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Fabian Fritzsche: Rätsel Ölpreisverfall

14. Januar 2015

Der Rückgang der Ölpreise in den vergangenen Monaten war sicher eines der Hauptthemen sowohl in den ökonomischen als auch den politischen Nachrichten. Zwischen Anfang 2011 und Sommer 2014 schwankten die Rohölpreise um rund 100 USD/Barrel und fielen dann in den letzten Monaten auf unter 50 USD/Barrel. Das ist bereits jetzt einer der stärksten Ölpreisrückgänge in der Geschichte – und die anderen vergleichbaren Rückgänge erfolgten nach der zweiten Ölkrise, dem Golfkrieg und in der globalen Finanzkrise, das heißt in der Regel gab es einen offensichtlichen Grund. Der aktuelle Ölpreisverfall hingegen war eine Überraschung und die Gründe sowie die Auswirkungen sind bisher nicht vollständig nachvollziehbar.  

Verursacher des niedrigen Preises

Viele Marktbeobachter sehen nicht nur die Marktkräfte als Ursache, sondern auch politische Gründen für die jüngste Ölpreisbewegung. Grundsätzlich gibt es nur zwei Ölförderländer, die in der Lage sind, den Ölpreis zu manipulieren und zudem ein potenzielles Interesse haben, dies zu tun. Ein Verdächtiger sind die USA, die ein Interesse am niedrigen Ölpreis haben, um der Terrorgruppe IS zu schaden und zudem Russland zu sanktionieren. Tatsächlich würde die US-Regierung den IS und auch Russland schwächen, aber es ist schwer vorstellbar, wie die US-Regierung (möglicherweise hunderte von) Ölkonzernen davon überzeugen könnte, ihre Produktion zu einem niedrigeren Preis – und für viele Unternehmen sogar unter den Produktionskosten – zu verkaufen. Und dies ist ein weiteres Gegenargument, dass die US-Regierung nicht nur dem IS und Russland schaden würde, sondern auch der eigenen US-Ölindustrie. Es ist offiziell Ziel der Obama-Regierung von Ölimporten unabhängig zu werden und um dieses Ziel zu erreichen ist ein höherer und nicht ein niedrigerer Preis notwendig. Allerdings wiegen die kurzfristigen Ziele, Russland und dem IS zu schaden möglicherweise derzeit schwerer als dieses langfristige Ziel.

Der andere Verdächtige ist Saudi-Arabien, das ein Interesse daran hat, der US- Schieferölproduktion zu schaden, um seinen Marktanteil in den USA wieder zu erhöhen und um seine Nahost- Konkurrenten, insbesondere den Iran zu schwächen. Wie die meisten anderen Länder, die vom Ölexport abhängen , benötigt auch Saudi-Arabien einen hohen Preis, um seinen Haushalt auszugleichen , aber im Gegensatz zu vielen anderen dieser Länder haben die Saudis genügend Reserven, um einen längeren Zeitraum mit niedrigem Ölpreis zu überstehen, ohne die Steuern erhöhen zu müssen. Und wenn der niedrige Ölpreis die US-Produzenten zu sehr schädigt, dass die nordamerikanische Förderung dauerhaft niedriger als bei einem hohen Ölpreisumfeld bleibt, wäre es ein langfristiger Vorteil für Saudi-Arabien.

Sind die niedrigen Preise nachhaltig?

Wie auch immer, in beiden Fällen ist ein Ölpreis unter 60 oder gar unter 50 USD/Barrel ein vorübergehendes Phänomen, da beide potenziellen Verursacher natürlich kein Interesse an dauerhaft niedrigen Preisen haben. Ohne politische Kräfte sollte der Preis für ein Produkt seinen Grenzkosten entsprechen. Solange die weltweite Ölnachfrage über 90 Mio. b/d liegt, definiert die Förderung von kanadischen Ölsanden und US Schieferöl diese Grenzkosten und um die aktuelle Nachfrage befriedigen zu können, ist ein Preis von mehr als 70 USD/Barrel notwendig. Angesichts einer relativ preisunelastischen Nachfrage – zumindest kurzfristig – können höhere Ölpreise im Jahr 2015, sobald die politischen Kräfte nachlassen, erwartet werden.

Verlierer des niedrigen Ölpreises

Grundsätzlich leiden alle Ölförderländer unter niedrigen Ölpreisen, aber die Auswirkungen sind sehr unterschiedlich bei den verschiedenen Förderländern. Die USA zum Beispiel sind auf der einen Seite der drittgrößte Ölproduzent, aber auf der anderen Seite auch der größte Ölverbraucher und trotz der eigenen Produktion nach wie vor ein großer Importeur. Die am meisten beeinträchtigten Länder sind solche, deren Wirtschaft stark von den Ölexporten abhängt und die einen hohen Ölpreis benötigen, um ihre staatlichen Haushalte auszugleichen und die hohe Ölproduktionskosten aufweisen. Die höchsten Produktionskosten haben wahrscheinlich die USA und Kanada mit ihren unkonventionellen Ölreserven , aber in beiden Ländern hat der Energiesektor nur einen geringen Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung (in Kanada allerdings mehr als in den USA) und die Staatseinnahmen hängen nur geringfügig von der Ölförderung bzw. vom Ölpreis ab.
Venezuela, Nigeria und Russland sind wahrscheinlich die Länder, die am stärksten negativ von einem niedrigeren Ölpreis betroffen sind und diese Volkswirtschaften weisen alle zuvor erwähnten Eigenschaften auf.

Gewinner des niedrigen Ölpreises

Die Gewinner eines niedrigeren Ölpreises sind natürlich alle (netto) Öleinfuhrländer, die keine oder nur eine geringe eigene Ölproduktion aufweisen und einen hohen Ölverbrauch (pro Kopf und/oder als Anteil am BIP) haben. Diese Eigenschaften treffen im Wesentlichen auf die westeuropäischen und die hochindustrialisierten Länder Ostasiens (Japan, Südkorea, Taiwan) zu. Privathaushalte sowie Unternehmen zahlen weniger für ihren Energieverbrauch und verfügen somit über eine höhere Kaufkraft bzw. erwirtschaften mehr Gewinn.

Der Gesamteffekt auf das reale BIP- Wachstum ist schwer abzuschätzen und unterscheidet sich von Land zu Land, aber die meisten Schätzungen erwarten mindestens 0,4 Prozentpunkte zusätzliches BIP-Wachstum im Jahr 2015 aufgrund des gesunken Ölpreises. Darüber hinaus hat der niedrigere Ölpreis insgesamt eine positive Wirkung auf das Weltwirtschaftswachstum. Es wird Kaufkraft von den Nettoölexportländern zu den Nettoöleinfuhrländern verschoben und da letztere eine höhere marginale Konsumquote als die ersten aufweisen, ist die Gesamtwirkung positiv. Einfach gesagt erwerben die Ölexporteure aus dem Nahen Osten weniger finanzielle Vermögenswerte von den westlichen Volkswirtschaften, während die westlichen und ostasiatischen Volkswirtschaften mehr konsumieren und mehr investieren.

Risikofaktoren

Obwohl der Nettoeffekt eines niedrigeren Rohölpreis für die Weltwirtschaft positiv ist, steigen einige Risiken, was zu Nachteilen für die Weltwirtschaft insgesamt als auch für einige der Volkswirtschaften, die in der ersten Runde vom niedrigen Ölpreis profitieren, führen kann. Eine naheliegende Gefahr ist, dass politische Unruhen in negativ beeinflussten Volkswirtschaften mit all seinen Auswirkungen entstehen, zum Beispiel dass eine neue radikale und/oder fundamentalistische Regierung an die Macht kommt. Ein weiteres Risiko besteht darin, dass Volkswirtschaften wie die USA zunächst profitieren, auf lange Sicht jedoch die Kosten der durch den gesunkenen Preis geringeren eigenen Ölförderung die kurzfristigen Vorteile übersteigen.

  1. christophgstein
    18. Januar 2015 um 21:01

    „Venezuela, Nigeria und Russland sind wahrscheinlich die Länder, die am stärksten negativ von einem niedrigeren Ölpreis betroffen sind“
    Die Sachlage ist komplexer. Ohne Betrachtung der Währungsverhältnisse kommt man leicht zu Fehlschlüssen. Länder mit einer vom Dollar unabhängigen Währung können auf den Verfall des Ölpreises, der in Dollar notiert wird, flexibel reagieren. Dies betrifft insbesondere Russland. Der Staatshaushalt und die Betriebskosten der Ölproduzenten werden in Rubel berechnet. Die Abwertung des Rubel kompensiert daher den Preisverfall des Öls. Die Betriebskosten liegen bei 3000 Rubel pro Barrel. Man muß nur den Taschenrechner bemühen, um zu erkennen, bei welchem Wechselkurs die Ölproduktion profitabel bleibt und damit auch der Staatshaushalt im Gleichgewicht. Nachteil dieser Antwort auf den Preisverfall ist die importierte Inflation (steigende Importpreise), dies wird aber wiederum kompensiert durch die verbesserte Konkurrenzfähigkeit der eigenen Industrie gegenüber den Importen. (Importsubstitution)
    Nigeria und Venezuela haben es da schwieriger. Sie haben einen politisch festgelegten Wechselkurs der heillos überbewertet ist. Hier schlagen die negativen Folgen des Preisverfalls voll durch.
    Die USA haben keinerlei Möglichkeit der Kompensation, da der Ölpreis in der eigenen Währung gehandelt ist. Der Preisverfall schädigt daher die eigene Ölproduktion ungebremst.

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