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David Milleker: Wirtschaftshistorische Analogien und ihre Tücken

8. Februar 2015

Vor einem Monat habe ich mich in diesem Blog mit der Schwierigkeit beschäftigt, den jüngsten Verfall des Ölpreises korrekt zu interpretieren. Ist er nun für die Konjunktur etwas dezidiert Positives oder eine positive Kompensation einer eigentlich negativen Entwicklung? In den volkswirtschaftlichen Daten ist darauf bislang noch keine klare Antwort zu erkennen, da sich hier etwa eine stark verbesserte Stimmung der Verbraucher und schwache Auftragseingänge in der Industrie die Waage halten.

Aufgefallen ist mir in den letzten Wochen bei verschiedenen Artikeln allerdings Folgendes: Gerade im Research amerikanischer Investmentbanken findet sich der häufige Hinweis auf die Jahre 1985/86 gekoppelt mit einer sehr positiven konjunkturellen Einschätzung des Ölpreisrückgangs. Das soll der heutige Anknüpfungspunkt sein, einmal über den Nutzen, aber auch die Tücken von wirtschaftshistorischen Analogien nachzudenken.

Ich bin selbst ein großer Fan davon, Wirtschaftsgeschichte ernst zu nehmen. Gerade wenn man als Volkswirt mit einer Situation konfrontiert ist, die man nicht gut kennt – sagen wir der Finanzkrise 2008/09 – lohnt sich ein Blick ins ökonomische Geschichtsbuch.

Beginnen wir mal mit der offensichtlichen Gemeinsamkeit zwischen heute und 1985/86: Im November 1986 begann der Ölpreis zu kollabieren und fiel von einem Ausgangsniveau von 32 US-Dollar je Barrel bis März 1986 auf 10 US-Dollar je Barrel. Dieser Rückgang fand vor dem Hintergrund eines Mini-Booms in der (konventionellen) US-Rohölförderung seit 1983 statt. Das heutige Fracking stellt dazu schon fast eine natürliche Analogie dar und hat wesentlich größere Dimensionen als der Mini-Boom damals. Der entscheidende Schritt in den genannten Analysen ist nun die Übertragung dieses Ölpreisrückgangs in Richtung der deutlichen Konjunkturbeschleunigung der US-Wirtschaft in den Jahren 1986/87, die dann bis 1990 anhielt.

Und genau hier zeigen sich dann auch die Grenzen historisch-vergleichender Analysen. Die Konzentration auf einen Faktor allein kann schnell zu einer Überbetonung desselben führen. Im Falle der US-Wirtschaft begann ab April 1985 ein neuer Lockerungszyklus der Notenbank und im September beschlossen die G5-Staaten im Plaza-Abkommen die systematische Abwertung des US-Dollar gegenüber D-Mark und Yen, die erst mit den Louvre-Abkommen im Februar 1987 wieder beendet wurde. Diese nicht ganz unwesentlichen Punkte sind in diesem Jahr, wo der US-Dollar deutlich aufwertet und die US-Notenbank sich gedanklich mit Leitzinserhöhungen beschäftigt, eher unter umgekehrten Vorzeichen anzutreffen.

Wenn man die Entwicklung 1985 bis 1987 einmal transatlantisch betrachtet, war die Ölpreisentwicklung in beiden Regionen natürlich die gleiche – trotzdem nahm die konjunkturelle Dynamik in den USA zu und in Deutschland eher ab. Zumindest ein Indiz dafür, dass der Wechselkurseffekt dabei nicht ganz zu vernachlässigen ist.

Wenn man also schon mit Blick auf den Ölpreis auf die Episode Mitte der achtziger Jahre rekurrieren möchte, dann kann man hier mehr Analogien in Europa als in den USA finden.
Schon Mark Twain wusste: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“.

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