im aktuellen Zeitgespräch diskutieren renommierte Ökonomen die Chancen, aber auch die Fallstricke, die mit Nudging verbunden sind. 

Populär wurde das Thema durch den Bestseller der US-Wissenschaftler Richard Thaler und Cass Sunstein „Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt“, der einen Überblick über die Möglichkeiten des Nudging gib. Die Idee ist, Bürger bei privaten Entscheidungen in eine politisch oder gesellschaftlich gewollte Richtung zu schubsen, ohne gleich durch Verbote oder Regelungen die Zahl möglicher Optionen einzuschränken. Ein Beispiel ist die Präsentation von gesunden Nahrungsmitteln in Kantinen oder Supermärkten auf Augenhöhe, während ungesunde Produkte vom Konsumenten erst bewusst gesucht werden müssen. Dieser libertäre Paternalismus wird in der Verbraucherpolitik, bei der Alters- oder der Gesundheitsvorsorge genutzt.

Natürlich sind es staatliche Institutionen, die darüber entscheiden, was nun klug ist. Aber welche Verhaltensweisen sollen berichtigt werden? Die Verhaltensökonomie hat dafür einige Fehleinschätzungen bei Konsumenten identifiziert. Das Ideal ist hier ein rationales Wirtschaftssubjekt, das entsprechend seinen langfristigen Interessen die für ihn optimale Entscheidung trifft. Tatsächlich handeln die Menschen nicht rational, wie im Laufe der Finanzkrise hinlänglich bekannt wurde. Sie neigen zu einer Verkürzung der Perspektive (Zeitinkonsistenz), sind anfällig für ungesunde Lebensstile, haben unangemessene Erwartungen über die Konsequenz ihrer Entscheidungen, können die Masse der Wahlmöglichkeiten nicht bewältigen und handeln nach unrealistischen Faustregeln. Diese vom Ideal abweichenden Verhaltensweisen werden Anomalien genannt.

Im Gegensatz zum echten Paternalismus, der mit Verboten und Regeln eingreift, basiert das Nudging auf verschiedenen Instrumenten, die psychologische Erkenntnisse nutzen. Zum einen werden Standardvorgaben festgelegt, die automatisch voreingestellt sind. Beispielsweise wird vorausgesetzt, dass Bürger grundsätzlich zu einer Organspende bereit sind, wollen sie dies nicht, müssen sie sich bewusst dagegen entscheiden. Zum anderen sollen Selbstkontrollprobleme (mehr Sport!) durch optimale Anreizstrukturen und Selbstbindungskonzepte gelöst werden. Das von allen bevorzugte und am wenigsten eingreifende Instrument ist aber die „gut aufbereitete“ Information – z.B. eine Lebensmittelampel, die von der EU eingeführt werden sollte.

Kritisiert an diesen „neuen“ Politikinstrumenten wird vor allem, dass sie den Bürger bevormunden, ohne dass dieser es merkt. Fraglich ist auch, wer sich anmaßen kann, die angeblich gesellschaftlich gewünschten Verhaltensweisen zu bestimmen oder zu wissen, was der Bürger „wirklich“ will. Wird dabei die Abweichung vom Ideal vollständiger Rationalität stigmatisiert? Auch liberale Ökonomen meinen sogar, dass der „harte“ Paternalismus zu bevorzugen sei, denn er ist transparent und gibt den Bürgern die Möglichkeit, sich dagegen zu wehren.

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