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Fabian Fritzsche: Welt-Überschussmeister Deutschland

12. Mai 2015

Im März 2015 exportierte Deutschland so viele Waren wie nie zuvor, der Handelsbilanzüberschuss war nur in einem einzigen Monat zuvor höher. Den so begehrten Titel „Exportweltmeister“ gewinnt Deutschland damit zwar nicht zurück, der Vorsprung Chinas ist dafür schlicht zu groß, aber beim Leistungsbilanz-Überschuss schlägt uns niemand.

Alleine im vergangenen Jahr haben Ausländer für deutsche Waren und Dienstleistungen, Urlaub in Deutschland, Mitgliedsbeiträge für in Deutschland ansässige Organisationen etc. fast 240 Mrd. Euro mehr ausgegeben als deutsche umgekehrt im Ausland. Der kumulierte Überschuss seit 2002 – dem Jahr der Euro-Bargeldeinführung – beläuft sich mittlerweile auf knapp 1.800 Mrd. Euro. Deutsche Privathaushalte, Unternehmen und insbesondere Banken, Versicherungen sowie die Bundesbank (in Form der Target-Salden) verfügen also über sehr hohe Forderungen gegenüber unseren Handelspartnern. Forderungen, die sich möglicherweise nicht in jedem Fall als voll werthaltig erweisen werden.

Die Kritik aus dem Ausland an den extremen Überschüssen scheint sich allerdings etwas gelegt zu haben, was möglicherweise daran liegt, dass ein immer geringerer Teil der Überschüsse gegenüber den anderen Euro-Ländern erwirtschaftet wird. Wurden vor der Krise noch 70% des Überschusses in der Eurozone erzielt, war es 2014 nur noch ein Drittel. In absoluten Zahlen hat sich der Überschuss gegenüber Nicht-Euroländern in den vergangenen 10 Jahren verdreifacht. Während Länder wie Spanien oder Portugal mittlerweile selbst positive Leistungsbilanzsalden vorweisen können, konnte Deutschland seinen Überschuss gegenüber den USA ausbauen und das Defizit gegenüber China deutlich verringern. Und genau da liegt ein gewisses Rätsel. Die anderen Euroländer konnten offenbar ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit gegenüber allen Handelspartnern inklusive Deutschland klar verbessern (bzw. importieren weniger aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit), gleichzeitig ist Deutschland offenbar gegenüber Ex-Eurozone noch wettbewerbsfähiger geworden und dies in einer Situation niedriger Arbeitslosigkeit und steigender Reallöhne. Tatsächlich haben die deutschen Importe zwischen Mitte 2011 und Anfang 2015 de facto stagniert. Bei steigenden Einkommen – gemäß Bundesbank stiegen die nominalen Nettoeinkommen in den letzten Jahren um rund 3,5% pro Jahr – sollte eigentlich der Konsum steigen und mit dem Konsum dann auch die Importe. Der reale Konsum, also bereits unter Berücksichtigung der Inflation, stieg auch und zwar um immer hin 1,4% pro Jahr. Nur die Importe zogen nicht an. Die Lösung des Rätseln könnte sein, dass zwar die Investitionen insgesamt gestiegen sind, dies aber vor allem auf gestiegene Bauinvestitionen und damit auf eine fast rein inländische Nachfrage zurückzuführen ist, während die Ausrüstungsinvestitionen 2014 real niedriger lagen als 2011. Das was also für den Konsum nun mehr importiert wird, wurde vermutlich für Investitionen weniger importiert, was die Stagnation der Importe erklärt.

Damit offenbart sich der hohe deutsche Leistungsbilanzüberschuss einmal mehr nicht als Zeichen der Stärke, sondern auch als Zeichen der Schwäche. Vor der Krise insbesondere zwischen 200 und 2005 war es die ausgesprochen schwache Konsumentwicklung bei gleichzeitig prosperierenden Exporten, die zu immer weiter steigenden Überschüssen führte. Seit 2011 ist die Schwäche der Ausrüstungsinvestitionen eine wesentliche Ursache. Wenn die Ursache für Leistungsbilanzüberschüsse nicht etwa eine herausragende Exportbilanz ist (die Exporte steigen seit 2011 eher verhalten), sondern schwache Investitionen, gibt es wohl kaum Grund, auf die Rekordüberschüsse stolz zu sein. Im Gegenteil, hier gilt es dringend, die Gründe für diese Schwäche zu analysieren. Jahr für Jahr werden 200 Mrd. Euro in Auslandsforderungen investiert und entsprechend in Deutschland weder investiert noch verkonsumiert.

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  1. 15. Mai 2015 um 15:57
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