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David Milleker: Ölpreisrückgang: Konjunkturprogramm oder Sorgenbarometer?

10. Januar 2015

Der Rückgang des Ölpreises seit Sommer 2014 war ausgesprochen drastisch. Die Notierungen für die Sorte Brent lagen in der ersten Jahreshälfte noch recht stetig bei knapp unter 110 US-Dollar je Fass. Inzwischen sind sie auf rund 50 US-Dollar gefallen. Umgerechnet in Euro und unter Berücksichtigung des Rohölverbrauchs in den vier großen EWU-Mitgliedsstaaten, entspricht dies einer Kaufkraftentlastung um 93 Mrd. Euro oder gut 1,2 Prozent der Wirtschaftsleistung. Positiv gewendet, kann man darin ein tolles Konjunkturprogramm sehen. Auffällig ist jedoch, dass die meisten Wirtschaftsprognosen dies auf der Wachstumsseite kaum berücksichtigen, sondern ausschließlich mit Abschlägen auf der Inflationsseite. Das ist zumindest das einhellige Bild aus dem Prognostiker-Consensus im Dezember. An den Finanzmärkten scheint der Ölpreis auch eher als Sorgenbarometer wahrgenommen zu werden. Die Kausalkette einer solchen Argumentation läuft hier über schwache Ölnachfrage, die als Indiz für eine schwache Wachstumsentwicklung weltweit gesehen wird.

Die Wahrheit dürfte freilich irgendwo in der Mitte zwischen den beiden Extremen liegen. Zunächst einmal ist die Korrektur des Rohölpreises nicht ganz überraschend. Sie passt gut in die Grundposition, dass in der langen Frist reale Rohstoffpreise konstant sind (siehe etwa hier). In der jüngeren Vergangenheit sind hier mehrere Faktoren zusammengekommen, die seit 2009 zu einer dauerhaften Überversorgung mit Rohöl geführt haben. Einerseits kann man feststellen, dass sich durchgängig die Verbrauchsmuster verändert haben. Steigende Preise schlagen viel stärker als früher auf die Nachfrage durch. Technisch gesprochen, hat sich die Preissensitivität erhöht. Andererseits haben alternative Fördermethoden schwer zugängliche Lagerstätten zugänglich gemacht. In der Summe hat beides dazu geführt, dass der Ölmarkt – trotz aller politischen Verwerfungen in vielen traditionellen Exportstaaten – seit 2009 eigentlich durchgängig jährlich mit 0,5 Millionen Fass Rohöl überversorgt war.

Dass die Preise über mehrere Jahre eher abgebröckelt und dann jetzt schlagartig kollabiert sind, könnte man über das Spezifikum der Rohstofflager erklären. Solange noch Lagerkapazitäten vorhanden sind, werden diese weiter befüllt. Sobald sie aber voll sind, kommt es zu einer plötzlichen scharfen Korrektur.

Im Rahmen dieser Erklärung kommt man zur eher positiven Interpretation eines voll wirksamen Konjunkturprogramms. Die Welt ist auf der Angebots- und Nachfrageseite effizienter geworden und kann nun die Früchte dieser Anpassung ernten.

Allerdings braucht man für die gegenteilige Interpretation auch nicht sehr tief zu schürfen. So zeigen etwa die Daten zu Rohölimport und -produktion in China über die letzten zwölf Monate eine Stagnation, während die Lagerdaten nicht beschleunigt zurückgegangen sind. Das ist deshalb von Interesse, weil China in den letzten Jahren immer den größten Anteil der Nachfragezuwächse ausgemacht hat. Von einer Million Fass pro Tag weltweiten Nachfragezuwachses in der Periode 2011 bis 2013 entfiel die Hälfte auf China. Im gleichen Zeitraum stagnierte dagegen der Endverbrauch in den USA und fiel in Europa.

China ist in vieler Hinsicht schwer zu durchschauen. So hatten wir an anderen Stellen etwa auf die wichtige Rolle als Handelsdrehkreuz (siehe hier) und die potenziell sehr deutlichen Rückgänge in der Wachstumsrate selbst bei einem erfolgreichen Wechsel des Wachstumsmodells hin zu mehr Konsum und weniger Investitionen (siehe hier) hingewiesen. Auch gibt es Zweifel daran, wie gut die chinesischen Zahlen eigentlich die Realität abbilden.

Sollten die Daten zur Ölnachfrage in China allerdings eine deutlichere Abschwächung der chinesischen Wirtschaft widerspiegeln, als dies bislang in der allgemeinen Statistik zum Ausdruck kommt, würde sich dies natürlich unweigerlich auch bei den Handelspartnern auswirken – mit entsprechender Rückkopplung über die anderen Welthandelsverflechtungen. Wenn dieser Gedankenstrang logisch weitergeführt wird, gibt es die positiven Wirkungen des Ölpreisrückgangs zwar noch. Sie würden aber maßgeblich zur Kompensation eines anderweitigen Negativeffekts benötigt.

Aus letzterem erklärt sich sicher die Zurückhaltung, hier gleich die maximal möglichen Positiveffekte in eine Prognose einzuarbeiten. Aber selbst unter Berücksichtigung von möglichen Belastungsfaktoren bleibt als Erkenntnis, dass der Ölpreisrückgang unter dem Strich für die westlichen Industriestaaten im kommenden Jahr eine Konjunkturstütze sein sollte.

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