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Jens Bastian: Gibt es (nachhaltiges) Wirtschaftswachstum in Griechenland?

26. November 2014

Laut Angaben der griechischen Statistikbehörde ELSTAT von Mitte November 2014 weisen einzelne Wirtschaftsindikatoren nach sechs Jahren Rezession auf ein langsames Überschreiten der Talsohle hin. Im dritten Quartal 2014 verzeichnete die griechische Wirtschaft zum ersten Mal nach 24 Quartalen wieder positives Wachstum in Höhe von 0,7 Prozent.

Diese Entwicklung suggeriert, dass sich die Rückkehr zu positiven Quartalsergebnissen im Verlauf des zweiten Halbjahres stabilisiert hat. Es wäre allerdings verfrüht, davon zu sprechen, dass die Rezession nun endgültig in Griechenland überwunden ist. Dafür ist der wirtschaftliche Schaden der sechsjährigen Krise noch zu groß. Es wird Jahre dauern, bis die griechische Realökonomie wieder auf das Niveau von vor der Krise findet.

Die einsetzende, wirtschaftliche Stabilisierung ist primär auf eine sehr gute Tourismussaison in 2013 und 2014 zurückzuführen. 2013 besuchten insgesamt mehr als 17,5 Millionen Touristen Hellas, ein neuer Rekordwert seit Athen im Sommer 2004 die Olympischen Spiele veranstaltete. Nach Berechnungen der Association of Greek Tourism Enterprises (SETE) dürften die Touristenzahlen für 2014 sogar 19,5 Millionen erreichen. Die Tourismusbranche stellt heute ein Fünftel der jährlichen Wirtschaftsleistung Griechenlands dar.

Der zweite Sektor, welcher die wirtschaftlichen Erholungsperspektiven befeuert, ist die Handelsschifffahrt und die internationale Nachfrage nach Tankerkapazitäten. Griechische Reeder sind zentrale Anbieter auf dem Weltmarkt. Sie besitzen 16,1 Prozent der gesamten Handelsflotte und sind damit Weltmarktführer. Die griechische Schifffahrtsindustrie ist ein entscheidender Faktor bei der Berechnung der jährlichen Wirtschaftsleistung. Für 2014 wird erwartet, dass die Handelsschifffahrt knapp fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) beiträgt.

Hier sei allerdings ein Einschub gestattet. So wichtig der Beitrag griechischer Reeder zur Wirtschaftsleistung ihres Landes auch ist, so umstritten ist der Anteil des Steueraufkommens von Mitgliedern dieser Branche. Die Geschäftsführerin des IWF, Christine Lagarde, sprach neulich in einem FT Interview die mangelnde Bereitschaft reicher Griechen an, ihren Steuerverpflichtungen ordnungsgemäß und ohne Verzug nachzukommen:

“Wenn ich in der Vergangenheit über Griechenland und seine Steuern gesprochen habe, erhielt ich anschließend Drohungen und wir [beim IWF] mussten die Sicherheit verstärken […]. Aber ich frage mich, ob die Handelsschifffahrt wirklich in Griechenland Steuern zahlt? Ich glaube, es ist nicht der Fall.”

Beide Wachstumsbranchen – Tourismus und Handelsschifffahrt – tragen entscheidend dazu bei, dass sich die wirtschaftliche Erholung des Landes schrittweise konsolidiert. Gleichwohl bleibt festzuhalten, dass diese Erholung bisher zu schwach und unausgeglichen verläuft, noch zu wenige Sektoren der Realwirtschaft erreicht und nur schwer im Alltag der Bürger des Landes zu identifizieren ist. Während ausländische Touristen Griechenland abermals in Massen entdecken, bleibt die einheimische private Nachfrage schwach.

Trotz fallender Preisinflation bleiben viele Bürger bei ihren Konsumausgaben zurückhaltend, nicht zuletzt wegen ihren weiter sinkenden Reallöhnen. Die Gehalts- und Rentenkürzungen der vergangenen vier Jahre waren tiefgreifend. Zudem wird ihr Ausgabeverhalten heute maßgeblich von steigenden Steuerbelastungen und der dramatischen Lage auf dem griechischen Arbeitsmarkt geprägt.

In technischer Hinsicht bewegt sich Griechenland langsam aus der sechsjährigen Rezession. Angesichts der Tatsache aber, dass Griechenland 24 aufeinanderfolgende negative Quartalsergebnisse zu verzeichnen hatte, ist der Eindruck eines Überschreitens der wirtschaftlichen Talsohle durchaus berechtigt und die Hoffnung auf positive Ergebnisse in der Zukunft naheliegend.

Trotz dieser positiven Entwicklung droht neuer Gegenwind. Sprichwörtlich kommen die geopolitischen Herausforderungen an Griechenlands Haustüre an. Die Sanktionspolitik der EU gegenüber Russland und die von Moskau eingeleiteten Gegensanktionen treffen die griechische Exportwirtschaft, insbesondere Agrarprodukte. Sollten die Sanktionen länger Bestand haben, oder gar eskalieren, so sind auch Einbußen für den Tourismussektor zu erwarten. Russische Touristen in Griechenland haben die zweithöchste Zuwachsrate in den vergangenen fünf Jahren.

Schließlich werden die Erholungsperspektiven der griechischen Realwirtschaft auch beeinflusst durch die wachsenden Anzeichen einer ökonomischen Stagnation in der Eurozone, insbesondere mit Blick auf die drei wichtigsten Handelspartner Athens, nämlich Deutschland, Italien und Frankreich. Angesichts der schwachen Exportleistung Griechenlands in 2013 und 2014 hätte eine Abnahme der Nachfrage nach griechischen Produkten und Dienstleistungen in dieser Ländergruppe unmittelbar negative Folgen für die Wachstumsaussichten des Landes in 2015.

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