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Fabian Fritzsche: Glaube keiner Statistik …

15. Juni 2015

Im März 2005 überstieg die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland erstmals seit Erfassung der Daten die Marke von 5 Millionen. Seitdem ging es steil nach unten, im Mai 2015 meldete die Arbeitsagentur nur noch 2,786 Mio. Arbeitslose, das zweitniedrigste Niveau seit Erfassung gesamtdeutscher Daten. Während dies von der einen Seite als großartiger Erfolg wahlweise der Arbeitsmarktreformen der Schröder-Regierung oder der Politik der Merkel-Regierung zugeschrieben wird, ist von anderer Seite oftmals zuhören, dass diese Zahlen schlicht geschönt seien und auf statistischen Tricks beruhen.

Nun gab es seit dem Beginn der tatsächlichen oder auch nur scheinbaren Verbesserung keine gravierenden Änderungen in der Methodik. Seit 2012 werden über 58-jährige unter bestimmten Bedingungen nicht mehr als arbeitslos gezählt, aber zum dem Zeitpunkt war die Arbeitslosenzahl bereits auf unter 3 Mio. gesunken. Veränderungen in der Methodik sind also nicht für den Rückgang verantwortlich. Ein anderer Verdacht lautet, dass einfach mehr Menschen in Betreuungs- oder Qualifizierungsmaßnahmen verschoben wurden – oder wie es offiziell heißt „Teilnehmer an ausgewählten Maßnahmen aktiver Arbeitsmarktpolitik“ geworden sind – und daher nicht mehr offiziell als arbeitslos zählen. Tatsächlich jedoch lag diese Zahl im März 2005 bei über 1,3 Mio. Menschen, im Mai 2015 hingegen bei „nur“ noch 837 Tsd. Obwohl also knapp 500 Tsd. Menschen weniger aus der Statistik geschoben werden, ist die Gesamtzahl an Arbeitslosen klar gesunken.

Bei letztlich fast gleicher Methodik weniger Arbeitslose und weniger Menschen in Arbeitsmarktmaßnahmen geparkt. Zumindest auf den ersten Blick könnte man also versucht sein, die Arbeitsmarktentwicklung der vergangenen Jahre uneingeschränkt positiv zu sehen. Doch so einfach ist es dann leider nicht. Das Arbeitsvolumen, also die Gesamtzahl der offiziell geleisteten Arbeitsstunden lag 2014 nur minimal höher als unmittelbar vor den Arbeitsmarktreformen der Schröder-Regierung und sogar niedriger als in der ersten Hälfte der 1990er Jahre. So lag die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden gemäß Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, einer Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, 1994 bei 49,188 Mrd. und 2014 mit 49,132 Mrd. annähernd gleich hoch. Etwas verkürzt formuliert könnte man also behaupten, der gesamte Rückgang der Arbeitslosenzahl seit damals ist gerade nicht das Ergebnis von mehr Arbeit, sondern schlicht von einer Umverteilung der vorhandenen Arbeitsstunden.

Um es vorsichtig zu formulieren, ist es daher problematisch, von einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik zu sprechen, die tatsächlich zu mehr Arbeit geführt hat. Und da liegt vielleicht das eigentliche Problem. Die derzeitigen Regierungsparteien beanspruchen jeweils für sich, für die rosige Arbeitsmarktsituation verantwortlich zu sein, weder Union noch Sozialdemokraten könnten nun einfach eingestehen, dass durch ihre Politik letztlich vor allem Arbeit umverteilt wurde. Dabei muss es keine per se negative Entwicklung sein, mehr Menschen über eine schlichte Umverteilung vorhandener Arbeit in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Frage ist eher, wie die Arbeit umverteilt wird, zu welchen Konditionen und wie freiwillig dies seitens der Betroffenen geschieht. Es ist für die politisch Verantwortlichen jedoch schwierig, einen Prozess, den man eigentlich verleugnet, gleichzeitig aktiv zu steuern. Das Ergebnis ist dann letztlich eine schöne Statistik, die jedoch von großen Teilen der Öffentlichkeit schlicht nicht geglaubt wird. Dabei ist nicht die Statistik falsch, sondern lediglich die Interpretation daraus, nämlich die eines deutschen Arbeitsmarktwunders.

  1. Andreas Kolbig
    17. Juni 2015 um 10:10

    Entscheidend – gesamtwirtschaftlich gesehen – ist vor allem die Entwicklung des gesamten Lohnaggregates, sowohl absolut als auch relativ zu anderen Einkommensarten und relativ zum Produktivitätswachstum. Wäre diese ausgewogen, müsste man sich der Umverteilung der Arbeit auch nicht schämen. So ist diese Statistik wie vieles andere nur die Projektion/ Verleugnung makroökonomischer Unkenntnis, geronnen in einem Ritual, das an die DDR erinnert (bezogen auf Planerreichungen), und den ..ismus in seinen Lauf halten bekanntlich weder Ochs noch Esel auf…

  2. jenny
    17. Juni 2015 um 10:09

    Umverteilung auf mehr Teilzeit ist schon richtig. Bei Frauen soll sogar die durchschnittlich geleistete Arbeitszeit wg. den vielen Minijobberinnen gesunken sein auf nur noch ca 19 Std-Woche.

    Ich hab aber auch gehört, dass seit ca. 2010 mehr Arbeitende und Arbeitslose den Arbeitsmarkt Richtung Ruhestand verlassen, als junge neu hinzutreten. Es findet doch eine demographische Entlastung am Arbeitsmarkt statt.

    Da wo ich arbeite, beginnt gerade die Rentnerwelle, wobei aber ca. jede 2. Stelle nicht nachbesetzt wird, sondern mit dem Ex-Arbeitsplatzbesitzer wegfällt. Dennoch sehe ich derzeit in der demographischen Entwicklung eher einen Segen.

    D.w. halte ich die Mismatcharbeitslosigkeit in DE für sehr groß – dafür gibt es das neue Datentool BEN auf den Seiten der Arbeitsagentur — gerade in den am meisten ausgebildeten Berufen Handel und Bürokaufleute kommmen auf eine freie Stelle schon mehr als 16 Arbeitslose, manchmal schon bis zu 20 Arbeitslose.

    Hätte man ein besseres Umschulungssystem könnte das Mismatch reduziert und die Langzeitarbeitslosigkeit gesenkt werden, letztere ist in DE höher als in den meisten anderen Industrieländern. Der hohe Niedriglohnsektor bei zeitgleichem Mangel an Mitarbeitern in anderen Branchen könnnte auch auf solche Mismatches zurückgehen.

  3. 16. Juni 2015 um 22:56

    Wer nicht eine eigene Bedarfsgemeinschaft ist, sondern verheiratet oder irgendwie verpartnert ist (natürlich ohne gesetzlich- tariflich- steuerlich bevorteilt zu sein), sprich: durchgefüttert wird, rennt sicher nicht los, um sich statistisch erfassen zu lassen, wenn es keine Leistung gibt.

  1. 17. Juni 2015 um 09:04
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