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Jay Pocklington – Die Weltwirtschaftskrise: eine Krise des ökonomischen Denkens

19. Mai 2015

Es gibt Zeiten, in denen traumatische Ereignisse das Leben überschatten, sodass all die Dinge, die uns richtig und wichtig erscheinen sich relativieren und in den Hintergrund treten. Ist der Vergleich zwischen einer Lebensbiografie und der weltwirtschaftlichen Entwicklung erlaubt, dann darf die auf das Jahr 2008 zurückgehende Finanzkrise als ein solch tiefgreifendes Ereignis gewertet werden.

Die beiden akademischen Disziplinen Volkswirtschaftslehre und “Finance” (Finanzwissenschaft), von denen man kompetente Einschätzungen des Finanzsystems erwarten sollte, wurden komplett von der Ereignissen überrascht und blieben uns Antworten auf grundlegende Fragen schuldig – so die Beantwortung der Frage, wie es denn eine massive Finanzkrise, wie wir sie durchleben, von Ökonomen nicht vorauszusehen war. Diese Frage wurde von der Queen of England 2008 an einen mit Ökonomen gefüllten Saal der London School of Economics gerichtet. Eine Antwort erhielt sie nicht.

Handelte es sich, wie manche meinen, um ein nicht vorhersehbares “Black Swan”- Ereignis, das “einfach passiert”? Sicherlich nicht.

Fakt ist, dass in gängigen neoklassischen Modellen gar nicht oder nur unbefriedigend auf wichtige Entwicklungen im Finanzsystem eingegangen wird und werden kann. Das Problem ist aber nicht der neoklassische Modellrahmen an sich, sondern es liegt an der breiten Masse an Ökonomen, die diesen als einen rigiden wissenschaftlichen Standard hochleben lassen und keine Alternativansätze zulassen. In Scheuklappenmanier werden Teile der sozio-ökonomischen Realität ausgeblendet und stur die wissenschaftliche Forschungsstruktur beibehalten. So hat sich die Disziplin über die letzten Jahrzehnte dem gleichen Risiko ausgesetzt, wie das Finanzsystem an sich: Auf ein Urvertrauen in die neoklassischen Modelle, bzw. auf die Märkte. Die Finanzkrise stellt sich deshalb nicht nur als Krise der Weltwirtschaft, sondern auch als Krise des ökonomischen Denkens dar.

Wir Ökonomen sind Antworten schuldig. Aber es zeigt sich immer wieder, dass wir oft noch nicht einmal in der Lage sind, relevante Fragen adäquat herauszuarbeiten. Woran liegt das? Die Modell- und Denkrahmen, die Ökonomen während des Studiums lernen, geben das Spektrum der Fragestellungen vor. Daraus erklärt sich, dass bestimmte Fragestellungen mit den gängigen neoklassischen Modellen bereits im Ansatz nicht beantwortet werden können. Ökonomen, die Finanzkrise für möglich und wahrscheinlich hielten, wendeten andere Modellrahmen an.
http://www.voxeu.org/article/no-one-saw-coming-or-did-they

Das soll nicht heißen, dass wir das Kind mit dem Bade ausschütten sollten: Neu-Keynesianer wie Paul Krugman, die in einem neo-klassischen Modellrahmen forschen, haben sich zurecht für eine massive Ausweitung der Fiskalpolitik eingesetzt, um dem massiven privaten realwirtschaftlichen Nachfragerückgang entgegenzuwirken.

Teilweise liegt das Problem darin begründet, dass sich sowohl Ausbildung als auch Forschung von Ökonomen seit Jahrzehnten zunehmend einseitiger gestalten. Das oft zitierte Beispiel von Hammer und Nagel, wobei das zur Verfügung stehende Werkzeug die Wahrnehmung des Problems und dessen Lösung einschränkt, trifft auch hier zu.

Steht mir nur ein einziges Werkzeug zur Verfügung, etwa ein Hammer, dann verengt sich meine Wahrnehmung auf Nägel, weil sie mit dem Werkzeug korrespondieren. Ob es sich in der Problemstellung -um im Bild zu bleiben- wirklich um einen Nagel oder eher um eine Schraube handelt, diese Frage wird erstaunlich oft außer Acht gelassen. Im besten Fall erweist sich diese Herangehensweise als harmlos und irrelevant. Im schlimmsten Fall führt sie dazu, dass, wie auf breiter Fläche in der Finanzkrise geschehen, eine ganze akademische Disziplin keine Erklärung dafür findet, dass die Schraube sich mit dem Hammer nicht eindrehen lässt oder schlimmer, die Schraube zerstört wird.

Die Schuld ist dabei nicht beim neoklassischen Modellrahmen an sich zu suchen. Zu bestimmten Fragestellungen liefert dieser wie bereits beschrieben durchaus wertvolle Einsichten. Problematisch ist vielmehr, dass ein intuitives Verständnis für die adäquate und optimale Verwendung dieses Werkzeugs fehlt und alternativen Denkrahmen kein Raum eingeräumt wird. Der gleiche Modellrahmen wird weiterhin auf alle ökonomischen Fragestellungen angewendet, ob er nun passt oder nicht. Der neoklassische Modellrahmen bleibt als der heilige Gral der Ökonomie bestehen, statt als ein Werkzeug unter vielen begriffen zu werden.

Soll ein Umdenken initiiert werden, müssen Ökonomen in der Ausbildung mit einer Vielfalt von Methoden vertraut gemacht werden. Die Entwicklung starker Intuitionen verbunden mit einem ausgeprägten Urteilsvermögen für realwirtschaftlichen Entwicklungen müssen Bestandteil der Ausbildung von Ökonomen und der ökonomischen Forschung sein. Sonst bleiben wir Sklaven unserer Modellrahmen statt anstehende Probleme als Generalisten zu erkennen und zu lösen.

In dieser neuen Reihe wollen wir uns gemeinsam Gedanken darüber machen, welche Fragestellungen heute relevant sind und welches Spektrum an Denkrahmen uns zur Verfügung steht, um diese Fragen anzugehen und Antworten zu finden. Manche Ansätze sind bereits seit Langem abseits des ökonomischen Mainstreams entwickelt worden. Es gibt außerdem vielversprechende Ansätze, die sich aus der Interaktion mit anderen Disziplinen ergeben. Auch wollen wir die Wirtschaftsgeschichte und Dogmengeschichte wieder aufleben lassen, um der Disziplin wieder eine intellektuell breite Basis zu verschaffen.

Es sind spannende und herausfordernde Zeiten für ein umfassenderes ökonomisches Denken. Gehen wir sie mit Enthusiasmus an!
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Zum Autor:
Jay Pocklington, Manager der Young Scholars Initiative (YSI) des Institute for New Economic Thinking.

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