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David Milleker: Was steckt hinter der schwachen Lohnentwicklung in den USA?

14. April 2015

Der US-Arbeitsmarkt hat sich unzweifelhaft deutlich verbessert. Die Arbeitslosenquote ist seit den Rekordständen des Jahres 2009 mit 10% deutlich in den „eher normalen“ Bereich von unter 6% zurückgekehrt. Die Quote der offenen Stellen notiert auf einem Boom-Niveau von 3,7%. In Umfragen beklagen sich Unternehmen über Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen. Soweit die guten Neuigkeiten.

Erstaunlicherweise gibt es dennoch keinen Lohndruck. Mit einer Zuwachsrate von etwas über 2% bei den Löhnen und 1,5% bei den Lohnstückkosten sind die USA bei weitem nicht dort, wo man aufgrund der sonstigen Arbeitsmarktdaten vermuten würde.

Um das zu erklären, sollte man sich zunächst einmal ein breiteres Bündel an Indikatoren anschauen. Es gibt nämlich durchaus auch deutliche Schattenseiten: Immerhin 2,5% der Beschäftigten in den USA befinden sich in „unfreiwilliger Teilzeit“. Rund 30% aller Arbeitslosen haben die Bezugsdauer von Unterstützungsleistungen überschritten. Die Erwerbsbeteiligung fällt zwar nicht mehr, ist aber seit 2009 um mehr als drei Prozentpunkte gefallen – besonders stark bei der ganz jungen Alterskohorte (16 bis 24 Jahre) um 6 Prozentpunkte, aber auch bei der Haupterwerbstätigenkohorte (35 bis 44 Jahre) um 2,4 Prozentpunkte. Überschlägig gerechnet entspricht dies einem Rückzug von rund 10 Millionen Personen vom Arbeitsmarkt. Diese Personengruppe hat keinen Job, sucht aber auch nicht aktiv nach einem.

All das liegt weit außerhalb des Erfahrungsspektrums, das wir mit Arbeitsmarktdaten haben. Gut möglich, dass schon die reine Existenz dieser „industriellen Reservearmee“ ausreicht, das Lohnniveau nicht deutlich ansteigen zu lassen. Umgekehrt ist auch möglich, dass schon kleinere Verbesserungen bei den Löhnen reichen würden, um diese Personengruppen zu reaktivieren. Allerdings würde ihre Reaktivierung auch das faktische Arbeitsangebot erhöhen und damit einen aufkommenden Lohndruck deckeln.

Freilich besteht auch die Möglichkeit, dass sich mit dem Wachstumseinbruch 2008/09 bestimmte sozio-kulturelle Normen in Richtung niedrigerer Lohnanstiege verschoben haben. Auffällig ist jedenfalls, dass die Löhne in den Jahren mit sehr hohen Arbeitslosenquoten weniger stark gedämpft wurden, als man hätte annehmen können. Dafür steigen sie bei den heute niedrigeren Quoten auch deutlich weniger stark. Technisch gesprochen gibt es zwar noch einen inversen Zusammenhang zwischen Arbeitslosenquote und Lohnsteigerungen. Allerdings ist dieser im aktuellen Zyklus extrem „flach“.

Welcher dieser Erklärungen man auch eher zuneigt: Die USA bräuchten wohl einen Strukturbruch im Zusammenhang von Arbeitsmarkt und Lohnentwicklung, damit man sich in absehbarer Zeit Sorgen um den Preisdruck machen müsste. Im Gegenteil: Es stellt sich eher die Frage, wie die Notenbank vor diesem Hintergrund ihr selbstgestecktes Inflationsziel erreichen will.

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