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Frickes Welt – Britische Hausfrau

15. Mai 2015

Beim Image haben die Griechen noch Luft nach oben. Anders die Briten: mehr Wachstum, weniger Arbeitslose. Ganz ohne Euro. Skeptisch macht nur, dass das Land hoch verschuldet, mäßig produktiv und abhängig vom Finanzgedöns ist.

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Milliarden Euro erreicht umgerechnet das Zwillingsdefizit, das die Briten im Staatshaushalt und beim Austausch mit dem Ausland haben. Gegenüber Deutschland ist die Exportlücke seit der Krise sogar um 50 Prozent größer geworden. Das Land lebt weit über seine Verhältnisse. Damit zeigen die Briten ganz unfreiwillig, wie wenig es sich für sie auszahlt, die eigene Währung behalten und den Euro verspottet zu haben.


Was ihr Image angeht, haben die Griechen ohne Zweifel noch Luft nach oben. Das ist bei den Briten anders. Mehr Wachstum, weniger Arbeitslosigkeit. Und ein Premier, der locker wiedergewählt wird. Ganz ohne Euro. Was braucht es noch zum Beleg, dass die Briten mit eigener Währung besser fahren? Skeptisch macht, dass das Land seit 2008 keinen wirtschaftlichen Fortschritt mehr generiert: Die Produktivität stagniert, die Industrie stellt so wenig her wie vor 25 Jahren. Und das Wachstum wird von neuem Finanzzauber getragen.

frickes-welt[1]Während in Euro-Ländern wie Spanien die Immobilienpreise seit dem Platzen der Blase 2008 prozentual zweistellig gefallen sind, blieb die Korrektur auf der Insel weitgehend aus. Die Hauspreise steigen, was die Vermögensillusion aufrechterhält: Es gibt heute viermal mehr ausstehende Konsumkredite als Mitte der Neunzigerjahre. Da scheint die britische Hausfrau tendenziell griechischer zu disponieren als die schwäbische.

Nach manchem Lehrbuch hätte die Euro-Abstinenz mindestens drei Vorzüge bringen müssen: eine Währung, die sich bei Problemen abwerten lässt, um Exporte im Ausland billiger und die Wirtschaft gesund zu machen; mehr (Finanzmarkt-)Druck, den Staatshaushalt eigenverantwortlich unter Kontrolle zu halten; und eine Notenbank, die schnell auf Krisen reagieren kann.

Jetzt hat das Pfund seit der Krise in der Tat ein Drittel abgewertet. Nur: Der Lehrbuch-Effekt blieb aus. Nothing. Das Land hat seit 2008 sogar fast vier Prozent weniger exportiert, als es an Nachfrage in den Abnehmerländern gab, also Marktanteile verloren. Jetzt kaufen die Briten für umgerechnet 125 Milliarden Euro mehr im Ausland, als sie dahin verkaufen. Soviel zum Wunder Nationalwährung. Mögliche Erklärung: Wer kaum mehr Industrie hat, kann auch von niedrigeren Preisen kaum profitieren. Und bei Dienstleistern zählen die Preise weniger, vermutet Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg Bank. Da hätte der Brite auch den Euro nehmen können.

Ähnlich lehrbuchwidrig scheint, was die Briten mit ihren Staatsfinanzen gemacht haben. Von wegen Marktdruck. Tatsächlich hat die Regierung ausgenutzt, dass sie nicht wie andere unter Schäuble-Aufsicht steht: Seit 2013 wurden weniger Ausgaben gekürzt und Steuern sogar gesenkt, was zum Konjunkturschub beitrug. Die Tücke: Wenn eine Wirtschaft so verschuldet, mäßig produktiv und abhängig vom Finanzgedöns ist, löst so ein Schub das Problem nicht. Davon kommt die Industrie nicht wieder. Das Staatsdefizit lag 2014 dafür bei 5,7 Prozent der Wirtschaftsleistung – mehr als doppelt so viel wie im Euro-Raum.

Wirklich geholfen hat den Briten, eine eigene Notenbank zu haben, die sofort Staatsanleihen kauft, um eine Schuldenkrise zu verhindern. Dafür haben die Euro-Hüter länger gebraucht, was allerdings zeigt, dass auch das mit wie ohne Euro geht. Noch schützt es die Briten, dass die Konjunktur läuft, die Notenbank Geld reinschießt – und sie Heimspiel haben, wenn es um Finanzmärkte und ihr Urteil über Schluderer geht. City saves the Queen. Die Frage ist nur, wie lange das gut geht.

Nach gut 15 Jahren ohne Euro leben die Briten stärker über ihre Verhältnisse als jedes Euro-Land. Keine überzeugende Demonstration dafür, dass es wichtig ist, die eigene Währung zu behalten. Wenn der Aufschwung kippt, werden die Staatsschulden rasch über 100 Prozent steigen. Vielleicht sind die Griechen bis dahin soweit, den Briten zu erklären, wie man aus so etwas wieder rauskommt.
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Diese Kolumne erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 15. Mai 2015. Dort schreiben jeden Freitag Thomas Fricke und Nikolaus Piper im Wechsel. Credit (Bild): Süddeutsche Zeitung, 2015